Kuciak, Galizia, »Charlie Hebdo« Wenn Journalisten zum Ziel von Attentaten werden

Der Mordanschlag auf den niederländischen Journalisten Peter R. de Vries ist kein Einzelfall: In den vergangenen Jahren wurden in der EU mehrere Journalisten aufgrund ihrer Recherchen getötet. Der Überblick.
Erinnerung an Daphne Caruana Galizia: Die Journalistin und Bloggerin wurde 2017 getötet

Erinnerung an Daphne Caruana Galizia: Die Journalistin und Bloggerin wurde 2017 getötet

Foto: Guglielmo Mangiapane / REUTERS

Der niederländische Journalist Peter R. de Vries kämpft nach einem Anschlag um sein Leben. Am Dienstagabend gegen 19.30 Uhr wurde er beim Verlassen eines TV-Studios im Zentrum von Amsterdam auf offener Straße niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Der 64-Jährige sei mit einem Kopfschuss ins Krankenhaus gebracht worden, teilte die Polizei mit.

De Vries ist der führende Kriminalreporter der Niederlande und tritt regelmäßig auch als Sprecher von Opfern oder Zeuginnen und Zeugen bei Prozessen auf. Ministerpräsident Mark Rutte sprach in der Nacht zum Mittwoch von einem »Anschlag auf den freien Journalismus«.

Der niederländische Kriminalreporter Peter R. de Vries (Archivbild)

Der niederländische Kriminalreporter Peter R. de Vries (Archivbild)

Foto: Peter Dejong / dpa

Der Angriff auf de Vries ist kein Einzelfall. Einer Erhebung des Komitees zum Schutz von Journalisten  zufolge wurden seit 2010 weltweit mindestens 550 Journalistinnen und Journalisten wegen oder bei ihren Recherchen getötet. Im internationalen Vergleich sind Vorfälle im europäischen Raum eher selten, doch auch in der EU werden immer wieder Journalisten und Journalistinnen wegen ihrer Recherchen ermordet.

Ján Kuciak (Slowakei)

Der Investigativjournalist Ján Kuciak recherchierte zu zwielichtigen Geschäften des slowakischen Unternehmers Márian Kočner und zu den Verfilzungen zwischen Politik und Wirtschaft. Am 21. Februar 2018 wurden er und seine Verlobte Martina Kusnirova, beide 27 Jahre alt, in ihrem Haus erschossen.

Mit 27 Jahren ermordet: Der slowakische Investigativjournalist Ján Kuciak

Mit 27 Jahren ermordet: Der slowakische Investigativjournalist Ján Kuciak

Foto:

HANDOUT/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Der Täter wurde schnell gefasst und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Doch im Laufe der Ermittlungen kam der Verdacht auf, dass Marián Kočner den Mord in Auftrag gegeben haben könnte. Er kannte Kuciak, denn der Reporter schrieb immer wieder über die Verbindungen, die Kočner wohl zur italienischen Mafia unterhielt.

Besondere Bedeutung gewann der Fall, weil im Zuge der Ermittlungen aufflog, dass Kočner eng mit Politik und Justiz verbandelt war. So hatte er offenbar Zugang zum Umfeld des damaligen Regierungschefs Robert Fico.

Aus Protest gegen das korrupte Netzwerk aus Politik, Wirtschaft und Halbwelt gingen Hunderttausende Slowaken in Bratislava und anderen Städten auf die Straße. Fico musste schließlich zurücktreten.

Kočner und seine mutmaßliche Helferin Alena Zsuzsova waren Ende 2020 vorerst freigesprochen worden. Mitte Juni hob der Oberste Gerichtshof die Freisprüche auf, der Prozess wird nun neu aufgerollt.

Giorgos Karaivaz (Griechenland)

Die Brutalität der Tat deutete auf das organisierte Verbrechen hin: Mit zehn Schüssen wurde der griechische Polizeireporter Giorgos Karaivaz am 9. April 2021 im Athener Stadtteil Alimos getötet. Die vermummten Täter verwendeten wohl eine Waffe mit Schalldämpfer, mit Motorrädern flohen sie vom Tatort.

Tatort Athen: Der griechische Journalist Giorgos Karaivaz wurde 2021 auf offener Straße erschossen

Tatort Athen: Der griechische Journalist Giorgos Karaivaz wurde 2021 auf offener Straße erschossen

Foto: Giannis Panagopoulos / ANE Edition / imago images

Der 52-jährige Karaivaz arbeitete als Polizeireporter für verschiedene Zeitungen und Rundfunkmedien. Er berichtete immer wieder über die organisierte Kriminalität und Machenschaften von korrupten Beamten. Karaivaz war verheiratet und hatte ein Kind.

Die griechischen Sicherheitsbehörden gingen von einem Auftragsmord aus. »Der kaltblütige Mord an dem Journalisten George Karaivaz hat die ganze Gesellschaft schockiert«, twitterte damals der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis.

Daphne Caruana Galizia (Malta)

Daphne Caruana Galizia war eine regierungskritische Bloggerin. Im Oktober 2017 wurde sie umgebracht. Die Malteserin starb, als eine unter ihrem Auto angebrachte Bombe explodierte.

Mit 53 Jahren umgebracht: Daphne Caruana Galizia starb durch eine Autobombe

Mit 53 Jahren umgebracht: Daphne Caruana Galizia starb durch eine Autobombe

Foto: Jon Borg / dpa

Der Mord an der Journalistin in einem EU-Land sorgte weltweit für Aufsehen und führte zu einer Reihe von Rücktritten auf höchster politischer Ebene in Malta. Galizia hatte über Korruption in Politik und Wirtschaft in ihrem Land berichtet. Darin verwickelt waren nach ihren Recherchen auch Mitglieder der Regierung.

Mehr als drei Jahre nach dem Mord verurteilte ein Gericht im Februar 2021 einen von drei Angeklagten zu 15 Jahren Gefängnis. Die Ermittlungen gegen weitere Komplizen laufen weiter.

»Charlie Hebdo« (Frankreich)

Der islamistische Terrorangriff gegen die Redaktion der Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« erschütterte Frankreich und die ganze Welt. Am 7. Januar 2015 drangen zwei maskierte Männer in die Redaktionsräume in Paris ein. Mit Sturmgewehren erschossen sie zwölf Menschen, mindestens 20 weitere wurden verletzt. Die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen galt als Hintergrund der Attacke auf die Redaktion.

Anschlag in Paris: Rettungswagen stehen in der Nähe der Redaktionsräume von »Charlie Hebdo«

Anschlag in Paris: Rettungswagen stehen in der Nähe der Redaktionsräume von »Charlie Hebdo«

Foto: Francois Mori/ AP/dpa

»Ich werde es nie vergessen«, sagte François Molin, damals Staatsanwalt und einer der Ersten vor Ort, er erinnert sich an einen »Geruch von Schießpulver und Blut«.

Die Täter wurden auf der Flucht erschossen. Anfang September 2020 begann der Prozess gegen 14 mutmaßliche Helfer der beiden Attentäter. Das Satiremagazin hatte zu Beginn des Prozesses erneut die Mohammed-Karikaturen veröffentlicht, durch die sie zur Zielscheibe von Islamisten geworden war. Daraufhin drohte al-Qaida laut Experten mit einem erneuten Anschlag. Zudem musste die Personalchefin der Satirezeitung nach Morddrohungen an einen sicheren Ort gebracht werden.

Zwei Männer, die als Komplizen der Attentäter gelten, wurden im Dezember 2020 zu 30 Jahren Haft verurteilt.

lau