Diese Dinge aus ihrer Heimat vermisst Veronika, 7, aus Kiew am meisten

Diese Dinge aus ihrer Heimat vermisst Veronika, 7, aus Kiew am meisten

Foto: Rebecca Hoppé; Zeichnung: Veronika

Geflüchtet aus der Ukraine Was Kinder am meisten vermissen

Die Puppe, der Hund, Oma und Opa: Wer in ein anderes Land flieht, muss viel zurücklassen. Was fehlt besonders? Die Fotografin Rebecca Hoppé hat ukrainische Kinder in Hamburg gebeten, es aufzumalen.
Von Lena Greiner und Rebecca Hoppé
Globale Gesellschaft

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Veronica, 7, vermisst ihre Schule, ihre Großeltern und die Sachen, die sie in dem Regal in ihrem Zimmer in Kiew zurücklassen musste: ihre Stifte, Bücher, Hosen, Kleider, T-Shirts. Alisa vermisst ihren Hund Cris. Vlad seinen Vater, der in Kiew geblieben ist. Der 14-Jährige ist Leistungsschwimmer und trainierte im Olympia-Stützpunkt der Ukraine.

Zwischen Ende Februar und Mitte Juli 2022 wurden rund 909.000 Menschen aus der Ukraine im deutschen Ausländerzentralregister erfasst, die meisten von ihnen sind Frauen und Mädchen, 37 Prozent Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Auch vorherige Befragungen der Kriegsgeflüchteten aus der Ukraine zeigen, dass die meisten Frauen gemeinsam mit Kindern geflohen sind.

So auch die fünf Frauen und ihre Kinder, die die Fotografin Rebecca Hoppé Ende März in einem Wohnhaus im Hamburger Grindelviertel kennengelernt hat, in dem die Besitzer bis Ende August mehrere Ein-Zimmer-Wohnungen für ukrainische Familien zur Verfügung gestellt haben. Bis auf einen Vater, der ausreisen durfte, weil er drei minderjährige Kinder hat, befinden sich alle Männer noch in der Ukraine, auch ein erwachsener Sohn durfte das Land nicht verlassen. Derzeit muss keiner von ihnen kämpfen, aber das kann sich jederzeit ändern.

Abschied am Bahnhof: Mutter und Kind verlassen die Ukraine

Abschied am Bahnhof: Mutter und Kind verlassen die Ukraine

Foto:

Narciso Contreras / Anadolu Agency / Getty Images

Hoppé begleitet die Familien seit Monaten. »Der Schmerz des Krieges ist ein ständiger Begleiter«, sagt die Fotografin. »Aber ich erlebe die Eltern als sehr tapfer, trotz ihres starken Heimwehs versuchen sie, für ihre Familien das Beste hinzukriegen.« Bei den ersten Begegnungen seien einige der Kinder sehr ernst und zurückhaltend gewesen, inzwischen habe sie den Eindruck, dass sie sich den Umständen entsprechend gut eingelebt haben.

»Eines Tages wurde ich gebeten, Passfotos der Kinder zu machen«, erzählt Hoppé. »Ohne es in dem Moment zu wissen, war das der Anfang meiner Porträt-Serie, für die ich kurze Momente eingefangen habe, in denen die Kinder in ihren Gedanken versunken waren.« Zudem bat sie die Kinder, in einem selbst gemalten Bild festzuhalten, woran sie denken, wenn sie sich an ihr Zuhause erinnern. Was sie besonders vermissen.

Hier beschreibt die Fotografin, was die Mütter ihr von der Flucht, dem Leben in der Ukraine und dem neuen Alltag in Deutschland berichteten.

Vlad, 14, vermisst seinen Vater

Vlad ist mit seiner Mutter Agnessa S. nach Hamburg geflohen. Als der Krieg ausbrach, war der Himmel am Rande der Hauptstadt Kiew voller Militärflieger, immer wieder heulten Sirenen auf. Die Familie hatte große Angst, hielt sich nächtelang im Keller versteckt, bis sie den Entschluss fasste, zu fliehen. Der Vater musste zurückbleiben; er kümmert sich um seine eigenen, mittlerweile sehr schwachen Eltern. Die Trennung schmerzt die Familie. Vlads verheiratete Schwester floh nach Polen und arbeitet dort nun als Arzthelferin. Auch sie musste ihren Mann zurücklassen.

In Hamburg angekommen, herrschte erst einmal Chaos, erzählte Agnessa S. der Fotografin Rebecca Hoppé. Sie bekamen einen Platz in einem der Aufnahmelager, wurden zwischendurch in einem Hotel untergebracht, bis sie schließlich ein Zimmer im Grindelhof bekamen. Vlad ist Leistungsschwimmer, trainierte im Olympia-Stützpunkt der Ukraine, es war ein wichtiger Teil seines Lebens.

Am 20. April konnte Vlad sein Talent im Olympiastützpunkt Hamburg beweisen – und wurde angenommen. Seitdem trainiert er dort regelmäßig, geht ansonsten zur Schule, hat Freunde gefunden und saugt die deutsche Sprache auf. »Ich erinnere mich noch daran, als wir uns kennenlernten«, erzählt Hoppé, »Agnessa und Vlad waren damals noch in den Messehallen untergebracht. Vlad wiederholte unentwegt die Bahndurchsagen: ›Nächste Haltestelle Jungfernstieg. Übergang zur U1, U2…‹ Er übte und übte und übte.«

Alisa, 6, vermisst ihren Hund

Alisa und ihre Mutter Alina B. stammen auch aus Kiew. Mutter und Tochter flohen gemeinsam mit Vlad und seiner Mutter Agnessa nach Hamburg und kamen ebenfalls in dem Wohnhaus unter.

»Bei Alina habe ich die größte Verzweiflung darüber gespürt, dass sie ihren Mann und vor allem ihren 21-jährigen Sohn zurücklassen musste«, berichtet Hoppé. »Ihren Sohn nicht bei sich haben zu dürfen, nicht beschützen zu können, bricht ihr das Herz.« Die Entscheidung zur Flucht war eine enorme emotionale Herausforderung für die Mutter. Hätte ihr Mann – »mein Fels in der Brandung«, wie Alina ihn nennt – sie nicht angefleht, sich und ihr jüngstes Kind in Sicherheit zu bringen, wäre sie womöglich geblieben. Ihren Sohn brachten sie bei seiner Großmutter außerhalb von Kiew unter.

Seit der Flucht sind nun mehr als fünf Monate vergangen. »Voller Sehnsucht und mit einer gewissen Demut zeigt Alina mir Videos und Fotos aus einer glücklichen Zeit vor dem Krieg«, erzählt Hoppé. »Ich sehe Geburtstagsszenen von Alisa, die aufgeregt Geschenke öffnet, das Zuhause mit Luftballons geschmückt. Oder wie Alisa während eines Familienurlaubs in Odessa fröhlich im Meer spielt und ihr älterer Bruder schützend in ihrer Nähe bleibt. Ich sehe Mutter und Tochter singend im Auto durch die Straßen von Kiew fahren, um sie herum der ganz normale Alltag einer Großstadt.«

Vor dem Krieg hatte die Familie einen Waschmittelvertrieb, ein gut laufendes Unternehmen, das mittlerweile völlig brach liegt. Der Vater lebt weiterhin in Kiew, zusammen mit dem Familienhund Cris. Alisa, die in die erste Klasse geht, telefoniert jeden Tag per FaceTime mit ihrem Vater und dem Hund, den sie besonders vermisst.

Kolja, 3, und Kristina, 8, vermisst eine Freundin

Die Geschwister Kristina und Kolja lebten mit ihren Eltern und ihrem zwölfjährigen Bruder Denys in Kaniw, einer Stadt 150 Kilometer südlich von Kiew. Die Eltern handelten mit Obst und Gemüse, ernteten Äpfel, Pfirsiche, Wassermelonen und Tomaten und verkauften sie in der Umgebung. So waren auch die Kinder ständig in der Natur. Häufig passte die Großmutter auf sie auf.

Als der Krieg ausbrach, hatten sie zunächst nicht vor, die Ukraine zu verlassen. Doch die Situation habe sich immer bedrohlicher angefühlt, erzählten sie Hoppé, und der Lärm der Militärflugzeuge habe die Kinder in Angst versetzt.

Also machten sie sich Anfang März doch auf den Weg. An der Grenze angekommen, dauerte der Übergang nach Polen einen Tag, Schlangen von Familien standen an, um aus dem Land zu kommen. Es war kalt, aber überall gab es Verpflegungsstationen mit Essen und Getränken.

Von Krakau fuhren sie dann nach Berlin und von Berlin nach Hamburg. Sie kamen in eine Flüchtlingsunterkunft, bis die Mutter über Facebook die vorübergehende Wohnmöglichkeit im Grindelviertel entdeckte. Mit viel Durchhaltevermögen und Glück fand die Familie inzwischen eine feste Bleibe.

»Bei unseren ersten Begegnungen waren die Kinder sehr ernst und zurückhaltend«, berichtet Hoppé, »mittlerweile habe ich den Eindruck, dass sie sich den Umständen entsprechend gut eingelebt haben.«

Ivan, 3

Am 24. Februar um 5 Uhr morgens hörte Ivans Mutter Yuliia P. in Kiew Knallgeräusche der russischen Artillerie. »Ich stand auf, öffnete die Fenster und hörte das Knallen wieder«, erzählte sie später der Fotografin. Ein Freund aus Stryj schrieb ihr, dass der Krieg begonnen habe. Sie weckte ihren Mann und ihre beiden Söhne, den dreijährigen Ivan und den 15-jährigen Rostik, und sagte zu ihnen: »Lasst uns packen und gehen.«

So fuhr die Familie los, in Richtung polnische Grenze. Zunächst blieben sie drei Tage bei dem Freund in Stryj, mussten immer wieder wegen des Alarms und der Sirenen in den Keller.

Irgendwann hielt es Yuliia P. nicht mehr aus, ließ sich an die Grenze bringen. Am 1. März erreichten die Mutter und ihre Söhne Hamburg, ein Onkel holte sie ab und brachte sie am nächsten Tag zur Registrierung. Zunächst kamen sie in eine Unterkunft, wo sie einen Monat lang blieben, dann in das Wohnheim, in dem sie jetzt sind. Nun suchen sie auf eigene Faust eine Wohnung, was sie stark unter Druck setzt. Auch ob sie in Deutschland bleiben möchte und für wie lange, kann Yuliia P. derzeit nicht sagen – schon gar nicht, solange ihr Mann noch in der Ukraine ist.

Veronika, 7, vermisst ihr Zimmer

Veronika lebte mit ihrer Familie in Kiew, bis der Krieg begann, oder wie ihre Mutter Oksana H. es ausdrückt: »Bis zum 24.02.2022, dem schrecklichen Datum für unsere Heimat.«

Ihr Leben sei von vielen Alltagsdingen erfüllt gewesen, berichtet Oksana H., die seit mehr als zwölf Jahren am Obersten Gericht der Ukraine arbeitete. »Ich hatte große Pläne und Aussichten, einen wesentlichen Beitrag für unser Land leisten zu können«, sagt sie.

Veronika ging in die erste Klasse, voller Freude, wie ihre Mutter erzählt: »Jeden Tag kam sie glücklich zurück und erzählte von ihren Freunden und Lieblingslehrern.« Außerdem ging das Mädchen jede Woche dreimal für zwei Stunden zur Rhythmischen Sportgymnastik, ihrem absoluten Lieblingssport. In der Freizeit und an den Wochenenden sei die Familie häufig aus der Stadt rausgefahren, um mit Freunden und Verwandten zu grillen, Spiele zu spielen und Spaß zu haben. Die Ferien verbrachten sie meist in Oksanas Heimat, den Karparten.

»Leider war ich am frühen Morgen des 24. Februar so überrascht, verwirrt und verängstigt, dass ich nur ein paar Unterlagen in einen kleinen Koffer packte, Veronika ihre Schulhefte nahm und wir ins Auto stiegen. Seither waren wir nicht mehr in unserer Wohnung und unserem geliebten Kiew«, erzählte sie.

Anfang März im Zug aus der Ukraine in Richtung Slowakei: Familien mit kleinen Kindern auf der Flucht

Anfang März im Zug aus der Ukraine in Richtung Slowakei: Familien mit kleinen Kindern auf der Flucht

Foto: Robert Nemeti / Anadolu Agency / Getty Images

Zunächst blieb die Familie im Westen der Ukraine, aber als sich die Kriegsereignisse noch aktiver zu entwickeln begannen, beschlossen Oksana und ihr Mann, dass die Mutter mit Veronika die Ukraine verlassen würde.

Über Breslau in Polen kamen Mutter und Tochter nach Hamburg, wo ihre Kiewer Freundin Alina sie für die ersten Tage aufnahm, die Mädchen kennen sich vom Turnen. »In den ersten Tagen kam mir die Stadt so fremd vor, grau und kalt. Ich weinte viel«, erzählt Oksana H., »doch der Kontakt zu den anderen Menschen im Haus und in der Stadt, ihr Rat und ihre Hilfe und die Aufrichtigkeit in ihren Augen ließen mich in meiner Entscheidung sicherer fühlen, dass wir hierbleiben, bis die Lage in unserem Land geregelt ist.«

Inzwischen wohnen die beiden in einer eigenen Wohnung, Veronika geht zur Schule, lernt Deutsch. Die Mutter vermisst ihre Verwandten, die in der Ukraine geblieben sind, ihre Freunde, ihr Leben dort. Veronica vermisst vor allem ihren Lieblingssport Turnen, ihre Großeltern, Lehrer und Freunde. »Und sie spricht oft über ihre Bücher, Spielsachen und verschiedene Haushaltsgegenstände aus unserer Wohnung«, sagt die Mutter. »Doch ich bin so froh, dass sie in Sicherheit ist, nachts gut schläft und sich nicht in einem Luftschutzkeller vor feindlichen Raketen verstecken muss.«

Und sie sei dankbar dafür, was Deutschland und die Menschen, die sie hier getroffen haben, für die Ukrainerinnen und Ukrainer tun: »Wir hoffen, dass wir in Zukunft jedem etwas zurückgeben können und diesem Land nützlich sein werden!«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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