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Jacques Herremans / DER SPIEGEL

Golf von Thailand Farnaz Chavoushi, 38, Harvard-Absolventin und Karrieristin, steigt aus – für immer?

Sie fliehen vor Pandemie, Klimakrise, Krieg: Auf Koh Phangan treffen sich Auswanderer, um ein neues Leben anzufangen. Darf man sich so einfach davonmachen, während die Welt aus den Fugen gerät?
Von Koh Phangan berichtet Maria Stöhr
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Farnaz Chavoushi, 38, aus Amsterdam, machte in ihrem Leben vieles richtig, aber es fühlte sich falsch an. Sie studierte in Harvard, unterschrieb bei McKinsey, verantwortete 200-Millionen-Dollar-Projekte. Sie arbeitete viel, verdiente viel, und es ging schnell nach oben. Wie das eben läuft, wenn man »auf der Schiene ist«, wie sie sagt. Doch in stillen Momenten fühlte sie sich leer, busy, und unter Druck.

Und dann tat Chavoushi vor zwei Jahren das, wovon die meisten nur immer mal wieder reden, es sich aber nie trauen. Sie zog auf eine Insel.

Es sei ihr nie so gut gegangen wie in den vergangenen zwei Jahren, sagt Chavoushi. Ein bemerkenswerter Satz, weil es um die zwei Jahre geht, in denen sich mit Pandemie, Klimakrise, Kriegsnachrichten so ziemlich der ganze Rest der Welt in regelmäßigen Abständen fragte, wie lange man den Wahnsinn noch aushalten kann.

Strandspaziergang auf Koh Phangan: »You are Everything«

Strandspaziergang auf Koh Phangan: »You are Everything«

Foto: Jacques Herremans / DER SPIEGEL

Die Insel, auf die Chavoushi gezogen ist, heißt Koh Phangan und liegt im Golf von Thailand, gegenüber von Koh Samui, das ist die Insel der Pauschaltouristen. Phangan erreicht man mit dem Boot in 40 Minuten. Es ist ein Ort mit engen Buchten und felsigen Sandstränden. Sie rahmen einen hügeligen dunkelgrünen Dschungel, von dem am Abend weißer Dunst aufsteigt, fast als hätte der König der Löwen ein kleines Feuer gemacht.

Die Insel teilt sich auf in zwei Teile. Den Süden, in dem Backpacker die Nächte auf Full Moon Partys durchfeiern. Und den Norden, wo die Yoga-Studios sind und die Seminare für ein bewussteres Leben. Wo auf Straßenschildern steht: »You are Everything«, und wo in den Cafés, die in Abwandlung alle Pure Vegan Heaven heißen, Essen ohne Salz aus Schüsseln gereicht wird.

Strandparty Mitte März 2022 am Zen Beach im Osten der Insel

Strandparty Mitte März 2022 am Zen Beach im Osten der Insel

Foto: Jacques Herremans / DER SPIEGEL

Die Ziele der Langzeitreisenden und Aussteigerinnen hießen mal Goa oder Bali. Jetzt sehr oft Koh Phangan.

Farnaz Chavoushi, braune gestufte Locken, goldene Armreifen, das Kleid am Rücken gebunden, lebt dort in einem Bungalow, dessen Terrasse den Blick auf die Bucht freigibt. Hier sitzt sie und erzählt, von vorn.

Sie sagt, sie habe ihr Leben lang nach diesem Vorsatz gelebt: »Du bist, was du erreichst.« Deshalb die Elite-Uni, der Job in der wichtig klingenden Firma, der wichtig klingende Jobtitel. Ihre Peer Group, wie Chavoushi sagt, also die Leute um sie herum, fanden bis spätabends arbeiten genauso geil wie sie. Weil alle wussten: Wer am krassesten drauf ist, bekommt als erste die Beförderung. Ein sich selbst erhaltendes System.

Farnaz Chavoushi auf der Terrasse ihres Bungalows

Farnaz Chavoushi auf der Terrasse ihres Bungalows

Foto: Jacques Herremans / DER SPIEGEL

Chavoushi sagt: »Ich habe immer gedacht: Wie sortieren mich die Leute ein, was denken sie von mir? Dabei bin ich immer unglücklicher geworden.«

Dann geht Chavoushi auf ein Tanzfestival und lernt einen Typen kennen. Der nach völlig anderen Regeln lebt als sie: nur gelegentlich Geld verdienen, viel an sich selbst arbeiten. Nicht nur eine Beziehung haben, nicht nur einen Menschen lieben, sondern viele. Die beiden führen ein Jahr lang eine offene Beziehung. Kurz vor der Coronakrise überzeugt er Chavoushi, für eine Zeit alles in Amsterdam ruhen zu lassen und auf Reisen zu gehen. Sie habe drei Wochen freigenommen, erzählt sie, und sei auf Koh Phangan gelandet.

Sie ging nie wieder weg.

Strand auf Koh Phangan

Strand auf Koh Phangan

Foto: Jacques Herremans / DER SPIEGEL

Anfangs habe sie gedacht, dass sie ein paar Monate bleibe und sich dann neu orientiere, in Europa, bei ihren Freunden, bei ihrer Familie in Amsterdam. Den Flug habe sie immer weiter nach hinten geschoben. Inzwischen sind es zwei Jahre und drei Monate. Sie hat ihre Wohnung gekündigt, sie hat ihren Chef angerufen und gesagt, dass sie nicht mehr wiederkommt.

Was hat sie gefunden?

»Die Leute sind hier viel offener, sie unterstützen mich bei meinem Weg. Ich kann von ihnen lernen. So etwas habe ich zu Hause nie gefunden. Dort sind alle mit dem Kopf bei ihrer Arbeit, bei ihren Hunden, Kindern, Familien, Highschool-Prüfungen.«

Sie sagt: »Ich war früher sehr skeptisch gegenüber allem Spirituellen. Aber hier auf der Insel traf ich Leute, die ein tieferes Verständnis von der Welt haben. Hier ist eine andere Energie. Alles ist aufregend. Alle sind mir mit Liebe begegnet, alle verstanden, warum ich mich leer fühlte.«

»Man kann das nicht in Worte fassen, aber etwas ist anders hier als überall sonst auf der Welt.«

Brian Gruber, der seit elf Jahren auf Koh Phangan lebt

»Hier ist eine andere Energie«

»Hier ist eine andere Energie«

Foto: Jacques Herremans / DER SPIEGEL

Wenn man davon ausgeht, dass am Ende alle dasselbe wollen, nämlich ein bisschen in Frieden leben, dann muss man sagen: Es ist nicht so überraschend, dass Leute diesen Zustand auf Koh Phangan leichter finden als in einem lauten Großstadtviertel voller Beton. Alles ist hier darauf ausgelegt: Es gibt Inner Walks, Mediationen, Detox-Kurse, Klangschalentherapien, Magnetfeldtherapien und transformative Tantra-Seminare.

Man kann zu Technopartys in Bambushütten am Rand des Dschungels gehen, wo direkt daneben das schwarze Meer gegen die Felsen brandet.

Es gibt Dancefloors, auf denen Kakao und tropische Früchte gereicht werden; auf denen man sich in Ekstase tanzen soll; wo Frauen mit Leinenhosen und bauchfreien Oberteilen sich im Rhythmus bewegen und Männer ohne Oberteile und mit Frisuren wie Jesus.

Ecstatic Dances, Inner Walks, Detox-Kurse, Klangschalentherapien

Ecstatic Dances, Inner Walks, Detox-Kurse, Klangschalentherapien

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Ein DJ an einem der vielen Sunset-Spots der Insel

Ein DJ an einem der vielen Sunset-Spots der Insel

Foto: Jacques Herremans / DER SPIEGEL

Es wird viel von Heilung und vom Loslassen gesprochen, von der Liebe zu sich selbst, vom Gesundwerden und vom Annehmen des eigenen Körpers. Man kann hier von Magie sprechen und es muss einem nicht peinlich sein. Eine Insel wie entkoppelt von allem Leid und Stress, von allem, was man hinter sich gelassen hat. Es ist hier so unverschämt leicht, die Welt auszublenden.

Vieles, was heute Koh Phangan ausmacht, hat seinen Ursprung in den späten Sechzigern und Siebzigern, als ein paar Aussteiger, die den Hippie-Trail über die Türkei, Iran, Nepal, Indien bis nach Thailand genommen hatten, die ersten kleinen Bungalows auf der Insel bezogen.

Brian Gruber zog vor elf Jahren von Kalifornien nach Koh Phangan

Brian Gruber zog vor elf Jahren von Kalifornien nach Koh Phangan

Foto: Jacques Herremans / DER SPIEGEL

Ende der Neunzigerjahre wurde die Insel dann bekannter und bekannter, erst für die Partys unterm Vollmond, dann eröffnete ein Yogastudio nach dem anderen.

Erzählt Brian Gruber, ein Kalifornier, der seit elf Jahren auf der Insel lebt und gerade ein Buch über diesen Ort geschrieben hat. Er sagt: »Koh Phangan hat großartige Natur, eine tolle Infrastruktur, aber keinen Flughafen. Das schützt die Insel vor den Touristenmassen, das macht sie aus.«

Gruber sagt, es seien schon immer Leute hierhergekommen, deren Leben im Westen zwar okay war, die aber nach einem tieferen Sinn suchten. Hier gebe es alles, Gurus, Pilze, Wassermelonen-Shakes. »Man kann das nicht in Worte fassen«, sagt er, »aber etwas ist anders hier als überall sonst auf der Welt.«

In der Pandemie sind mehr als hundert neue Leute auf die Insel gezogen

In der Pandemie sind mehr als hundert neue Leute auf die Insel gezogen

Foto: Jacques Herremans / DER SPIEGEL

In der Pandemie sind mehr als hundert neue Leute auf die Insel gezogen. Solche, die zunächst Masken, Impfungen und Quarantäne entkommen wollten. Viele, die einen Zufluchtsort suchten in sehr unruhigen Zeiten. Wenn man mit ihnen spricht, sagen sie, in der Coronazeit hätten sie gemerkt, dass sie ihr Leben ändern, etwas abwerfen müssen. Den ganzen Schrott, den man so aufgabelt.

Es gibt welche, die nun denken: dass man es sich erst einmal leisten können muss, den ganzen Tag vor allem Pirouetten um sich selbst zu drehen und dabei auf türkisfarbenes Wasser zu gucken. Und, darf man das? In so einer furchtbaren Zeit?

Farnaz Chavoushi hört diese Vorwürfe oft: dass sich im Paradies neuzuerfinden ein sehr egoistisches und elitäres Ding sei. Ihre alten Freunde aus Amsterdam sagen ihr das dauernd. Und es stimme ja: Sie finanziere ihr neues Leben mit dem Ersparten aus dem alten Hochleistungsjob. Die Zeit, die andere vor dem Computer verbringen müssen, verbringt sie damit, sich selbst zu entdecken.

»Koh Phangan hat großartige Natur, eine tolle Infrastruktur, aber keinen Flughafen. Das schützt die Insel vor den Touristenmassen«

»Koh Phangan hat großartige Natur, eine tolle Infrastruktur, aber keinen Flughafen. Das schützt die Insel vor den Touristenmassen«

Foto: Jacques Herremans / DER SPIEGEL

Aber sie kenne auch solche, die mit fast nichts auf die Insel kommen. Man könne für zwei oder drei Euro am Tag anständig essen. Es gebe immer irgendwo einen Gelegenheitsjob. Die Community halte zusammen. Es hier zu schaffen, hänge weniger vom Geld ab als vom Mut, sich vom alten Leben zu lösen.

Manchmal, sagt Chavoushi, habe sie allerdings schon das Gefühl, mehr zu einer besseren Welt beitragen zu müssen. Mehr von dem einzusetzen, was sie gelernt habe, was sie gut könne.

Aber dann sagt sie: »So viel Leid in der Welt kommt daher, dass die Menschen nicht miteinander verbunden sind, dass es Missverständnisse, Hass und Wut gibt. Würden alle anfangen, das zu durchschauen, würde die Welt ein anderer Ort werden. Ich wünschte, mehr Menschen würden sich auf die Reise begeben, die ich gewagt habe.« Eine echte Veränderung in der Welt, fange, so Chavoushi, bei einem selbst an.

Die Alternative zum Bleiben sei, dass sie zurückgehe und es ihr weiter genauso schlecht ginge wie allen anderen.

Chavoushi will bald für ein paar Wochen nach Amsterdam fliegen, zum ersten Mal, seit sie wegging. Sie möchte ihre Nichte kennenlernen, die vor Kurzem geboren wurde. Ansonsten gebe es keinen Grund zurückzukehren. Ihr Leben, das sei jetzt auf der Insel.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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