Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

Bedrohte Megacity So soll Bangkok vor dem Wasser gerettet werden

Schon 2030 könnten Teile Bangkoks komplett überflutet sein. Doch es gibt Ideen, um die Zukunft der Stadt zu sichern – eine Rettung liegt 28 Meter unter der Erde.
Von Maria Stöhr, Adam Dean (Fotos) und Bernhard Riedmann (Grafik)
Globale Gesellschaft

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Das, was Bangkok und seine elf Millionen Einwohner am Ende retten könnte, liegt verborgen unter der Stadt, 28 Meter tief in der Erde.

In einem klapprigen offenen Baustellenaufzug geht es hinab, zur Grabungsstelle von Tunnel fünf.

Der Tunnel ist ein Abwasserkanal. Fünf Meter Durchmesser, neun Kilometer lang. Er beginnt im Viertel Nong Bon und endet im Chao Phraya, Bangkoks großem Fluss, der sich durch die thailändische Hauptstadt schlängelt wie ein ungezähmtes Tier.

Wasser wird für Bangkok immer mehr zu einer großen Bedrohung. Es gibt Prognosen, die sagen, dass die südostasiatische Megacity schon 2030 teilweise überflutet sein könnte. Starkregenfälle werden dort im nächsten Jahrhundert zunehmen – gerade gegen Ende der Monsunzeit im Oktober und November.

Die Stadt zählt wie andere Millionenstädte in SüdostasienJakarta, Singapur, Manila, Saigon – zu den am schnellsten sinkenden Städten der Welt. In einem Sonderbericht  des IPCC rechnen Wissenschaftler im schlimmsten Fall mit einem Anstieg des Meeresspiegels um 84 Zentimeter bis 2100.

Wasser – ein Problem? Das war nicht immer so. Das Wasser hat früher während der Regenzeit die Böden der Kleinbauern getränkt. Ausreichend, damit die Pflanzen über die Trockenzeit kamen. Die Felder waren dann monatelang überflutet, mit kleinen Booten bewegten sich die Farmer auf ihnen fort. Sie lebten mit dem Wasser. Sie waren abhängig davon. Das Wasser entschied über hungern und satt sein, Wohlstand und Armut, ein gutes oder ein schlechtes Leben.

November 2021: Zwei Frauen warten auf den Bus im Zentrum von Bangkok

November 2021: Zwei Frauen warten auf den Bus im Zentrum von Bangkok

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

Heute sind die Kleinbauern und ihre Felder längst verdrängt. Jetzt ragen aus dem Delta die Türme von Thailands Hauptstadt in die Luft. Und inzwischen, in dem Moloch dieser Megacity aus Beton, ist das Wasser vor allem: eine gewaltige Herausforderung.

Bangkok kann die Wassermassen, die während der Regenzeit herunterströmen, kaum noch aufnehmen. Es gibt zu wenige Grünflächen, in denen die Fluten versickern könnten, und zu viel Beton – Straßen, Vorplätze, Shoppingmalls, Hochhäuser.

Bangkok sinkt jedes Jahr um einen Zentimeter

Das Grauwasser einer zweistelligen Millionenbevölkerung, Toilettenwasser, Regenwasser – alles muss sich durch schmale Gullys zwängen, erst durch kleinere, dann größere Leitungen im Boden. Das funktioniert nicht. Sobald es heftiger regnet, ist das System innerhalb von Minuten verstopft. Wasser staut sich dann meterhoch auf den Straßen und in den Wohnungen der Menschen.

Diese Bewohnerin muss Anfang November 2021 von Hand das Wasser aus ihrer Bangkoker Wohnung schaffen

Diese Bewohnerin muss Anfang November 2021 von Hand das Wasser aus ihrer Bangkoker Wohnung schaffen

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

Hinzu kommt die Klimakrise: Ein Großteil Bangkoks liegt nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. Steigt dieser, steigt auch der Pegel des Flusses Chao Phraya. Außerdem sinkt Bangkok jedes Jahr um etwa einen Zentimeter.

In dieser Geschichte besuchen wir die, die vom Wandel Bangkoks und vom Wasser besonders betroffen sind. Die nicht in den Hochhäusern leben, in denen sie trocken bleiben. Sondern fast am Boden, in den Hütten der Slums. Menschen, die darüber nachdenken müssen, ob sie ihr Zuhause bald aufgeben müssen.

Wir treffen aber auch die, die dafür kämpfen, dass ihre Stadt, ihre Heimat, nicht untergeht. Die Lösungen haben. Die Retterinnen und Retter von Bangkok. Zurück also zur Baustelle von Tunnel fünf.

Somjai erinnert sich an das Bangkok von früher

Zwischen einer Brücke und dem Highway, direkt neben den alten Bahngleisen, auf denen nur noch nachts manchmal Güterwaggons mit Benzintanks durchrauschen, lebt in einer Hütte aus Blech Somjai Lamlamai, 58 Jahre.

Alle nennen sie nur Somjai, deshalb soll sie auch in dieser Geschichte mit ihrem Vornamen stehen. Nachnamen, sagt sie, ergäben in ihrer Welt keinen Sinn. Ihre Welt, das ist die Community hinter dem Makkasan-Tempel, mitten in Bangkok.

Die nächste große Straße mit einer Shoppingmall liegt nur wenige Ecken entfernt. Bangkok ist seit den Siebziger- und Achtzigerjahren extrem gewachsen. 1984 lebten in der thailändischen Hauptstadt etwa fünf Millionen Menschen. 2020 waren es mehr als doppelt so viele: knapp elf Millionen.

Somjai in ihrem Viertel, einem Slum mitten in Bangkok

Somjai in ihrem Viertel, einem Slum mitten in Bangkok

Foto:

Adam Dean / DER SPIEGEL

Sie sitzt da, die Füße in blauen Schlappen, die Maske am Handgelenk, und ist so etwas wie eine Zeitzeugin ihrer Stadt. Mehr als ein halbes Jahrhundert lebt Somjai schon hier. Das Bangkok von früher, sagt sie, habe mit dem Bangkok von heute nichts zu tun. Früher habe sie mit fünf Baht, 13 Cent, auf dem Markt Lebensmittel eingekauft und damit ihre ganze Großfamilie sattbekommen. Heute reiche zehnmal so viel Geld vorn und hinten nicht aus für eine warme Mahlzeit, die alle sättige.

Somjai beim Abwasch: Seit den Achtzigerjahren lebt sie in dem kleinen Slum in Bangkok

Somjai beim Abwasch: Seit den Achtzigerjahren lebt sie in dem kleinen Slum in Bangkok

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

Somjai erinnert sich, wie sie 1983 mit ihrem ersten Mann die Wände ihrer Hütte zusammenhämmerte. Das Blechdach darauflegte.

Damals, sagt sie, als sie noch sehr jung gewesen sei, hätten hinter dem Slum direkt die Felder der Kleinbauern begonnen. Der Highway, auf dem jetzt die gelbgrünen Taxis im Stau stehen, sei früher eine staubige Straße gewesen. Oft hätten die Bewohner nach dem Regen Bambusstangen als Tritthilfen auf die schlammigen Wege gelegt. Direkt hinter ihrer kleinen Siedlung habe der Wald angefangen, mit großen, alten Bäumen.

Somjai erzählt: Wie die Stadt, Ring um Ring um Ring, um ihre kleine Welt herumgewachsen ist. Aus den bewirtschafteten Äckern von damals sind Hochhäuser mit Fitnessstudios geworden. Sie sagt: »Das Regenwasser ist früher einfach durch die Gassen unseres Viertels gerauscht und in den nahen Kanal geflossen.«

Somjai in ihrer Hütte: Wenn es regnet, steht das Wasser in ihrer Behausung »wie in einem Pool«

Somjai in ihrer Hütte: Wenn es regnet, steht das Wasser in ihrer Behausung »wie in einem Pool«

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

Heute kann das Wasser nicht mehr abfließen: Direkt vor den Kanal sind Hochhäuser gebaut worden. Sie versperren dem Wasser den Weg. »Wenn es heute regnet, staut sich das Wasser in meiner Hütte wie in einem Pool.«

Wie das Wasser den Menschen das Zuhause nimmt

Im Jahr 2011 erlebte Thailand die heftigsten Überschwemmungen seit Jahrzehnten. 800 Menschen kamen damals ums Leben. Die Katastrophe hat sich bei vielen Bewohnerinnen und Bewohnern Bangkoks ins Gedächtnis gebrannt, denn auch die Stadt war damals schwer betroffen.

Sechs Monate, von Mai bis Oktober, ist Regenzeit in Bangkok. Was das für manche Teile der Stadt bedeutet, konnte man zuletzt Ende Oktober 2021 sehen.