Überflutungen in Bangladesch "Sie kehren nach Hause zurück und dann ist da nichts mehr außer Wasser"

Ein Drittel von Bangladesch steht unter Wasser, Teile Indiens und Nepals sind überschwemmt, Millionen Menschen obdachlos. Und es drohen weitere Fluten, sagt Sajedul Hasan, Leiter der größten Hilfsorganisationen vor Ort.
Ein Interview von Laura Höflinger, Bangalore
Eine Luftaufnahme aus dem Norden Bangladeschs: "Ein Fluss wie ein Meer"

Eine Luftaufnahme aus dem Norden Bangladeschs: "Ein Fluss wie ein Meer"

Foto: MUNIR UZ ZAMAN/ AFP

SPIEGEL: Herr Hasan, rund ein Drittel Bangladeschs steht unter Wasser. Auch der Nordosten Indiens ist betroffen, ebenso Nepal. Millionen Menschen sind obdachlos, die Zahl der Toten beläuft sich auf mehr als 200. Wie geht es den Menschen in den Krisengebieten?

Hasan: Die Menschen leiden unglaublich. Besonders viele Kinder sind ertrunken, Menschen sind an Schlangenbissen gestorben. Vor allem der Norden und der Nordosten des Landes sind betroffen.

SPIEGEL: Was hat die Fluten verursacht?

Hasan: Der Brahmaputra, der durch Indien, China und Bangladesch fließt, ist einer der längsten Flüsse der Welt. Im Winter können sie mit dem Motorrad durchs Flussbett fahren, so wenig Wasser fließt zu der Jahreszeit. Aber jetzt, während des Monsuns, schwillt der Fluss durch die heftigen Regenfälle zu gewaltiger Größe an. Dann tritt das Wasser über die Ufer, und der Fluss erscheint wie ein Meer.

SPIEGEL: Es ist durchaus normal, dass große Teile Bangladeschs während des Monsuns überschwemmt werden. Tatsächlich bewirken die saisonalen Fluten sogar Gutes: Sie bewässern die Felder und bringen fruchtbare Erde mit sich.

Hasan: Das ist wahr. Und die Menschen haben stets gewusst, mit den Fluten zu leben: Sie packen ihre Sachen und ein wenig Nahrung ein, nehmen ein Boot und retten sich auf höher gelegenes Land. Oder sie bauen eine Plattform, auf der sie sicher sind. Sie wissen, wenn sich das Wasser nach zwei Wochen wieder zurückzieht, dann können sie heimkehren.

Eine Mutter badet ihr Kind in den Fluten

Eine Mutter badet ihr Kind in den Fluten

Foto: MOHAMMAD PONIR HOSSAIN/ REUTERS

SPIEGEL: Was ist dieses Mal anders?

Hasan: Bevor das Wasser vollständig ablaufen konnte, kam schon die zweite Welle. Auch einen Monat später ist immer noch alles überschwemmt. Wir reden von einer ländlichen Region, in der viele ärmere Menschen wohnen. Sie haben vielleicht genug Vorräte, um zwei Wochen auszuharren, aber nicht einen ganzen Monat lang. Was hinzukommt: Wegen der Pandemie und des Lockdowns haben viele von ihnen im Frühjahr ihr Einkommen und Ersparnisse verloren. Schon vor der Überschwemmung gingen bei vielen die Lebensmittelvorräte zur Neige. Die Menschen mussten ihre Ziegen, Hühner und Kühe verkaufen. Wir haben es mit einer Katastrophe inmitten einer Pandemie zu tun.

SPIEGEL: Schickt die Regierung ausreichend Hilfe?

Hasan: Die Regierung tut, was sie kann. Aber die Lage ist schwierig. Die Fluten haben die Kommunikation erschwert. Außerdem sind die Behörden wegen der Pandemie auf andere Dinge fokussiert. Gesundheitspersonal, das normalerweise mithelfen würde, ist mit der Bekämpfung des Virus beschäftigt. Die Bewegungsfreiheit ist wegen der Pandemie eingeschränkt.

SPIEGEL: Was brauchen die Menschen jetzt?

Hasan: Trinkwasser, Nahrung, Medikamente, sanitäre Anlagen, einen Unterschlupf. Und wir müssen an die Zeit nach der Flut denken. Große Teile Ackerlands wurden somit durch Erosion zerstört, ganze Dörfer sind verschwunden. Können Sie sich das vorstellen? Sie kehren nach Hause zurück und dann ist da nichts mehr außer Wasser.

SPIEGEL: Was wird aus den Menschen?

Hasan: Die Folgen sind leider altbekannt: Bei vielen Rikscha-Fahrern in der Hauptstadt Dhaka zum Beispiel handelt es sich um Menschen, die in den Fluten alles verloren haben. Sie kommen in die Stadt auf der Suche nach Arbeit. Dort leben sie meist in Slums.

"Der Monsun könnte sich verschieben"

SPIEGEL: Ist ein Ende des Hochwassers in Sicht?

Hasan: Laut einer Vorhersage könnten die Fluten noch bis Mitte August anhalten. Das wäre katastrophal. Die zweite Welle war schlimm. Eine dritte Welle wäre sehr, sehr schrecklich.

SPIEGEL: Was verändert den Rhythmus der Gezeiten?

Hasan: Vieles davon ist menschengemacht. Wir haben Wälder abgeholzt, was die Erosion beschleunigt. Marschländer, in denen sich das Wasser ausbreiten und versickern konnte, wurden zubetoniert. Und dann ist da der Klimawandel, der alles noch verschlimmern könnte: Viele Wissenschaftler erwarten, dass Sturzregen häufiger werden - und die Regenzeit weniger vorhersagbar. Der Monsun könnte sich verschieben.

SPIEGEL: Eine weitere Befürchtung ist, dass sich Zyklone häufen. Erst im März traf der Wirbelsturm Amphan auf die Bengalische Bucht. Vor allem Indien wurde hart getroffen. Wie ist die Lage in Bangladesch?

Hasan: Glücklicherweise hat der Zyklon im letzten Moment noch an Kraft eingebüßt und war nicht so schlimm wie anfangs befürchtet. Dennoch haben 50.000 Familien ihre Häuser verloren. Wir helfen 11.000 von ihnen beim Wiederaufbau. Im Süden, wo Bangladesch ans Meer grenzt, haben die Menschen mit anderen Problemen zu kämpfen als im jetzt betroffenen Süden: Tropische Wirbelstürme wie Amphan treiben Sturmfluten ins Landesinnere. Das Wasser aus dem Meer versalzt das Grundwasser und die Acker. An manchen Stellen sind dieses Jahr wieder die Dämme gebrochen.

SPIEGEL: Inwieweit haben die Menschen eine Chance, sich auf diese neue Normalität einzustellen?

Hasan: Man sagt Bangladeschern eine hohe Resilienz nach. Sie vermögen es, großen Widrigkeiten zu trotzen. Sie haben gelernt, mit den Fluten zu leben. Während einer Krise essen sie nur das Nötigste. Sie verkaufen das wenige, das sie besitzen. Sie nehmen einen Kredit auf. Sie arbeiten hart. Aber wissen Sie: Auch die größte Anpassungsfähigkeit hat ihre Grenzen.

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