Mehr Tories als Labour BBC-Nachrichtensendung soll unausgewogen berichtet haben

Bei der Parteiberichterstattung wird es einseitig: Laut einer Analyse soll die BBC-Nachrichtensendung "News at Ten" unausgewogen berichtet haben. Vor allem die Tories profitierten demnach.
Großbritanniens Premier Boris Johnson

Großbritanniens Premier Boris Johnson

Foto: JOHN THYS/ AFP

Eine der wichtigsten Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen BBC One soll in den Monaten vor der Unterhauswahl in Großbritannien unausgewogen über Parteien berichtet haben. Das legt eine Analyse des Schweizer Medienbeobachtungsdiensts Media Tenor nahe.

Ging es in den Beiträgen der "News at Ten" um Parteipolitik, waren demnach in sechs von zehn Fällen die konservativen Tories Thema. In nur zwei Berichten war die Labour Party Gegenstand, die Grünen und die ehemalige Regierungspartei der Liberaldemokraten mussten sich über die verbleibenden zwei Beitragsfenster streiten. Damit berichtete die BBC in der Abendsendung 2019 mehr als doppelt so viel über die Partei- und Sachpolitik der Regierungspartei wie über die der Labour Party.

Die "News at Ten" ist vergleichbar mit den deutschen "Tagesthemen". Für die Analyse wurden alle Beiträge der Nachrichtensendung zwischen Januar 2012 und November 2019 ausgewertet - also auch der Zeitraum vor dem Referendum über den Verbleib der Briten in der Europäischen Union. In den Jahren vor dem Referendum allerdings konnten die Zuschauer der Auswertung zufolge nur sehr wenig über Europa erfahren: Um Ereignisse aus Europa drehten sich nur 0,4 Prozent der Beiträge. Damit ein Thema wahrgenommen wird, muss laut Media Tenor eine Schwelle von mindestens 1,5 Prozent überschritten werden.

In der BBC-Vorberichterstattung zum Brexit-Referendum im Juni 2016 bekamen die Konservativen bei "BBC News at Ten" vor allem bei EU-Themen viel Sichtbarkeit, Labour hingegen wurde nicht einmal halb so oft mit EU-Themen in Verbindung gebracht. Auch bei den Reizthemen und Migration bekamen die Konservativen mehr Gehör als die Labour Party. Als das Referendum vorbei war, wurde die Labour Party in Fragen der Kriminalität und der inneren Sicherheit sichtbarer. Doch bei ihren Kernthemen wie Gesundheit und dem neuen Sozialprogramm, das Parteichef Jeremy Corbyn lancieren wollte, bekam die Partei kaum Sendezeit eingeräumt.

"Fairness sieht anders aus", kommentiert Media-Tenor-Chef Roland Schatz die Ergebnisse. "Journalismus, der dem Souverän eine Chance auf ein eigenes, fakten-basiertes Urteil bietet, erst recht. Dabei müssen sich die Verantwortlichen bei der BBC nicht - wie die Kollegen vom "Guardian" oder der "FT" - Sorgen um Werbeeinnahmen machen", sagt Schatz. Grundlage für die qualitative Inhaltsanalyse seiner Firma waren 10.148 Berichte über die Tories und 6761 über die Labour Party in der Sendung "BBC News at Ten" zwischen 2012 und 2019.

Auch Beiträge des deutschen ARD-Formats "Tagesthemen" werden in der Analyse verglichen. Während darin die meisten deutschen Politiker in Regierungsverantwortung laut Auswertung in einem moderaten oder sogar positiven Licht dargestellt werden, zeichnen die BBC-Nachrichten ein viel kritischeres Bild der Protagonisten der eigenen politischen Klasse. Im Vergleich zu vor zwanzig Jahren informieren die führenden deutschen Medien über EU-Themen und EU-Institutionen wie Parlament, Kommission und Ministerrat weit über der Wahrnehmungsschwelle von 1,5 Prozent. "Entsprechend wird hier, anders als in Großbritannien, Europa als relevant anerkannt", sagt Schatz.

Für die Analyse wurden im Zeitraum vom 1.1.2012 bis zum 30.11.2019 alle Beiträge der "BBC One" Nachrichtensendung "News at Ten" händisch ausgewertet. Dabei entfielen 10.148 Beiträge auf die Tories-Partei und 6761 auf die Labour-Partei. Für die Sendungen von 2019 lag nach Auskunft von Media Tenor die Intercoder-Reliabilität bei 92,2 Prozent - damit wird überprüft, inwieweit verschiedene Analysten zu gleichen Ergebnissen kommen. Die Untersuchung wurde von Media Tenor selbst finanziert.