Belarus Hunderte Festnahmen bei Frauenprotesten gegen Lukaschenko

In Minsk demonstrieren rund 2000 Frauen für einen Machtwechsel. Diktator Lukaschenko schickte ein Großaufgebot der Polizei und ließ hart durchgreifen - auch gegen eine 73-jährige Veteranin der Protestbewegung.
Demonstrantinnen in Minsk: Hunderte Personen festgenommen

Demonstrantinnen in Minsk: Hunderte Personen festgenommen

Foto: AP

Trotz Gewaltandrohung durch die Polizei in Belarus haben sich Frauen in Minsk zu einem neuen Protestmarsch gegen Staatschef Alexander Lukaschenko versammelt. Wie am Samstag vor einer Woche kam es einmal mehr zu zahlreichen Festnahmen, einem Bürgerrechtsportal zufolge waren es gut 200.

"Wir vergessen nicht! Wir vergeben nicht!" und "Lukaschenko, in den Gefangenentransporter", skandierten die Demonstrantinnen am Samstag am zentralen Komarowski-Markt. An mehreren Stellen standen Gefangenentransporter bereit. Autofahrer hupten den Frauen solidarisch zu, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur dpa berichtete.

Unter den Festgenommenen ist auch die 73 Jahre alte Nina Baginskaja, sie wurde in einen Transporter gezwungen. Baginskaja ist eine Veteranin der Protestbewegung und seit ihrem Kampf gegen die Kommunisten zu Sowjetzeiten als Dissidentin bekannt.

Seit der Präsidentenwahl am 9. August kommt es in Belarus täglich zu Protesten. Lukaschenko hatte sich mit 80,1 Prozent der Stimmen zum Wahlsieger erklären lassen. Der 66-Jährige ist seit 26 Jahren im Amt und strebt eine sechste Amtszeit an. Die Opposition hält dagegen Swetlana Tichanowskaja für die wahre Siegerin.

Der Protestzug war am Samstag zunächst ohne Polizeieinsatz durch mehrere Straßen gezogen. "Lang lebe Belarus!", riefen Frauen, während sie die historischen weiß-rot-weißen Fahnen trugen. Teils spannten sie Regenschirme in den Farben der Revolution auf, weil Sicherheitskräfte die Fahnen immer wieder beschlagnahmen. Die Dissidentin Baginskaja verlor am Samstag ihre inzwischen siebte Fahne - sie näht diese selbst.

Die Demonstrantinnen fordern Neuwahlen ohne Lukaschenko, die Freilassung aller politischen Gefangenen und die strafrechtliche Verfolgung der Polizeigewalt. Auch in anderen Städten des Landes waren die Frauen wie an den vergangenen Samstagen aufgerufen, friedlich gegen "Europas letzte Diktatur" zu demonstrieren. Das teilten die Organisatorinnen von Girl Power Belarus in ihrem Nachrichtenkanal bei Telegram mit.

Oppositionspolitikerin Tichanowskaja lobte aus ihrem Exil in der EU den Mut der Frauen. "Sie gehen, obwohl ihnen ständig Angst gemacht und Druck auf sie ausgeübt wird", teilte die 38-Jährige mit. Zugleich warf sie dem "Regime" Lukaschenkos vor, Kinder zu instrumentalisieren. Die Behörden hatten den sechsjährigen Sohn der Minsker Aktivistin Jelena Lasartschik am Freitag in ein Heim gesteckt.

Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja: "Sie versuchen, uns vor die Wahl zu stellen"

Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja: "Sie versuchen, uns vor die Wahl zu stellen"

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Artur Barbarowski / imago images/Eastnews

Hunderte Menschen forderten am Samstag vor der Einrichtung, den Eltern ihren Sohn zurückzugeben. Lasartschik verließ mit dem Kind am Vormittag das Heim - unter "Hurra"-Rufen und Applaus der Menge.

Im Wahlkampf hatte auch Tichanowskaja berichtet, dass ihr gedroht worden sei, ihre Kinder zu verlieren. Sie hatte Sohn und Tochter daraufhin in das benachbarte EU-Nachbarland Litauen bringen lassen. Auch ihre Mitstreiterin Viktoria Zepkalo hatte ihre Kinder auf diese Weise vor dem Zugriff der Behörden geschützt.

"Sie versuchen, uns vor die Wahl zu stellen: entweder den eigenen Kindern treu zu sein oder dem Land", schrieb Tichanowskaja in einer Mitteilung. Aber solche Absichten liefen ins Leere, weil die Entschlossenheit der Frauen unterschätzt werde.

jpz/dpa/AFP
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