Fritten-Engpass bei KFC in Kenia Das Pommes-Gate

Der Fast-Food-Kette KFC in Kenia sind die Pommes ausgegangen. Der Grund dafür hat viel Wut in sozialen Netzwerken ausgelöst – und eine grundlegende Debatte.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
KFC in Kenia sind die Pommes ausgegangen

KFC in Kenia sind die Pommes ausgegangen

Foto: Gordwin Odhiambo / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Die Stühle stehen sorgfältig herangerückt an den kleinen Tischen, niemand sitzt auf ihnen. Auf dem Boden keine Spuren von heruntergefallenen Pommes, wie sonst in dieser großen Filiale von Kentucky Fried Chicken (KFC) in Kenias Hauptstadt Nairobi. Es gibt keine Pommes mehr.

An der Bestelltheke warten fünf Kundinnen und Kunden darauf, bedient zu werden. Sie ordern Hühnerteile und Cola, glücklich sind sie nicht. »Wir kommen oft hierher, wegen der Pommes. Sie sind billig und ok, und ich hatte gehofft, dass sie endlich wieder welche haben. Aber jetzt gehe ich erneut leer aus«, ärgert sich eine Frau in der Schlange.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen ihre Kunden seit Tagen vertrösten. Als Ersatz bieten sie ihnen unter anderem traditionelle kenianische Maispolenta an. Doch dafür geht niemand in ein Fast-Food-Restaurant. »Es ist kaum was los diese Woche. Die meisten kommen wegen der Pommes zu uns, doch wir haben immer noch keinen Nachschub. Ich hoffe, es findet sich schnell eine Lösung«, sagt ein Verkäufer.

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Seit Anfang der Woche spricht ganz Kenia über das Pommes-Gate. Über Tage trendete auf Twitter der Hashtag #boycottKFC, boykottiert KFC. Stein des Anstoßes ist allerdings nicht die Wut über ein Leben ohne frittierte Kartoffelstreifen, sondern die Ursache des Engpasses: Der Import stockt, die gefrorenen Kartoffelstücke hängen in Containerschiffen fest. Dass ihre Pommes überhaupt diesen Weg nehmen müssen, können viele Kenianerinnen und Kenianer kaum glauben – statt heimische Kartoffeln zu verwenden, führt KFC die Fritten tiefgekühlt aus dem Ausland ein. Unter anderem aus Ägypten.

»KFC sollte zusammenpacken und abhauen, damit lokale Unternehmen übernehmen können«, schimpft Twitter-Nutzer Njonjo Ndehi. »Kenianer sollten dort nicht mehr essen, denn sie unterstützen nicht unsere Farmer vor Ort«, postet ein anderer. Es gibt Hunderte solcher Tweets.

Kartoffeln gibt es in Kenia an jeder Straßenecke

Kartoffeln gibt es in Kenia an jeder Straßenecke

Foto: Daniel Irungu / EPA-EFE

Doch warum kann die amerikanische Fastfood-Kette nicht einfach Kartoffeln von vor Ort beziehen? Kenia ist eine Anbaunation, an jeder Straßenecke sind die beliebten Nachtschattengewächse zu kaufen. Fliegende Händler frittieren sie vor Ort in jeder erdenklichen Form, von Mangel kann keine Rede sein.

Gegenüber örtlichen Medien  rechtfertigte sich KFC Anfang der Woche so: »Wir können derzeit nicht von vor Ort beziehen, weil alle Lieferanten den globalen Qualitätssicherungsprozess durchlaufen müssen. Das können wir nicht umgehen.« Doch die Fast-Food-Kette ist seit nunmehr zehn Jahren im Land. Warum es in dieser Zeit nicht gelungen ist, Lieferanten vor Ort zu prüfen und zu zertifizieren – darüber schweigt sich das amerikanische Unternehmen auf SPIEGEL-Anfrage aus. Eine Sprecherin teilt lediglich mit, man sei derzeit dabei, lokale Bezugsquellen zu identifizieren.

Eine Straßenverkäuferin verkauft Pommes in Nairobi. Für sie sind die lokalen Kartoffeln offenbar gut genug

Eine Straßenverkäuferin verkauft Pommes in Nairobi. Für sie sind die lokalen Kartoffeln offenbar gut genug

Foto: SOPA Images / SOPA / LightRocket / Getty Images

Eine späte Einsicht, findet auch der Branchenverband der Kartoffelbauern in Kenia. »An uns ist KFC jedenfalls nie herangetreten, um lokale Farmer zu identifizieren. Niemand wird etwas für dich produzieren, wenn du nicht danach fragst«, kritisiert der Vorsitzende Wachira Kaguongo. Zumal andere Ketten wie das afrikanische Fastfood-Unternehmen Chicken Inn auf lokale Produkte setzen. Trotzdem freut sich Kaguongo über die Debatte, die nun entfacht ist: »Das wird der hiesigen Kartoffelbranche zum Aufschwung verhelfen.« KFC habe ihn bereits für einen Termin angefragt. Es kommt Bewegung in die Sache.

Die Konkurrenz reibt sich derweil schadenfreudig die Hände – und nutzt die hitzige Debatte aus. Rivalen wie Burger King posten auf Instagram: »Wir haben genug Pommes für alle«.

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Auch die Politik ist auf den Kartoffelzug aufgesprungen. Der Gouverneur der größten Anbauregion des Landes gab prompt eine Pressemitteilung heraus, in der er stolz auflistete, welche Maßnahmen sein Büro ergriffen habe, um Kartoffelbauern vor Ort zu unterstützen. »Der Pommes-Engpass gibt uns die Möglichkeit, über die Misere der Farmer in unserem Land zu reflektieren«, verkündet der Politiker und fordert KFC zu Gesprächen auf.

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Agrarexperten gehen in kenianischen Medien davon aus, dass es für den Import der Pommes einen recht banalen Grund gibt: Das Verschiffen aus industrialisierten Ländern sei schlichtweg billiger als ein Anbau vor Ort. Eine Diskussion, die auf dem Kontinent nicht neu ist: Seit Jahren fluten zum Beispiel gefrorene Hähnchenteile aus Europa die afrikanischen Märkte, dank Massenhaltung und Subventionen sind die Produkte konkurrenzlos billig. Örtliche Händler haben dagegen keine Chance.

Und so dreht sich die Debatte über die Pommes in Kenia auch um eine grundlegende Frage: Kann die Landwirtschaft in Subsahara-Afrika überhaupt auf dem Weltmarkt mithalten? Und wenn ja: Wie?

Eine echte Hot Potatoe: Was kommt ins siedende Öl?

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Foto: Natalie Kolb / MediaNews Group / Getty Images

Kathambi Kaaria hat dazu ganz eigene Erfahrungen gemacht. Als KFC vor etwa zehn Jahren ins Land kommen wollte, witterte sie ihre große Chance. Die Agrarexpertin und -unternehmerin wollte selbst Kartoffeln an die Franchise-Kette liefern. Doch schnell habe sie gemerkt, dass daraus nichts wird. »Es ging in den Gesprächen vor allem um die Frage, wie eine nachvollziehbare Lieferkette aufgebaut werden kann – bis hin zum Samen, aus dem die Kartoffel wächst. Wir hätten mit KFC ein System neu aufsetzen müssen«, erzählt sie. Doch das ist meistens teurer als der Import aus dem Ausland.

Aber in den vergangenen zehn Jahren hat sich viel getan in Kenia und anderen afrikanischen Ländern. Zahlreiche Programme, oft mit Unterstützung aus dem Globalen Norden, haben in Qualitätsstandards in der Landwirtschaft investiert, auch im Kartoffelsektor. Doch bislang sind vor allem Kleinbauern die Stütze der Agrarwirtschaft – industrielle Standards sind für sie schwieriger zu erfüllen, nicht jede Kartoffel gleicht der anderen. Doch bei Ketten wie KFC sollen die Pommes in Nairobi exakt genauso schmecken und aussehen wie in Bangladesch.

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Zudem setzen viele Farmer eher auf lokal beliebte Sorten als die von Fastfood-Ketten gefragten speziellen Kartoffelarten. Die Lage ist also komplexer, als ein paar wütende Tweets nahelegen. Trotzdem steht am Ende die Frage, wie regional Lieferketten sein sollten, welche Verantwortung die Unternehmen haben und wie das südliche Afrika einen Großteil der Wertschöpfung vor Ort generieren kann.

»Ich bin schon etwas erstaunt, dass wir uns zehn Jahre später immer noch mit dem gleichen Thema beschäftigen«, sagt Agrarexpertin Kaaria. »Aber reichere Länder haben eine Infrastruktur von der Farm bis zur Pfanne aufgebaut, die es einfach billiger macht. Man kann es einem privaten Unternehmen wie KFC nicht unbedingt zum Vorwurf machen, dass sie auf den Preis schauen. Es ist die Aufgabe der Regierung, unsere Landwirtschaft wettbewerbsfähig zu machen«, fordert Kaaria.

Ein Pommes-Engpass im Fast-Food-Restaurant ist dafür wahrscheinlich der perfekte Anlass.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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