Nach verheerenden Explosionen Beirut droht der Kollaps

Viele Kliniken in Beirut sind wegen der Corona-Pandemie bereits überlastet - nach den Explosionen im Hafen musste ein Krankenhaus zudem evakuiert werden. Das Virus könnte sich nun noch stärker ausbreiten.
Aus Beirut berichtet Thore Schröder

Im Prinzip sei es ganz einfach, sagt Eid Azar vom Saint George Hospital im Stadtviertel Geitawi der libanesischen Hauptstadt Beirut: "Bei so einer Druckwelle kommt es drauf an, wo man steht oder sitzt. Entweder man ist geschützt oder man bekommt etwas ab. Glas, Metall, Mauerwerk. Alles bloß eine Frage von Glück oder Pech."

Wenn man etwas abbekomme, dann treffe es normalerweise die Extremitäten und vor allem den Kopf, erklärt der Doktor, der eigentlich ein Experte für ansteckende Krankheiten ist. "Und dann kann man schnell sehr viel Blut verlieren und eben auch schnell daran sterben."

Eid Azar arbeitet im Saint George Hospital im Beiruter Stadtviertel Geitawi: Vier Krankenschwestern starben durch die Explosionen

Eid Azar arbeitet im Saint George Hospital im Beiruter Stadtviertel Geitawi: Vier Krankenschwestern starben durch die Explosionen

Foto: Thore Schröder

Eid Azar arbeitet eigentlich als Experte für ansteckende Krankheiten am Saint George Hospital. Am Dienstag gegen 18 Uhr Ortszeit aber wurde die Klinik von einem Ort der Versorgung zu einem Ort der Verletzung. Geitawi wurde von der Explosion im Hafen mit am stärksten getroffen, das Krankenhaus ist am Rande des Viertels besonders exponiert. "Hier ist alles kaputt", sagt Edgard Joujou, Geschäftsführer der Klinik, und zeigt auf herabhängende Fassadenteile, Teile von Dachziegeln und Glassplitter. In einem Trakt habe es alle Zwischenwände weggefegt.

Der 60-jährige Joujou hat schon vieles erlebt. Auch den gewaltigen Bombenanschlag auf Premier Rafic Hariri im Jahr 2005. "Aber das war nur ein kleiner Cracker im Vergleich zu gestern."

Krankenhaus musste evakuiert werden

Am Eingang des St. George klebt braunrotes Blut auf dem Boden, es ist auf den Rädern der Rollstühle und sogar unter den Handläufen einer Treppe. Vier Krankenschwestern sind bei der Explosion gestorben, eine ist noch in sehr kritischem Zustand. "Einer von ihnen gelang es, sich vom neunten Stock in die Notaufnahme zu schleppen, dann brach sie zusammen", erzählt Azar. Verletzt wurden außerdem fünf Ärzte der Klinik.

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Wegen der vollumfänglichen Zerstörung musste das St. George evakuiert werden. "Wir haben gleich nach sechs Uhr zunächst ein Feldspital auf dem Parkplatz eingerichtet, dann die Patienten in stabilem und auch die in kritischem Zustand in andere Krankenhäuser verlegt, insgesamt waren es etwa 200", berichtet Joujou am Tag danach. Dabei hätten sie sogar Hospitäler im 50 Kilometer entfernten Zahlé angefragt - doch viele waren selbst schon ausgelastet.

Edgard Joujou, CEO des Krankenhauses: sofort evakuiert

Edgard Joujou, CEO des Krankenhauses: sofort evakuiert

Foto: Thore Schröder

Die hochansteckenden Covid-19-Patienten immerhin konnten ins Rafic-Hariri-Spital umgebettet werden. Dabei war dieses Haus, seit Beginn der Pandemie Hauptanlaufpunkt für die Viruskranken, schon vorher an der Kapazitätsgrenze. 

Mehr als hundert Menschen hat die Explosion am Dienstag getötet, etwa 4000 wurden verletzt, viele werden noch immer vermisst. Dazu sind wohl bis zu 300.000 Menschen in Beirut erst mal ohne Obdach. 

Krise in der Krise

Doch eine weitere und vielleicht noch schlimmere Folge der Katastrophe könnte die nun noch weniger beachtete und damit ungebremste Ausbreitung von dem Coronavirus im Libanon werden. Joujou geht davon aus, dass die Zahl der Infizierten steigen wird: Wer denke schon an seine Maske, wenn das eigene Haus in Trümmern stehe? 

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Der Libanon braucht jetzt umfangreiche Hilfe von außen. Klinikleiter Joujou sagt: "Wir hoffen besonders auf Deutschland." Zunächst wird aber der französische Präsident Emmanuel Macron am Donnerstag in Beirut erwartet. Vorher schickt Frankreich bereits mobile Klinikeinrichtungen und medizinisches Personal, um den Gesundheitssektor zu entlasten. 

Dazu kommen französische Suchteams, die womöglich auch in dem völlig zerstörten Hafen von Beirut zum Einsatz kommen. Am Mittwoch versammelten sich auf der Autobahnbrücke an dessen Rande Kamerateams, Angehörige von Sicherheitsdiensten und auch einige Schaulustige.

Wiederaufbau des wichtigen Hafens wird Monate dauern

Rund um den noch immer qualmenden Ausgangspunkt der Katastrophe stehen Schiffswracks im Wasser, die Lagerhallen aus Wellblech sind wie zusammengefaltet.

Der Hafen von Beirut hatte von jeher eine herausragende Bedeutung für den Handel des Libanons. Über 70 Prozent der Importe (Gesamtvolumen: 19 Milliarden Dollar) - darunter fast sämtliches Getreide, Futtermittel, Fleisch oder Maschinen - wurden zuletzt über den Port of Beirut abgewickelt. Der Hafen verfügt über eine Wassertiefe von 15,5 Metern und eine optimale Anbindung, von hier führen die Lieferketten ins Landesinnere.

Michael Najjar, Libanons Transportminister, verkündete am Mittwoch, dass nun ein Großteil der Einfuhren in den Hafen von Tripoli, im Norden des Landes, umgeleitet werde. Der libanesische Geschäftsmann Nabil Haddad meint: "Der Wiederaufbau des Beiruter Hafens wird mindestens vier Monate dauern."  

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