Katastrophe von Beirut »Ich vermisse meine Tochter, aber ich habe nicht einmal Zeit zu trauern«

Fast ein Jahr nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut warten die Angehörigen der Opfer noch immer auf Gerechtigkeit. Politiker behindern eine Untersuchung, niemand will Verantwortung übernehmen.
Ihr habt Blut an den Händen: Eine Demonstrantin vor dem Haus des Innenministers hält Bilder der Todesopfer hoch

Ihr habt Blut an den Händen: Eine Demonstrantin vor dem Haus des Innenministers hält Bilder der Todesopfer hoch

Foto: Hussam Shbaro / Anadolu / Getty Images

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Die dreijährige Alexandra sitzt auf dem Wohnzimmerboden und ist ins Spiel mit ihren Prinzessinnen-Figürchen vertieft, als eine erste Explosion die Hafengegend von Beirut erschüttert. Es ist der 4. August 2020, der Libanon ächzt bereits unter dem Kollaps der Wirtschaft, herbeigeführt durch Misswirtschaft und Korruption, beschleunigt durch Corona. Tracy und Paul Naggear, Alexandras Eltern, erwarten wenig von ihrem Staat. Aber bis zu jenem Tag haben sie zumindest das Gefühl, in ihren eigenen vier Wänden in Sicherheit zu sein. Das sollte sich schlagartig ändern.

»Wir hörten den Knall und dachten zuerst, es sei ein Attentat auf einen Politiker«, sagt Tracy Naggear am Telefon. Das wäre in ihrem Land nicht ungewöhnlich. Naggear erzählt von der Katastrophe jenes Tages: Vom Wohnzimmerfenster im sechsten Stock aus sieht sie Rauch über dem nahe gelegenen Hafen aufsteigen. Dann hört sie plötzlich ein lautes Dröhnen, sie springt zu ihrer Tochter, wird mit ihr durch die Wohnung geschleudert, während das Glas der Fenster birst. Sie legt sich schützend über die Kleine. Als ihr eine Tür auf den Kopf fällt, denkt sie nur: Alexandra ist sicher, alles andere ist unwichtig.

Eine der größten nicht nuklearen Explosionen der Geschichte

Alexandra stirbt drei Tage später im Krankenhaus an Blutungen im Kopf. Sie ist eines der jüngsten Todesopfer der gigantischen Explosion, bei der mehr als 200 Menschen getötet, Tausende verletzt und ganze Stadtviertel verwüstet wurden. Hunderte Tonnen von Ammoniumnitrat waren jahrelang in einem baufälligen Lagerhaus in der unmittelbaren Nähe von Wohngebieten und kritischer Infrastruktur gelagert worden – und detonierten allem Anschein nach als Folge eines Unfalls. Es war eine der größten nicht nuklearen Explosionen der Geschichte, eine menschengemachte Katastrophe. Doch die Opfer warten noch immer auf Gerechtigkeit.

Die libanesischen Politiker behindern eine Untersuchung der Explosion nach Kräften. Die letzte Wende in diesem Trauerspiel war die Weigerung von Innenminister Mohamed Fehmi, den Chef der Behörde »Allgemeine Sicherheit« durch den Untersuchungsrichter vernehmen zu lassen. Parlamentsabgeordnete verzögern derweil die Befragung von Ex-Ministern.

Der Vorgänger des jetzigen Untersuchungsrichters wurde im Februar geschasst – nach der Intervention von zwei ehemaligen Ministern, gegen die er Anklage erhoben hatte. Journalistische Recherchen haben ergeben, dass die Staatsführung bis hinauf zu Präsident Michel Aoun über das hochbrisante Material im Hafen informiert war. Und jetzt fürchten sich die Politiker offensichtlich vor der Verantwortung.

Das Problem liegt im libanesischen System und seinen mafiösen Strukturen. Seit Jahrzehnten bereichern sich Politiker und Anführer, unter ihnen ehemalige Warlords. Sie höhlen den Rechtsstaat aus und übernehmen keinerlei Verantwortung für das Gemeinwohl. Sämtliche Missstände kreiden sie ihren jeweiligen Rivalen an, mit denen sie in einem Geflecht aus Abhängigkeiten und Konkurrenz verstrickt sind.

Am Donnerstag hat sich der designierte Ministerpräsident Saad Hariri bis auf Weiteres zurückgezogen, nachdem er es nicht geschafft hatte, eine Regierung zu bilden. Er scheiterte offenbar am Widerstand seiner Rivalen, unter ihnen die Hisbollah, die stärkste Partei im Land. Es war ein seltsames Déjà-vu, war Hariri doch schon einmal als Ministerpräsident zurückgetreten: im Herbst 2019 als Reaktion auf die landesweite Protestbewegung gegen die korrupten Eliten. Sein Nachfolger Hassan Diab gab seinen Posten nach der Explosion auf, allerdings blieb er im Amt, bis ein neues Kabinett aufgestellt würde – mit dessen Bildung Hariri beauftragt worden war. Jetzt sind alle zurück auf Feld eins.

Die Guthaben der Elite in der Schweiz haben sich fast verdreifacht

Die lähmenden Streitereien sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass alle libanesischen Anführer in die weitgespannte Korruption verwickelt sind, die das Land in den Ruin getrieben hat. Auch die Hariris gehören zu den einflussreichen Familien, sie halten beträchtliche Anteile an den wichtigsten Banken des Landes, die eine erhebliche Mitschuld am wirtschaftlichen Kollaps haben.

Als die Banken Ende 2019 wegen Liquiditätsmangel den Zugriff der Einwohner auf ihre Guthaben einschränkten, deren Wert mit dem Absturz der libanesischen Währung dahinschmolz, schafften die Eliten ihr Geld aus dem Land. Die Guthaben auf Schweizer Bankkonten, die sich in libanesischem Besitz befinden, haben sich laut einer Statistik der Schweizer Nationalbank im letzten Jahr fast verdreifacht . Während dem Staat jetzt die Devisen für lebenswichtige Importe fehlen, spielen die Politiker ihr altes Spiel, sie verzögern, blockieren, spielen auf Zeit. Und leben im Wohlstand.

Und so kommt auch die Untersuchung zur Katastrophe vom 4. August nicht in Gang – nach über elf Monaten. Am Dienstag protestierte eine wütende Menge vor dem Haus von Innenminister Fehmi, unter ihnen viele Angehörige, die bei der Explosion Familienmitglieder verloren hatten. Die Polizei vertrieb die Demonstrantinnen und Demonstranten mit Tränengas und prügelte auf sie ein. Einige hatten versucht, das Haus zu stürmen, und das Tor davor eingerannt.

Die internationale Gemeinschaft ist jetzt gefragt

Paul und Tracy Naggear waren auch auf dem Protest. Paul Naggear sagt, er spüre, wie die Wut der Leute langsam überkoche. Viele fühlten sich nicht mehr als Menschen behandelt. Denn selbst nach einem derart katastrophalen Versagen kümmerten sich die Politiker keinen Deut um das Leben der Menschen, die sie eigentlich vertreten. Er sagt: »Manchmal wache ich auf und vermisse meine Tochter, aber ich habe nicht einmal Zeit zu trauern. Wir versuchen, bei Verstand zu bleiben. Aber es wird immer schwieriger.«

Der Kampf für Gerechtigkeit ist nahezu aussichtslos, wenn es keinen funktionierenden Rechtsstaat gibt. Deshalb fordern die Naggears eine internationale Aufarbeitung. Sie haben zusammen mit 60 anderen Überlebenden und Angehörigen sowie 53 lokalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen den Uno-Menschenrechtsrat zu einer Resolution aufgefordert . Er soll eine internationale, unabhängige und unparteiische Untersuchungskommission einberufen.

Was es dafür noch braucht, ist ein Land, irgendein Land, das die Resolution im Menschenrechtsrat einbringt. Viele Staaten hätten sich bis jetzt unterstützend geäußert, sagt Aya Majzoub von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Aber bis jetzt hat sich noch keine Regierung bereit erklärt, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Versuche, über andere Uno-Institutionen eine Untersuchung einzufordern, sind gescheitert. Damit bleibt der Menschenrechtsrat wohl die einzige Hoffnung.

Sie geben nicht auf: Paul und Tracy Naggear

Sie geben nicht auf: Paul und Tracy Naggear

Foto: MOHAMED AZAKIR / REUTERS

Die Naggears wollen weiterkämpfen, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Ihre Tochter Alexandra wird damit zunehmend zu einem Symbol für all jene, die sich für eine gerechtere Ordnung im Libanon einsetzen. Die Bilder, wie sie mit ihren Eltern bei den Volksprotesten von 2019 mitmarschierte, gingen nach ihrem Tod um die Welt: ein Mädchen mit braunen Locken, das die libanesische Flagge schwenkt.

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