Libanon Heftige Explosionen erschüttern Beirut

In der Hafengegend der libanesischen Hauptstadt Beirut haben sich zwei gewaltige Explosionen ereignet. Besonders die zweite Druckwelle reichte kilometerweit. Laut Medienberichten gibt es zahlreiche Tote und Verletzte.
Nach der Explosion zogen Rauchwolken über die zerstörten Gebäude in Beirut

Nach der Explosion zogen Rauchwolken über die zerstörten Gebäude in Beirut

Foto: Issam Abdallah/ REUTERS

Die libanesische Hauptstadt Beirut ist von zwei gewaltigen Explosionen erschüttert worden. Die Detonationen waren in mehreren Teilen der Stadt zu spüren, wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Auch eine Reporterin der Deutschen Presse-Agentur berichtete von einer starken Erschütterung im Stadtzentrum und von großen Schäden. Berichten zufolge gab es Hunderte Verletzte und offenbar auch mehrere Tote.

Durch die Wucht der Explosionen, die sich am späten Nachmittag offenbar in der Nähe des Hafens der Küstenstadt ereigneten, gingen auch zahlreiche Fenster zu Bruch, wie auf Fotos in sozialen Netzwerken zu sehen war. Die Druckwelle ließ auch in kilometerweiter Entfernung Scheiben zerbersten. Die Schnellstraße auf dem Weg zum Hafen war mit Glasscherben übersät. Über der Stadt stieg eine große Rauchwolke auf.

Örtliche Medien zeigten Bilder von Menschen, die unter Trümmern feststeckten. Einige waren blutverschmiert. Das libanesische Rote Kreuz bestätigte die Explosion auf Twitter. Auch die libanesische Armee half dabei, die Verletzten in Krankenhäuser zu bringen.

DER SPIEGEL

Gerüchte über Ursachen

Libanesische Staatsmedien vermeldeten am Abend mehrere Tote und Verletzte. Mindestens zehn Leichen seien in Krankenhäuser eingeliefert worden, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters mit Bezug auf Sicherheitskreise. Der Generalsekretär des libanesischen Roten Kreuzes, Georges Kettaneh, sagte der Nachrichtenagentur dpa, es seien Hunderte Menschen verletzt worden. Eine genaue Zahl könne er aber noch nicht nennen - auch über mögliche Todesopfer gab es zunächst keine offiziellen Angaben.

Der libanesische Gesundheitsminister Hamad Hassan hatte laut Reuters zuvor im Sender LBC von einer "sehr großen Zahl" an Verletzten gesprochen. Der libanesische Präsident Michel Aoun berief eine Dringlichkeitssitzung des Obersten Verteidigungsrates ein. Die Regierung erklärte den Mittwoch zum Tag der nationalen Trauer.

Der Journalist Borzou Daragahi, Korrespondent für den britischen "Independent", teilte ein Video der Explosionen auf Twitter. Ähnliche Aufnahmen waren in zahlreichen anderen Posts zu sehen.

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Zur Ursache der Explosion gab es zunächst widersprüchliche Gerüchte: Am unwahrscheinlichsten erscheinen die ersten Stellungnahmen, nach denen im Hafen ein Lager von Feuerwerkskörpern explodiert sei. In Brand geratene Feuerwerkslager explodieren über einen längeren Zeitraum in unzähligen kleinen Detonationen, die niemals eine solche Druckwelle entwickeln. In einem der örtlichen Fernsehsender wurde der Chef der "General Security", des allgemeinen Sicherheitsdienstes, zitiert, dass im Hafen "beschlagnahmte Sprengstoffe" gelagert worden seien. Das könnte zur ersten Explosion passen. Auf dem obigen Video des "Independent"-Journalisten Daraghi ist eine Reihe von Lichtblitzen in den Flammen nach der ersten Explosion zu sehen. Doch die darauf folgende, massive zweite Detonation ist damit nicht zu erklären.

Dementi aus Israel

Auch das Gerücht, der neben dem ersten Explosionsherd liegende mehrstöckige Getreidespeicher sei der Ursprung der Mega-Detonation, wird durch die Bilder nicht erhärtet. Zwar kann eine bestimmte Staubkonzentration in leeren Getreidespeichern zu einer Explosion führen. Doch zum einen wäre die nicht so immens, zum anderen ist zu sehen, wie der Speicher von der Detonation weggerissen wird, die neben ihm ihren Ursprung hat.

Hinweise auf einen Anschlag oder einen politischen Hintergrund gab es zunächst nicht. Wenige Kilometer vom Ort der Explosion entfernt waren 2005 der damalige libanesische Ministerpräsident Rafik Hariri und 21 weitere Menschen bei einem Sprengstoffanschlag getötet worden. Die Residenz seines Sohnes, der frühere Ministerpräsident Saad Hariri, wurde bei der jetzigen Explosion beschädigt.

Unterdessen dementiert das israelische Militär, dass es irgendetwas mit den Detonationen zu tun habe: Im Hafen habe kein Hisbollah-Waffendeport oder sonstiges Angriffsziel gelegen, sie hätten dort nicht angegriffen und absolut nichts mit der Katastrophe zu tun. Auch die schiitische Hisbollah bemühte sich, jeglichen Zusammenhang von sich zu weisen.

Die deutsche Stiftungsmitarbeiterin Sina Schweikle, die im Viertel Gemmayze in Küstennähe wohnt, berichtete dem SPIEGEL, wie sie die Explosionen erlebte. Sie habe zu Hause im vierten Stock eines massiven Altbaus am Schreibtisch gesessen und zuerst "ein dumpfes, durchdringendes Dröhnen" gehört. "Ich dachte mir noch, 'Klingt so ein Luftangriff?' - als ein Schlag mich zu Boden warf." Sie überstand die Explosion bis auf eine leichte Splitterverletzung am Rücken unbeschadet.

Im Hof des Hauses habe das Rote Kreuz eine Sammelstelle für Verletzte eingerichtet, die teils schwer blutend dorthin gewankt seien.

Die Feuerwehr kämpft mit den Flammen

Die Feuerwehr kämpft mit den Flammen

Foto: Mohamed Azakir/ REUTERS

Joachim Paul, Leiter des Regionalbüros der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut, hielt sich zum Zeitpunkt der Explosionen in einem Einkaufszentrum in Aschrafiye auf. Das Viertel liegt nur wenige Kilometer vom Hafen Beiruts entfernt. Er habe dort eingekauft, als er "diese unglaubliche Druckwelle spürte, die selbst in diesem massiven Bau zig Fenster zerrissen, Inneneinrichtungen der Läden zerstört hat", sagte Paul dem SPIEGEL. "Ich bin erst mal da drin geblieben, weil ja niemand wusste, was überhaupt passiert ist. Als ich Minuten später herauskam, stand noch immer eine rot-graue Rauch-, Staubwolke über der Stadt."

"Es war ein Glück, dass ich nicht zu Hause war"

Auf dem Weg nach Hause sei er kilometerweit "nur über Glassplitter, Scherben, Trümmer gelaufen". Er habe etliche Verletzte gesehen, sagte Paul, allerdings keine Schwerverletzten. "Es war ein Glück, dass ich nicht zu Hause war: Hätte ich Homeoffice gemacht wie gestern und am Schreibtisch gesessen, wäre mir das große Fenster samt Rahmen entgegengekommen. Das hat es, ebenso wie sämtliche Fenster der Wohnung, herausgerissen. Sogar meinen Kühlschrank hat es umgeworfen."

mes/cre/dpa/AFP/Reuters
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