Explosionskatastrophe Beirut sucht fieberhaft nach Überlebenden

Nach der Detonation in der Hauptstadt des Libanon sind Rettungsmannschaften aus mehreren Ländern eingetroffen, darunter Kräfte des Technischen Hilfswerks. Die Bundeswehr schickt ein Erkundungsteam - und bietet weitere Hilfe an.
Libanesische Soldaten suchen unter den Trümmern der Häuser in Beirut nach Vermissten

Libanesische Soldaten suchen unter den Trümmern der Häuser in Beirut nach Vermissten

Foto: Hassan Ammar/ AP

Die verheerende Explosion in Beirut hat mindestens 135 Menschen das Leben gekostet und Tausende weitere verletzt. Mit internationaler Hilfe wird auch am zweiten Tag nach der Katastrophe fieberhaft nach Überlebenden in der libanesischen Hauptstadt gesucht, unter den Trümmern zerstörter Gebäude werden weitere Vermisste vermutet. Etwa 100 Menschen werden nach Angaben des libanesischen Roten Kreuzes noch gesucht.

Ein rund 50-köpfiges Team des Technischen Hilfswerks (THW) flog in der Nacht zum Donnerstag von Frankfurt am Main zum Noteinsatz in Beirut ab. Die Einsatzeinheit soll bei der Bergung von Verschütteten helfen, wie das THW mitteilte. An Bord derselben Maschine befanden sich auch sieben Experten der Hilfsorganisation Isar Germany. Dabei handelte es sich nach Angaben der Organisation um Ärzte sowie Fachleute für Gefahrgut.

Aus den Golfstaaten, anderen Ländern der Region sowie Europa trafen erste Lieferungen unter anderem von Feldlazaretten und Medikamenten im Libanon ein. Italien entsandte eine Spezialeinheit der Feuerwehr für die Suche nach umweltschädigenden Substanzen, Frankreich drei Flugzeuge mit Rettungskräften, tonnenweise medizinischer Ausstattung und einer mobilen Krankenstation. Präsident Emmanuel Macron will am Donnerstag als erster ausländischer Staatenlenker nach den Explosionen Beirut besuchen.

Auch 21 Franzosen verletzt: Ermittlungen in Paris wegen fahrlässiger Körperverletzung

In Frankreich, das als frühere Mandatsmacht immer noch eng mit dem Libanon verbunden ist, löste die Katastrophe Trauer und Entsetzen aus. Macron will nun nach eigenen Angaben eine "Botschaft der Brüderlichkeit und der Solidarität der Franzosen" überbringen. Da bei der Explosion auch mindestens 21 französische Staatsbürger verletzt worden waren, hat die Staatsanwaltschaft in Paris Ermittlungen wegen fahrlässiger Körperverletzung aufgenommen.

Laut Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) stellte die Bundesregierung in einem ersten Schritt dem Roten Kreuz eine Million Euro für Soforthilfe in Beirut zur Verfügung. Das Geld solle für Erste-Hilfe-Stationen und medizinische Güter zur Versorgung von Verletzten verwendet werden, schrieb Maas auf Twitter.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte in einem Kondolenztelegramm an Libanons Regierungschef Hassan Diab, dass sein Land "in dieser schweren Zeit" auf die Unterstützung der Bundesregierung zählen könne.

DER SPIEGEL

Deutschland bietet Bundeswehreinsatz an

Auch die Bundeswehr könnte einen größer angelegten Hilfseinsatz in Beirut durchführen. Deutschland hat dem Libanon angeboten, unter anderem den für den Transport Schwerverletzter ausgerüsteten Luftwaffen-Airbus A310 MedEvac bereitzustellen, wie das Bundesverteidigungsministerium mitteilte.

Die Luftwaffe werde zudem noch am Donnerstagmorgen ein medizinisches Erkundungsteam der Bundeswehr nach Beirut fliegen. Darüber hinaus sei die Korvette "Ludwigshafen am Rhein" aus dem laufenden Einsatz der Uno-Libanon-Truppe (Unifil) herausgelöst und von Zypern in Richtung Libanon geschickt worden. Die Besatzung, darunter ein Schiffsarzt, solle die Rettungskräfte vor Ort unterstützen.

Auch das Luftlanderettungszentrum der Bundeswehr sei alarmiert worden. Die Einsatzkräfte hielten sich mit einem Erkundungsteam bereit und könnten binnen 96 Stunden eine mobile Sanitätseinrichtung in Beirut betreiben, hieß es in der Mitteilung. Der Militärattaché an der Deutschen Botschaft in Beirut stehe für die Koordinierung der Hilfsmaßnahmen im engen Kontakt mit dem Krisenstab der libanesischen Streitkräfte.

Die heftige Detonation am Dienstag hatte große Teile des Hafens zerstört, der für die Versorgung des Landes zentral ist. Beobachter warnen, die Versorgungskrise in dem Land am Mittelmeer könnte sich weiter verschärfen, da es stark von Importen abhängig ist. Die Detonation zerstörte auch Getreidesilos im Hafen. Auch die umliegenden Wohngebiete waren stark betroffen. "Fast die Hälfte von Beirut ist zerstört oder beschädigt", sagte Gouverneur Marwan Abud am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP. Bis zu 300.000 Menschen seien obdachlos geworden. Andere Schätzungen gehen von bis zu 250.000 Betroffenen aus.

Schon vor der Katastrophe in Beirut litt der Libanon seit Monaten an einer schweren Wirtschaftskrise , die große Teile der Bevölkerung in die Armut trieb. Die Corona-Pandemie hat die Lage zusätzlich verschärft. Präsident Michel Aoun bat deshalb die internationale Gemeinschaft um schnelle Hilfe für sein Land.

Die großen Schäden am Beiruter Hafen könnten sich nach Uno-Angaben auch auf die Lage vieler Menschen im benachbarten Bürgerkriegsland Syrien auswirken. Der Hafen werde zum Umschlag von humanitären Hilfsgütern für das Bürgerkriegsgebiet genutzt, sagte ein Sprecher der Vereinten Nationen. "Dies wird unsere Fähigkeit zur Unterstützung in Syrien beeinträchtigen."

Suche nach Ursache geht weiter - Frustration in der Bevölkerung wächst

Die genaue Ursache der Detonation ist noch unklar. Nach derzeitigem Stand steht sie in Verbindung mit großen Mengen Ammoniumnitrat, die jahrelang im Hafen ohne angemessene Sicherheitsvorkehrungen gelagert wurden. Trotz mehrfacher Warnungen wurde die Gefahr nie beseitigt - bis es zu spät war. Kritiker prangern Fahrlässigkeit an und sehen auch ein Versagen der politischen Führung des Landes. Die Chemikalie wird vor allem als Düngemittel verwendet. Sie führte schon mehrmals zu tödlichen Explosionen und wurde auch bei Anschlägen eingesetzt. Verantwortliche des Hafenbetriebs wurden nach der Katastrophe unter Hausarrest gestellt.

Im Libanon schürten die Explosionen in großen Teilen der Bevölkerung die Frustration über die Regierung. In den Onlinenetzwerken forderten viele Menschen den Rücktritt des gesamten Kabinetts. "Tretet ab!", erklärte der populäre Fernsehjournalist Marcel Ghanem. "Es sind eure Niedertracht und eure Nachlässigkeit, welche die Menschen getötet haben."

Schon vor den Explosionen hatte es immer wieder Massenproteste gegen die libanesische Regierung gegeben, der viele Menschen Korruption und Inkompetenz vorwerfen. Der Hafen Beiruts und der Zoll des Landes gelten als besonders korrupt.

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mes/dpa/AFP/AP