Beirut nach der Katastrophe Leben in Trümmern

Mitten in der größten Wirtschaftskrise und der Corona-Pandemie haben 300.000 Menschen in Beirut durch die Explosionen ihr Zuhause verloren. Wie soll es nun weitergehen? Drei Betroffene berichten.
Aus Beirut berichtet Thore Schröder
Straße in Beirut: Häuser von bis zu 300.000 Menschen beschädigt

Straße in Beirut: Häuser von bis zu 300.000 Menschen beschädigt

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ANWAR AMRO/ AFP

Zumindest waschen möchte sich Ramzie Shamsaa irgendwann wieder. Das, sagt sie, sei gerade ihr dringlichster Wunsch.

Die Explosion von Beirut hat den Wassertank auf ihrem Dach umgekippt und beschädigt, die Leitungen hängen abgerissen ins Leere. "200 Dollar soll das kosten, hat mein Nachbar gesagt. So viel Geld habe ich nicht." Ramzie Shamsaa ist 69 Jahre alt, sie gehörte schon vor dem Inferno von Dienstagabend zu den Ärmsten ihres Viertels in der libanesischen Hauptstadt. Nun wurde ihr Bezirk Mar Mikhael schwer getroffen von der Druckwelle der Detonation.

Ramzie Shamsaa vor ihrem Haus in Beirut: 200 Dollar für den Wassertank fehlen

Ramzie Shamsaa vor ihrem Haus in Beirut: 200 Dollar für den Wassertank fehlen

Foto: Thore Schröder/ DER SPIEGEL

In den vergangenen Jahren ist der Bezirk immer mehr vom Arbeiter- zum Ausgehviertel geworden, doch Shamsaa ist geblieben. Vor 30 Jahren war sie aus der syrischen Provinz Daraa mit ihrem Mann Fayiz hergezogen. "Er war 20 Jahre älter als ich, ist schon 2013 gestorben", sagt sie. Nach seinem Tod hat sie ihre zehn Jahre jüngere Schwester Alham zu sich geholt. Sie ist geistig behindert und leidet an Krebs. "Vor Kurzem haben sie ihr eine Brust abgenommen und die Lymphknoten unter dem Arm, seitdem sind ihre Arme immer so stark geschwollen", erzählt Shamsaa.

"Nur Angst, ganz viel Angst"

Die Schwestern teilen sich Bad, Küche, Wohn- und ein Schlafzimmer in einem Hinterhofverschlag des Viertels. Am Dienstagabend saßen sie auf dem Sofa. "Erst fiel der Strom aus, und es gab ein Geräusch, da bin ich raus vor die Tür. Dann kam der Knall."

Scheiben gingen zu Bruch, die Wände im Schlafzimmer sind gerissen, im Wohnzimmer ist ein Teil der Decke heruntergerissen. Eine dicke Staubschicht liegt über allem. "Wir hatten Glück. Allah hat uns beschützt", sagt die Christin, die sich selbst als tiefgläubig bezeichnet. Neben ihr stehen Heiligenfiguren und ein Marienbild hinter einer gesplitterten Scheibe. 

Nach der Erschütterung hatte sie "nur Angst, ganz viel Angst", erzählt sie. Die Schwestern hätten sich auf ihre Betten gesetzt, geschockt, die Jüngere habe geschluchzt und gezittert. Shamsaa: "Ich bin dann irgendwann wieder raus und habe angefangen zu putzen."

Zwei Tage nach den Detonationen sei ihre Schwester nun bei Freunden in Zahlé untergekommen, berichtet Ramzie Shamsaa. Sie harre aus und warte auf Hilfe: "Woher die kommen soll, weiß ich aber nicht." 

Die kleine Frau gibt an, nur bis zur fünften Klasse die Schule besucht zu haben. Sie könne kaum ihren Namen schreiben. Seit Jahren sei sie auf Unterstützung angewiesen. "Von der Caritas haben wir immer Wasser und Lebensmittel bekommen", sagt sie. Bereits vor der Katastrophe war die Not im Libanon groß. Die Schwestern hätten nur noch wenige Stunden Strom am Tag gehabt, seitdem gar keinen mehr, so Shamsaa. "Ich sitze hier nun jede Nacht im Dunkeln, ungeschützt."

Hunderttausende ohne Obdach

Seit der großen Explosion - die so stark wie ein Erdbeben der Stärke 3,5 war - leben rund 300.000 Beiruter ohne Obdach, zwischen Trümmern.

Etwa 20 Gehminuten von der Wohnung der beiden Schwestern entfernt steht das Haus der Familie Chaou. Eigentlich ist es eine historische Villa, die Decken der Zimmer über vier Meter hoch, die Mauern aus Sandstein, die Front zum Meer mit dem für Beirut charakteristischen Dreifachspitzbogen. "Mein Urgroßvater hat dieses Haus 1875 gebaut", sagt Alain Chaou, der älteste Sohn. 

Jetzt ist es nur noch Gerippe. Abgedecktes Dach, abgerissener Balkon, im Inneren die totale Zerstörung. Auf der steilen Treppe liegen auch zwei Tage später Trümmer, dazwischen klebt getrocknetes Blut. "Meine Mutter und ich waren zum Glück nicht hier, als es passiert ist", sagt Alain Chaou, "aber mein Vater, der hat sich allein ins nächste Krankenhaus geschleppt. Er hat einen Liter Blut verloren." Mittlerweile sei er wieder stabil. 

Angst vor Plünderungen

Über das Gebäude der Familie lässt sich das wohl nicht sagen. Chaou führt in den zweiten Stock, den er sich zur Junggesellenwohnung und Geschäftsräumen ausgebaut hatte. Dort, wo jetzt nur noch Trümmer sind, gab es einmal fünf Zimmer. Unter den Resten der Decke hängen noch Bruchstücke einer Stuckrosette.

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"Da vorne war mein Lager", sagt Alain Chaou. Er hat von hier aus ein Brautmodengeschäft geführt. Ein Dutzend aufwendige, vollkommen verstaubte Kleider hängen noch an einer Stange. "Sonst haben wir alles, was etwas wert war, rausgeholt", sagt der Sohn. Vor der Tür stehen noch Gurkenkonserven und Whiskeyflaschen. Es sei Vorsicht geboten in diesem Chaos, sagt Alain Chaou, im Restaurant gegenüber hätten Diebe noch in der Nacht nach der Explosion den Tresor abtransportiert.

Wie es jetzt weitergehen soll, weiß auch Alain Chaou nicht: "Vielleicht können wir erst mal bei den Nachbarn schlafen, die haben zumindest noch ein Dach über sich."

"Es gibt keine Zukunft mehr in diesem Land"

Ein paar hundert Meter entfernt sitzt Francoise Shahwan im Salon seines Hauses. Wie bei den Chaous sind die Zimmer großzügig geschnitten und mit herrlichen Blumenmusterkacheln ausgelegt. 

Francoise Shahwan: "Mal sehen, was noch passiert im Libanon"

Francoise Shahwan: "Mal sehen, was noch passiert im Libanon"

Foto: Thore Schröder/ DER SPIEGEL

"Da in dem Eckzimmer, das war zuletzt ein Lager, wurde ich vor 66 Jahren geboren", erzählt Francoise. Er ist das jüngste von vier Geschwistern. Während des Bürgerkriegs hat er ein paar Jahre in Johannesburg gelebt. "Natürlich bereue ich, dass ich wiedergekommen bin. Nicht meinetwegen, aber wegen meiner Kinder. Es gibt doch keine Zukunft mehr in diesem Land."

Shahwan habe seinen Lebensplan auf das alte Haus im Stadtteil Gemmayze ausgerichtet: "Erst habe ich zwei meiner Geschwister abgefunden, für 400.000 Dollar, dann habe ich die Zimmer renoviert, das hat noch mal 100.000 gekostet." Bis zum Beginn der Wirtschaftskrise habe er die Zimmer an Studenten vermieten können - und eigentlich auch noch ein Hostel einrichten wollen.

Aber die Studenten im Libanon haben kein Geld mehr beziehungsweise nur immer wertlosere Lira. Und Touristen werden Beirut wohl bis auf Weiteres meiden.

Vor ein paar Jahren hätte Shahwan das Haus für mehrere Millionen an Investoren verkaufen können, sagt er. "Die hätten hier noch so einen hässlichen Turm hingebaut, das wollte ich nicht."

Francoise Shahwan hadert nicht, er wirkt auch nicht traurig. Als ihn sein junger Nachbar fragt, ob er Hilfe beim Aufräumen brauche, winkt er ab: "Ich lasse das jetzt erst mal alles so. Wollen wir doch erst mal sehen, was noch passiert im Libanon."

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