Überblick Was über die Katastrophe von Beirut bekannt ist

Weite Teile der Stadt sind verwüstet, es gibt mehr als hundert Tote und Tausende Verletzte: Was ist zur Katastrophe in Beirut bekannt? Und wer sagt dem Libanon Hilfe zu? Der Überblick.
Beiruts Hafen nach der Explosion

Beiruts Hafen nach der Explosion

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IBRAHIM AMRO/ AFP

Am Tag nach den Explosionen in Beirut zeigt sich das Ausmaß der Katastrophe: Die Schäden erstrecken sich fast über die Hälfte des Stadtgebiets, Rettungskräfte suchen nach Vermissten, Mediziner versuchen, die Überlebenden zu versorgen. Der Hafen der libanesischen Hauptstadt ist weitgehend zerstört, Gouverneur Marwan Abud erklärt, bis zu 300.000 Einwohner seien ohne Obdach.

Was bisher über die Explosionen im Hafen von Beirut bekannt ist:

Am Dienstagabend brannte es im Hafen von Beirut, Rauch stieg auf, es gab kleinere Detonationen. Viele Menschen filmten - und hielten dadurch auch den Moment fest, als sich kurz nach 18 Uhr Ortszeit eine gewaltige Explosion ereignete.

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Es gab einen Feuerball, gefolgt von einer Druckwelle, die im Umkreis von mehreren Kilometern Verheerungen anrichtete, Fensterscheiben bersten ließ und Menschen und Autos durch die Luft schleuderte. Die Detonationen waren noch auf der Mittelmeerinsel Zypern zu hören, die 160 Kilometer von Beirut entfernt im Mittelmeer liegt. Auch die deutschen Soldaten auf der Korvette "Ludwigshafen am Rhein", die derzeit im Hafen von Limassol liegt, berichten, dass sie den gewaltigen Schlag wahrnehmen konnten.

Der Hafen Beiruts liegt fast im Zentrum der Stadt, er ist Luftlinie nur 1,5 Kilometer von der Innenstadt entfernt. Nach der Explosion gingen selbst in Häusern in zehn Kilometer Entfernung vom Explosionsort Fenster zu Bruch. Laut ersten Berichten wurden zahlreiche Gebäude in der Nähe des Hafens völlig zerstört. "Es sieht aus wie ein Kriegsgebiet, ich bin sprachlos", sagte Beiruts Bürgermeister Jamal Itani.

Wie viele Opfer gibt es?

Bislang hat das Rote Kreuz bestätigt, dass mindestens hundert Menschen starben und etwa 4000 verletzt wurden. Der Generalsekretär des Roten Kreuzes, George Kattanah, sagte, die Zahl der Opfer werde wahrscheinlich weiter steigen. Etwa hundert Menschen werden laut Sicherheitskreisen noch vermisst.

Was hat die Explosionen verursacht?

Ermittler suchen nach der Ursache für die Katastrophe. In einem ersten Statement erklärte der libanesische Präsident Michel Aoun, Auslöser der Detonationen seien wohl unsachgemäß gelagerte Chemikalien gewesen. Ihm zufolge lagerten 2750 Tonnen Ammoniumnitrat in den Lagerhäusern des Hafens. Der Stoff wird in der Düngemittelproduktion, aber auch bei der Herstellung von Sprengstoffen verwendet. Schwere Unglücke damit gab es in der Vergangenheit auch in Europa und den USA.

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Die Katastrophe von Beirut

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Laut Aoun lagerten die gefährlichen Chemikalien ohne weitere Sicherheitsvorkehrungen, was ein "inakzeptabler" Zustand gewesen sei. Premierminister Hassan Diab erklärte, die Verantwortlichen für das "gefährliche Lagerhaus" würden zur Rechenschaft gezogen.

US-Präsident Donald Trump hatte noch in der Nacht über eine Bombe spekuliert. Dem stellte sich am Mittwochmorgen die britische Regierung entgegen. Bevor Ergebnisse der Untersuchung dieser Tragödie vorlägen, sei es zu früh für Spekulationen, sagte Bildungsstaatssekretär Nick Gibb dem TV-Sender Sky.

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Kann der Libanon auf die Katastrophe angemessen reagieren?

Das Land ist geschwächt, schon vor der Coronakrise und der Katastrophe des 4. August war die Wirtschaft des Landes am Boden. Die Währung verlor seit Jahresbeginn 85 Prozent ihres Wertes, offiziellen Angaben zufolge leben inzwischen mehr als 45 Prozent der Libanesen unter der Armutsgrenze. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 35 Prozent, drei Viertel der Bevölkerung könnten in den kommenden Monaten Lebensmittelhilfen benötigen.

Die noch junge Regierung von Ministerpräsident Diab amtiert erst seit Januar und bemühte sich seitdem um internationale Unterstützung. Das Land brauchte - schon vor der Katastrophe vom Dienstagabend - mehr als 20 Milliarden Dollar (rund 17 Milliarden Euro) Finanzhilfen. Elf Milliarden Dollar wurden dem Libanon bei einer Geberkonferenz 2018 in Paris zugesagt, wegen ausbleibender Reformen aber nicht ausgezahlt. Im Streit über Forderungen des Internationalen Währungsfonds für Finanzhilfen droht der Regierung Diab der Zerfall.

Welche Hilfsangebote gibt es?

Nach den verheerenden Explosionen bat Regierungschef Diab alle befreundeten Staaten um Hilfe. Zusagen dafür kommen selbst aus dem verfeindeten Israel, mit dem sich der Libanon offiziell im Krieg befindet. Ebenso haben US-Präsident Trump, die Staatsführung Irans sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel Hilfen angekündigt. Auch Großbritannien versprach Unterstützung.

Die französische Regierung hat unmittelbar Hilfen für den Libanon auf den Weg gebracht. Bereits am Mittwochnachmittag wollen zwei Flugzeuge der Armee mit tonnenweise medizinischer Ausrüstung und einer mobilen Krankenstation an Bord in der libanesischen Hauptstadt eintreffen. An Bord der Maschinen befänden sich auch 55 Sicherheitskräfte, die auf Rettungs- und Räumungsarbeiten spezialisiert seien, teilte der Élysée-Palast weiter mit. In der mobilen Krankenstation können demnach bis zu 500 Verletzte versorgt werden.

Aus den Niederlanden sollen rund 70 Helfer anreisen - Ärzte, Feuerwehrleute und Polizisten, die im Aufspüren von verschütteten Personen spezialisiert sind. Auch aus Tschechien soll ein Hilfsteam anreisen, das auf die Suche nach Verschütteten spezialisiert ist.

Mit Material von Reuters und AP