Wieder Gewalt in Belarus Lukaschenko will den Protest von der Straße prügeln

Sicherheitskräfte schlagen willkürlich auf Demonstrierende ein, jagen sie in den Hinterhöfen von Minsk, feuern Blendgranaten ab: Die Gewalt in Belarus nimmt zu - und die Proteste halten an.
Von Christina Hebel, Moskau
Sicherheitskräfte führen eine Frau in Minsk ab (10. August)

Sicherheitskräfte führen eine Frau in Minsk ab (10. August)

Foto:

YAUHEN YERCHAK/EPA-EFE/Shutterstock

Zu zweit traktieren die Sicherheitskräfte einen am Boden liegenden Menschen: Der eine mit einem Schlagstock, der anderen tritt mit Füßen. "Schande", rufen Bewohner des angrenzenden Wohnhauses oben von den Balkonen. Und: "Du hast eine Mutter, Kosmonaut." So nennen die Menschen die Omon-Sondereinsatzkräfte mit ihren Helmen und Schutzuniformen. Blendgranaten werden abgefeuert. Zu sehen ist all das auf einem Video, das aus der belarussischen Hauptstadt Minsk stammt, gepostet  hat es die unabhängige Internetseite tut.by.

Die Bilder, die Telegram-Kanäle und unabhängige Medien aus der dritten Nacht der Proteste veröffentlichen, zeigen noch mehr Gewalt als in den beiden Tagen zuvor. Der autoritäre Machthaber Alexander Lukaschenko scheint gewillt, die Demonstrationen im Land mit allen Mitteln zu brechen. Massiv setzen Sicherheitskräfte Schlagstöcke, Gummigeschosse, Blendgranaten und Tränengas gegen die Menschen ein.

5000 Menschen festgenommen

Allein an den ersten beiden Protesttagen hat der Langzeitherrscher nach Angaben seines Innenministeriums 5000 Menschen landesweit festnehmen lassen. Viele ihrer Angehörigen und Freunde wissen nicht, wo sich diese nun befinden, in welchen der Gefängnisse sie festgehalten werden. Über 200 Menschen liegen laut Gesundheitsministerium noch immer in Krankenhäusern, ein Mann ist gestorben.

Im Würgegriff der Diktatur: Sicherheitskräfte führen einen Demonstranten in Belarus ab

Im Würgegriff der Diktatur: Sicherheitskräfte führen einen Demonstranten in Belarus ab

Foto: AP

Dass in so einer Lage Menschen überhaupt noch demonstrieren gehen, zeigt, wie groß die Wut über die manipulierte Präsidentschaftswahl ist. Über 80 Prozent der Stimmen hat sich Lukaschenko zuschreiben lassen. Jeder, der das nun auf der Straße in Zweifel stellt, muss damit rechnen sofort niedergeknüppelt zu werden. Auch in dieser Nacht werden wieder zahlreiche Demonstrierende abgeführt und verletzt.

Es sind nach Medienberichten weniger Menschen, die sich in Minsk und in anderen Orten des Landes versammeln, etwa in Brest und Grodno, beides Städte im Westen an der polnischen Grenze, Lida, in der Nähe zu Litauen gelegen, sowie Gomel im Südosten nahe der russischen Grenze. Wie viele genau es sind, ist unklar, auch weil das Internet weitgehend blockiert war, allein der Messengerdienst Telegram funktionierte verlässlich.

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Gegen hupende Autofahrer und Journalisten

Verschiedene Bilder und Videos zeigen, wie hemmungslos die Einsatzkräfte handeln: In Njaswisch, einem kleinen 14.000-Einwohner-Ort südwestlich von Minsk, prügeln sie wieder und wieder auf Demonstranten, darunter Frauen, ein. In Minsk schlagen laut Videobildern  sogar gewöhnliche Verkehrspolizisten los, malträtieren Motorradfahrer. Verfolgt werden in dieser Nacht auch die Autofahrer, die aus Protest lange Hupkonzerte veranstalten, mit Knüppeln hauen die Einsatzkräfte auf deren Wagen  ein. Sicherheitsbeamte jagen  in der Hauptstadt Protestierende dieses Mal bis in die Höfe und sogar Wohnhäuser hinein.

Protestierende in Minsk (10. August)

Protestierende in Minsk (10. August)

Foto: SERGEI GAPON/ AFP

Auffällig ist, dass sie auch gezielt gegen Journalisten vorgehen. Korrespondenten unter anderem der BBC, Associated Press, Tut.by, "Nascha Niwa" und Belsat wurden bereits angegriffen. Obwohl sie Westen mit der Aufschrift "Medien" am Körper und Akkreditierungen bei sich getragen haben, wurden ihnen Speicherkarten mit Foto- und Videomaterial weggenommen. Seit Sonntag wurden etwa 30 Journalistinnen und Journalisten landesweit festgenommen. Bei einigen ist nach wie vor nicht klar, wo sie sich befinden.

Auf die Demonstrationen in dieser Nacht scheinen die Einsatzkräfte insgesamt besser vorbereitet zu sein als in den Tagen zuvor, doch der Widerstand ist nach wie vor groß. Was macht diesen belarussischen Protest bisher aus?

  • Er kennt keine Anführer: Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja, die nach Druck der Sicherheitsbehörden das Land verlassen musste, wollte nie die Straßenproteste anführen, sondern faire Wahlen im Land ermöglichen. Sie sieht sich als die eigentliche Gewinnerin der Wahl. Ihre Mitstreiterin Maria Kalesnikawa, die in Minsk bleiben will, versucht diesen Kampf fortzuführen, sammelt mit Freiwilligen die Informationen über die umfassenden und massiven Wahlmanipulationen.

  • Er ist dezentral: In Minsk versammelten sich die Menschen wieder an verschiedenen Orten, in dieser Nacht in mindestens drei Außenbezirken und auf zwei Boulevards der Stadt. Die Protestierenden bewegen sich in Gruppen, ziehen sich zurück, kommen wieder, liefern sich so ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Sicherheitskräften. Teils errichteten die Demonstranten Barrikaden auf den Straßen.

  • Er koordiniert sich über Telegram: Über die Messenger-App tauschen die Protestierenden Informationen aus, etwa die Zutrittcodes, um in anliegende Wohnhäuser zu gelangen, um sich in Sicherheit bringen zu können. Sie posten Videos, warnen sich gegenseitig vor Provokateuren und ankommenden Einsatzkräften. Der Kanal "Nexta Live" hat inzwischen über 1,3 Millionen Abonnenten.

  • Er ist breit verankert: Auch wenn in Minsk überwiegend junge Menschen, vor allem Männer, auf den Demonstrationen zu sehen sind, der Protest ist breiter angelegt: Anwohner filmen das brutale Vorgehen, teilen die Videos, beschimpfen die Einsatzkräfte aus ihren Wohnungen heraus. Auch Passanten auf den Straßen mischen sich ein, appellieren an die Beamten, die Protestierenden endlich in Ruhe zu lassen. Autofahrer schließen sich zu Korsos zusammen, blockieren unter Dauerhupen Straßen der Hauptstadt.

Ein Mann redet auf einen Beamten in der belarussischen Hauptstadt ein

Ein Mann redet auf einen Beamten in der belarussischen Hauptstadt ein

Foto: TATYANA ZENKOVICH/EPA-EFE/Shutterstock

Wie wird es nun weitergehen? Die Gewalt wird wohl zunehmen, auch aufseiten der Demonstranten. Deren Zorn ist groß angesichts des brutalen Verhaltens der Sicherheitsbehörden. Protestierende griffen bereits in Minsk und Brest Sicherheitskräfte an, prügelten in der Hauptstadt auf Beamte ein, um Menschen freizubekommen, die abgeführt werden sollten.

Gleichzeitig wird Lukaschenkos Sicherheitsapparat alles dafür tun, die Proteste so niederzuschlagen, dass sie aufhören - nicht für Tage, sondern für eine lange Zeit.

Warum wir statt Weiß­russ­land nun Belarus schreiben

Lange hat der SPIEGEL von Weißrussland geschrieben, wenn die Rede war von dem Staat zwischen dem Baltikum und Polen, der Ukraine und Russland. Offiziell nennt sich das Land seit seiner Unabhängigkeit 1991 nach dem Ende der Sowjetunion Republik Belarus, kurz Belarus. "Bela" bedeutet "weiß", "rus" verweist auf jenes früheres osteuropäisches Herrschaftsgebiet, das als Kiewer Rus bekannt war. Das heutige Territorium der Republik Belarus war Teil davon.

Um deutlich zu machen, dass es sich bei Belarus um einen souveränen Staat handelt, der nicht Teil Russlands ist, hat das Auswärtige Amt seit geraumer Zeit begonnen den offiziellen und zeitgemäßen Namen zu verwenden. Der SPIEGEL schließt sich dieser Entwicklung an und wird künftig Belarus statt Weißrussland schreiben, Weißrussinnen und Weißrussen nun als Belarussinnen und Belarussen bezeichnen.

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