Interne E-Mail Belarus drängte Ryanair-Jet zur Landung – schon vor Eingang der vermeintlichen Bombendrohung

Wegen einer erzwungenen Ryanair-Landung steht Belarus unter Druck. Machthaber Lukaschenko behauptet, eine Bombendrohung sei der Grund dafür gewesen. Eine äußerst zweifelhafte Darstellung, wie ein internes Dokument zeigt.
Ryanair-Maschine bei Landung in Vilnius: Erzwungener Zwischenstopp in Minsk

Ryanair-Maschine bei Landung in Vilnius: Erzwungener Zwischenstopp in Minsk

Foto: PETRAS MALUKAS / AFP

Am Sonntag um 12.30 Uhr Ortszeit erreicht die Ryanair-Maschine auf dem Weg von Athen nach Vilnius den belarussischen Luftraum. Die Flugkontrolle in Minsk richtet sogleich eine Warnung an den Piloten: Man verfüge über Informationen, wonach sich eine Bombe an Bord befinde, die über der litauischen Hauptstadt gezündet werden könnte. Die Flughafensicherheit habe eine entsprechende Drohmail erhalten; diese Nachricht sei gleich an mehrere Flughäfen gesendet worden.

Eine gute Viertelstunde später, um 12.47 Uhr, wechselt das Flugzeug den Kurs und fliegt Minsk an. So geht es aus einem Transkript  des Gesprächs zwischen dem Piloten und den Fluglotsen des belarussischen Hauptstadtflughafens hervor, das das Verkehrsministerium des Landes veröffentlicht hat.

Nach der Landung in Minsk wurden der oppositionelle belarussische Blogger Roman Protassewitsch und seine Freundin Sofija Sapega festgenommen. Belarus' autoritärer Staatschef Alexander Lukaschenko steht wegen der erzwungenen Zwischenlandung unter massivem internationalem Druck. In einer Rede vor dem belarussischen Parlament am Mittwoch wies der Machthaber aber sämtliche Vorwürfe zurück. Er habe rechtmäßig gehandelt, um Menschen zu schützen, behauptete er. Belarus habe aus der Schweiz die Information bekommen, dass sich ein Sprengsatz an Bord der Ryanair-Maschine befinde.

Machthaber Lukaschenko: Unplausible Behauptungen

Machthaber Lukaschenko: Unplausible Behauptungen

Foto: Sergei Shelega / dpa

Vermeintliche Bombendrohung ging erst später am Flughafen Minsk ein

Ein internes Dokument nährt indes erhebliche Zweifel an dieser Darstellung: Die E-Mail, die die vermeintliche Bombendrohung enthielt, ging am Sonntag erst um 12.57 Uhr auf einem Account des Flughafens Minsk ein – fast eine halbe Stunde nachdem die belarussische Flugkontrolle den Ryanair-Piloten auf einen vermeintlichen Sprengsatz an Bord hingewiesen hatte. Die E-Mail wurde dem Londoner »Dossier Center« zugespielt; der SPIEGEL konnte Inhalt und Zeitangaben einsehen.

Der vermeintliche Autor, ein User mit der E-Mail-Adresse »ahmed_yurlanov1988@protonmail.com«, gibt sich darin als Vertreter der radikalislamischen Hamas aus. »Wir, die Soldaten der Hamas, fordern, dass Israel das Feuer im Gazastreifen einstelle. Wir fordern, dass die Europäische Union ihre Unterstützung für Israel in diesem Krieg einstelle.« Sollte sie dem nicht nachkommen, werde die Bombe am 23. Mai über Vilnius explodieren – »Allahu Akbar«.

Die Hamas hat inzwischen jegliche Verbindung zu einer vermeintlichen Bombendrohung in dem Fall abgestritten . Auch die meisten Beobachter halten die belarussische Darstellung für höchst unplausibel; sie gehen von einer fingierten Bombendrohung aus. So war zum Zeitpunkt der erzwungenen Zwischenlandung bereits ein Waffenstillstand zwischen Israel und der Palästinenserorganisation in Kraft. Dass die E-Mail tatsächlich von einem Hamas-Vertreter abgesendet wurde, ist mehr als zweifelhaft.

Nach Informationen aus dem Umfeld des Flughafens Vilnius ging um 12.25 Uhr, kurz bevor das Flugzeug den belarussischen Luftraum erreichte, eine inhaltsgleiche E-Mail vom selben Account beim Airport der litauischen Hauptstadt ein. Die griechische Flugbehörde wies hingegen sämtliche Behauptungen, wonach der Flughafen Athen oder griechische Behörden über eine Bedrohung für die Ryanair-Maschine unterrichtet worden seien, als »völlig falsch, unhaltbar und komplett irreführend« zurück.

Einige Rätsel gibt auch Lukaschenkos Behauptung auf, er habe Informationen über eine Bombe an Bord aus der Schweiz bekommen. Womöglich fußt dies auf einem Missverständnis, das mit dem E-Mail-Dienst Protonmail zusammenhängt: Der Anbieter hat seinen Sitz im Kanton Genf.

Roman Protassewitsch: Gekidnappter Blogger

Roman Protassewitsch: Gekidnappter Blogger

Foto: - / dpa

Protassewitsch drohen bis zu 15 Jahre Haft

Protassewitsch drohen nun bis zu 15 Jahre Haft. Das Regime wirft dem 26-jährigen Blogger und Aktivisten (Lesen Sie hier das Porträt ) unter anderem vor, »Massenunruhen« organisiert zu haben. So nennt das belarussische Regime die Proteste. Im Staatsfernsehen wurde am Montag ein Video ausgestrahlt, in dem er ein »Geständnis« ablegte. Unter welchem Druck er dies tun musste, lässt sich nur erahnen.

Seine Freundin Sapega, eine Russin, sitzt ebenfalls in Haft. Sie sei für zwei Monate inhaftiert worden, das Ermittlungsverfahren laufe, sagte ihr Anwalt. Auch Sapega hat, ebenfalls in einem vom Regime veröffentlichten Video-»Geständnis«, erklärt, Redakteurin eines oppositionellen Telegram-Kanals zu sein, der Details und Angaben von Mitarbeitern der Sicherheitsbehörden veröffentlicht. Die Russin wird im Untersuchungsgefängnis des Geheimdiensts KGB festgehalten.