Belarus Dutzende Festnahmen bei Protesten gegen Lukaschenko

Wasserwerfer, Schläge, Festnahmen: In Belarus haben erneut Tausende Menschen staatlicher Gewalt getrotzt und den Rücktritt des Regierungschefs gefordert. Oppositionsführerin Tichanowskaja machte ihnen per Twitter Mut.
Demonstrierende am Sonntag in Minsk: »Lang lebe Belarus«

Demonstrierende am Sonntag in Minsk: »Lang lebe Belarus«

Foto: STRINGER / REUTERS

Bei Protesten gegen Machthaber Alexander Lukaschenko in Belarus sind Sicherheitskräfte massiv gegen Demonstranten vorgegangen. Videos im Nachrichtenkanal Telegram zeigten am Sonntag, wie Menschen in der Hauptstadt Minsk vor vermummten Einsatzkräften wegliefen. Zu sehen war zudem, wie Demonstranten abgeführt wurden und Polizisten mitunter auf sie einschlugen. Auch Wasserwerfer kamen nach Angaben der Oppositionsbewegung zum Einsatz, um Menschen auseinanderzutreiben.

135 Menschen seien festgenommen worden, teilte die Bürgerrechtsgruppe Frühling 96 mit. Das Menschenrechtszentrum Wiasna listete die Namen von mehr als 70 Festgenommenen auf. Nach Angaben von Oppositionellen sind seit dem Start der Proteste in Belarus im August mehr als 30.000 Menschen festgenommen worden. Die Gegner Lukaschenkos werfen dem Präsidenten vor, die Wahl im Sommer manipuliert zu haben, um seine 26 Jahre währende Amtszeit zu verlängern. Lukaschenko bestreitet jedoch Wahlbetrug und weigert sich, zurückzutreten.

An diesem Sonntag beteiligten sich Tausende Menschen an den Protesten. Sie versammelten sich zunächst in Wohnvierteln und schlossen sich danach zu größeren Gruppen zusammen. So kam es nach Angaben der Medienorganisation Nasha Niva zu mehr als 120 kleineren und größeren Kundgebungen in der Hauptstadt Minsk und anderen Städten. In Minsker Vororten zogen Demonstranten durch die Straßen und schwenkten weiß-rot gestreifte Flaggen, ein Symbol der Opposition. Kundgebungsteilnehmer riefen »Lang lebe Belarus«.

Tichanowskaja erhält Menschenrechtspreis

Angesichts der Repressalien durch die Regierung haben viele Bürgerinnen und Bürger das Land bereits verlassen und etwa in Litauen oder Polen Zuflucht gesucht. Die inzwischen in Litauen lebende Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja beglückwünschte ihre Landsleute am Sonntag dazu, dass sie »der Repression, der Gewalt und der Kälte Widerstand entgegensetzen«. Die Belarussen wollten in einem »demokratischen und freien Land leben«, schrieb Tichanowskaja bei Twitter.

»Dieser Sonntag ist der 18. Sonntag infolge, an dem die Menschen zeigen, dass sie bereit sind, ihre Rechte weiter zu verteidigen«, so die Bürgerrechtlerin. Die 38-Jährige war bei der umstrittenen Präsidentenwahl am 9. August gegen den Staatschef angetreten und später nach massivem staatlichem Druck ins Ausland geflohen.

Tichanowskaja will am Montag in Berlin Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier treffen. Danach werde sie nach Brüssel weiterreisen und Gespräche mit dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell und Abgeordneten des EU-Parlaments führen, teilte die Oppositionsführerin mit. »Die wichtigste Aufgabe dieses Besuchs ist es, Gewalt und Gesetzlosigkeit gegen Belarussen zu stoppen.« Am Mittwoch erhält Tichanowskaja den renommierten Sacharow-Menschenrechtspreis des Europaparlaments.

fok/AFP/dpa/Reuters