Nach Wahl in Belarus Erneut Proteste gegen Machthaber Lukaschenko

In Minsk und anderen belarussischen Städten gehen die Menschen auch am Tag nach der Wahl auf die Straße. Präsident Lukaschenko lässt seine Sicherheitskräfte wieder gegen die Demonstranten vorgehen: Es gibt einen Toten.
Von Christina Hebel, Moskau
Einsatzkräfte in Minsk am Wahlabend 9. August

Einsatzkräfte in Minsk am Wahlabend 9. August

Foto: VASILY FEDOSENKO/ REUTERS

Die Wut und Enttäuschung über die Manipulationen bei der Präsidentschaftswahl in Belarus hat zahlreiche Menschen auch am Montagabend auf die Straßen getrieben. Das zeigen verschiedene Videos auf Telegram -Kanälen, berichten Korrespondenten unabhängiger Medien. In Minsk sammelten sich die Menschen an verschiedenen Orten der Stadt, es sind nach ersten Angaben wieder Tausende. Genaue Zahlen gab es zunächst nicht. Sie riefen "Lebe Belarus" und "Schande". Autofahrer unterstützen sie mit Hupkonzerten, blockierten einige Straßen.

Wieder gingen die Sicherheitskräfte brutal gegen friedliche Demonstranten vor, zogen sie aus Menschenmengen, griffen sie mit Schlagstöcken an, zerrten sie in Gefängnistransporter. Die Beamten feuerten mit Gummigeschossen auf Menschen, eine Reporterin der unabhängigen Zeitung "Nascha Niwa" wurde verletzt.

Es wurden erneut Blendgranaten und Tränengas gegen die Demonstranten eingesetzt. Auch Militärkräfte bezogen in der Hauptstadt Stellung. Demonstranten bauten Barrikaden.

Bereits in der Nacht zuvor hatten Einsatzkräfte Hunderte Protestierende festgenommen. Dutzende Menschen wurden verletzt. Auch am Montag erlitten nach ersten Berichten Demonstranten Verletzungen.

Das Innenministerium berichtete von einem Toten. Der Mann sei auf dem Prytytsky-Boulevard ums Leben gekommen. Er habe einen "nicht näher identifizierbaren Sprengsatz" auf die Beamten werfen wollen, der in seiner Hand explodiert sei. Dabei habe sich der Mann so schwer verletzt, dass er starb, zitierte die unabhängige Internetseite tut.by eine Erklärung der Behörde.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Zweifel am offiziellen Wahlergebnis

Lukaschenko hatte sich zum sechsten Mal zum haushohen Sieger der Präsidentschaftswahl erklären lassen. Mehr als 80 Prozent der Stimmen seien auf ihn entfallen, behauptete die Wahlkommission. Die Anhänger der Opposition bezweifeln diese Angaben. In 100 Wahllokalen, in denen Beobachter die Abstimmung beobachten konnten, habe die Oppositionelle Swetlana Tichanowskaja die Wahl gegen Lukaschenko gewonnen, meldete die Wahlinitiative "Ehrliche Menschen".

Trotz des massiven Einsatzes der Sicherheitskräfte trauten sich die Menschen nach Medienberichten in mindestens 13 Städten der Regionen auch am zweiten Abend gegen Lukaschenko zu demonstrieren. Hunderte protestierten unter anderem in Grodno an der polnischen Grenze, in Nawapolazk im Norden des Landes und in Babrujsk, etwa 140 Kilometer südöstlich von Minsk. In Brest, einer Stadt im Westen an der Grenze zu Polen gelegen, berichteten Korrespondenten vom Einsatz von Blendgranaten und Tränengas gegen Demonstranten.

Sorge um Swetlana Tichanowskaja

Tichanwoskaja hatte das offizielle Ergebnis nicht anerkannt, sich selbst zur Siegerin erklärt. Protestieren wolle sie nicht, erklärte sie, sie wolle keine Eskalation der Lage. Erneut appellierte sie an die Sicherheitskräfte keine Gewalt anzuwenden.

Am Nachmittag reichte sie Beschwerde gegen das Wahlergebnis bei der Zentralen Wahlkommission in Minsk ein. Danach habe sie die Behörde allein verlassen, ihrem Anwalt mitgeteilt, sie habe eine Entscheidung getroffen. Was das für eine Entscheidung sei, habe sie nicht gesagt, danach sei für Stunden telefonisch nicht erreichbar gewesen, wie ihre Sprecherin Anna Krasulina dem SPIEGEL bestätigte. Am späten Abend erklärte das Team von Tichanowskaja auf seinem Telegram-Kanal "Land für das Leben", man habe die Oppositionspolitikerin erreichen können, es gehe ihr gut. Die Pressesprecherin war nicht erreichbar. Wo Tichanowskaja sich aufhielt, war unklar.

Der KGB hatte am Montag behauptet, es sei ein Attentat auf Tichanowskaja geplant gewesen. Allerdings hatte der Geheimdienst bei Wahlen in der Vergangenheit häufiger erklärt, Anschläge angeblich vereitelt zu haben.

Warum wir statt Weiß­russ­land nun Belarus schreiben

Lange hat der SPIEGEL von Weißrussland geschrieben, wenn die Rede war von dem Staat zwischen dem Baltikum und Polen, der Ukraine und Russland. Offiziell nennt sich das Land seit seiner Unabhängigkeit 1991 nach dem Ende der Sowjetunion Republik Belarus, kurz Belarus. "Bela" bedeutet "weiß", "rus" verweist auf jenes früheres osteuropäisches Herrschaftsgebiet, das als Kiewer Rus bekannt war. Das heutige Territorium der Republik Belarus war Teil davon.

Um deutlich zu machen, dass es sich bei Belarus um einen souveränen Staat handelt, der nicht Teil Russlands ist, hat das Auswärtige Amt seit geraumer Zeit begonnen den offiziellen und zeitgemäßen Namen zu verwenden. Der SPIEGEL schließt sich dieser Entwicklung an und wird künftig Belarus statt Weißrussland schreiben, Weißrussinnen und Weißrussen nun als Belarussinnen und Belarussen bezeichnen.

Mitarbeit: Alexander Chernyshev
Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.