Fernduell um Belarus Sie im Exil, er auf der Hühnerfarm

In Litauen macht Swetlana Tichanowskaja als Oppositionspolitikerin ungelenke erste Schritte, in Belarus gibt sich Präsident Lukaschenko selbstsicher. Aber die nächste Großkundgebung in Minsk könnte das ändern.
Von Christian Esch, Minsk
Swetlana Tichanowskaja im Wahlkampf in Minsk

Swetlana Tichanowskaja im Wahlkampf in Minsk

Foto: Sergei Grits/ dpa

Alexander Lukaschenko und Swetlana Tichanowskaja, die beiden Kontrahenten der Präsidentschaftswahlen in Belarus, haben an diesem Freitag beide recht merkwürdige öffentliche Auftritte absolviert.

Im litauischen Vilnius gab Swetlana Tichanowskaja ihre erste Pressekonferenz nach der Flucht ins Exil. Die Englischlehrerin war im Wahlkampf für ihren inhaftierten Mann, den Blogger Sergej Tichanowskij, eingesprungen und hat als gemeinsame Kandidatin der Opposition vermutlich mehr Stimmen erhalten als Präsident Lukaschenko - das ist jedenfalls die einhellige Meinung in der Hauptstadt Minsk. Autokrat Lukaschenko rief sich dennoch selbst zum Sieger aus und zwang die Gegnerin ins Exil. Die EU hat seinen Wahlsieg nicht anerkannt.

Auch nach dem Wahlkampf ist Tichanowskaja immer noch keine Politikerin, das merkte man an den ungelenken, stockend vorgetragenen, einsilbigen Antworten, die sie der Presse gab.

Wann sie gedenke, nach Minsk zurückzukehren? "Wenn ich mich dort in Sicherheit fühle." Ob sie fürchte, dass Russland sich in Belarus einmische? "Ich rufe alle Länder der Welt auf, die Souveränität von Belarus zu achten."

Ob sie Sanktionen gegen das Regime befürworte? Sie wiederholt: "Ich rufe alle Länder der Welt auf, die Souveränität unseres Landes zu achten." Das ist offenbar ein Nein.

Ob sie an Neuwahlen in Belarus teilnehmen werde? "Darüber lohnt es sich derzeit nicht zu reden. Unsere Aufgabe ist es, diese fairen, offenen Neuwahlen zu erkämpfen."

Ob Moskau versucht habe, sie zu kontaktieren? "Es gab keine Versuche."

Mit offenkundiger Erleichterung erhob sie sich am Ende der kurzen Veranstaltung.

Der Ehemann sitzt in Haft

Tichanowskaja ist in einer schwierigen Lage. Einerseits ist sie zwar nicht die Anführerin, wohl aber das Gesicht jenes Protests geworden, der Lukaschenkos 26 Jahre währende Herrschaft zu beenden droht, und gegen den der Präsident rabiat vorgeht. Sie ruft deshalb dazu auf, die Streiks fortzusetzen. Sie hat sich selbst als "Nationalen Leader" vorgeschlagen, die einen friedlichen Machtwechsel begleiten werde.

Andererseits ist ihr Mann in Haft, sie ist erpressbar. Mit welchen Drohungen das Regime sie ins Exil gezwungen hat und was sie dabei versprechen musste, das will sie auch jetzt nicht offenlegen.

Der Mann, der sich zum Wahlsieger ausrief und mit dieser Manipulation die größten Proteste in der Geschichte seines Landes verursachte, Alexander Lukaschenko, trat am Freitag ebenfalls auf. Das Fernsehen zeigte seine Besuche einer Hühnerfarm und einer Milchfabrik. "Wie viele Mitarbeiter streiken hier?", fragte er gleich nach dem Verlassen des Hubschraubers den Direktor, und freute sich über die Antwort, es arbeiteten alle. "Jaja, wer streikt, der kann keine Hühner aufziehen", sagte Lukaschenko altklug.

Anschließend belehrte er die Belegschaft, die mit steinernen Gesichtern zuhörte, über die Weltlage. Emmanuel Macron habe seine Mittlerdienste angeboten – eher würde er, Lukaschenko, dem französischen Präsidenten helfen, mit den Gelbwesten zu reden! Auch die Deutschen mischten sich doch nur ein, um von eigenen Problemen im Kampf mit der Corona-Pandemie abzulenken.

Lukaschenko sprach routiniert, hart, feurig – er war das Gegenteil zu Tichanowskajas vorsichtigem Auftreten. Die Nachricht an die Zuschauer war: Die Kundgebungen und Streiks, mit denen gegen den manipulierten Wahlsieg protestiert werden, sind unerheblich und bald besiegt, das Land wendet sich jetzt wieder wichtigeren Dingen zu: Hühnern, Kühen, Kartoffeln. "Belarussische Fernsehnachrichten bestehen derzeit zu 50 Prozent aus dem Präsidenten, zu 30 Prozent aus der Ernte-Kampagne und dazwischen wird gewarnt, dass man die Demonstrationspolizei nicht kränken soll", sagte eine belarussische Journalistin bitter.

Die Angst wächst

Die Strategie könnte sogar aufgehen: Diese Woche hat gezeigt, dass die Streiklust der Arbeiterschaft begrenzt ist, die Angst vor dem Autokraten und seiner Justiz wieder steigt. Prominente Mitglieder des neugebildeten Koordinationsrats der Protestbewegung, der eine friedliche Machtübergabe und Neuwahlen organisieren soll, wurden am Freitag zur Vernehmung beim Ermittlungskomitee eingestellt, ihnen droht ein Strafverfahren wegen Versuchs der Machtergreifung. Noch allerdings gelten sie formal als Zeugen. Kein Zufall, dass Lukaschenko vor dem Besuch bei der Hühnerfarm ein Treffen mit den Spitzen der Polizei hatte.

Wie es weitergeht, hängt davon ab, ob die Protestbewegung den Druck auf der Straße aufrechterhalten kann. Am vergangenen Sonntag hatten gut hunderttausend Minsker gegen Lukaschenko demonstriert. Diesen Sonntag ist eine neue Großkundgebung geplant.

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