Oppositionelle Kalesnikawa "Wir Belarussen haben das Recht auf friedlichen Protest"

Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja musste Belarus verlassen - wie geht es nun im Land weiter? Ihre Mitstreiterin Maria Kalesnikawa spricht im Interview über staatliche Gewalt und über die Hoffnung auf Veränderung.
Ein Interview von Christina Hebel, Moskau
Swetlana Tichanowskaja (l,) und Maria Kalesnikawa in Minsk

Swetlana Tichanowskaja (l,) und Maria Kalesnikawa in Minsk

Foto: VASILY FEDOSENKO/ REUTERS

Zu dritt zogen die Frauen durch Belarus: Zehntausende jubelten der Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja und ihren Mitstreiterinnen Weronika Zepkalo und Maria Kalesnikawa zu, als sie über den Stillstand im Land, die Repressionen, all die Chancen, die Belarus hat, sprachen. Jetzt ist nur noch Kalesnikawa im Land. Nach Druck und Drohungen haben Zepkalo und Tichanowskaja Minsk verlassen. Wie geht es nun weiter? Was plant die Opposition, auch angesichts der Proteste auf den Straßen?

Zur Person
Maria Kalesnikawa

Maria Kalesnikawa

Foto: TATIANA ZENKOVICH/EPA-EFE/Shutterstock

Maria Kalesnikawa, 38 Jahre, Leiterin des Wahlbüros von Wiktor Babariko. Der Ex-Banker sitzt seit Wochen in Haft. Die Musikerin arbeitete vor dem Wahlkampf für ihn als Kulturmanagerin. Sie ist in Minsk geboren. Schloss die Musikakademie für Flöte und Dirigieren ab, studierte vier Jahre lang an der Hochschule für Musik in Stuttgart. Neben Konzertauftritten organisierte sie internationale Kulturprojekte in Deutschland, in den vergangenen vier Jahren auch in Belarus.

SPIEGEL: Zuerst die wichtigste Frage, wie geht es Ihnen?

Maria Kalesnikawa: Danke soweit gut, ich bin in unserem Wahlbüro in Minsk.

SPIEGEL: Swetlana Tichanowskaja hat Belarus verlassen, wohl nicht freiwillig. Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen? Was wissen Sie darüber?

Kalesnikawa: Ich habe Swetlana zuletzt am Montag gesehen, als wir um 16 Uhr zusammen in die Zentrale Wahlkommission gingen, um Beschwerde gegen das offizielle Wahlergebnis einzureichen. Lange wurde Swetlana nicht in das Büro der Leiterin der Wahlkommission, Lidsija Jarmoschyna, gelassen. Dann durfte Swetlana mit ihrem Anwalt den Raum betreten. Erst später haben wir erfahren, dass der Jurist den Raum verlassen musste, die Leiterin der Wahlbehörde ebenfalls ging. Swetlana blieb also allein. Wie wir jetzt wissen, mit zwei Beamten der Sicherheitsbehörden. Drei Stunden war sie mit ihnen in dem Zimmer, ohne Telefon, ohne Internet, ohne ihren Anwalt. Danach kam sie raus, umarmte ihren Anwalt und sagte kurz: "Entschuldige, ich habe eine Entscheidung getroffen, ich will bei meinen Kindern sein." Dann verließ sie das Gebäude.

SPIEGEL: Glauben Sie, Tichanowskaja wurde unter Druck gesetzt?

Kalesnikawa: Ja, ich bin mir sicher, wenn eine Frau drei Stunden lang mit zwei Vertretern der staatlichen Sicherheitsorgane in einem Raum ist, dann ist das Druck. Wir gehen davon aus, dass sie Belarus nicht freiwillig verlassen hat.

SPIEGEL: Haben Sie mit ihr darüber sprechen können?

Kalesnikawa: Nein, ich habe ihr geschrieben, sie angerufen, mehrmals. Auch heute. Keine Reaktion.

SPIEGEL: Was bedeutet das nun für Sie, die vielen Freiwilligen aus dem Wahlkampf und die Demonstranten auf der Straße?

Kalesnikawa: Es ist eine sehr schwierige Zeit. Aber ich denke, die Belarussen verstehen, was passiert ist, verstehen, dass es Zwang war, der da ausgeübt wurde, Swetlana sich und ihre Familie in Sicherheit bringen musste. Ich bin mir fast sicher, dass nach all den Wahlfälschungen und dem Zynismus, den die Menschen erlebt haben, sie sich nicht damit abfinden werden. Erst wurden ihnen die Kandidaten genommen: Wiktor Babarriko, für den ich mich engagiere, sitzt in Haft; Walerij Zepkalo floh auch ins Ausland nach Moskau. Dann übernahm Swetlana. Jetzt wurde auch sie mit Druck aus dem Land getrieben.

Umarmung nach der Wahl am 9. August: Maria Kalesnikawa (l.) und Swetlana Tichanowskaja

Umarmung nach der Wahl am 9. August: Maria Kalesnikawa (l.) und Swetlana Tichanowskaja

Foto: Misha Friedman/ Getty Images

SPIEGEL: Weronika Zepkalo, ihre andere Mitstreiterin, befindet sich inzwischen auch in Moskau. Sie sagt, sie musste Belarus verlassen, da ihr die Festnahme drohte. Gibt es solche Drohungen auch gegen Sie?

Kalesnikawa: Nicht, dass ich wüsste. Ich wurde vor Kurzem einmal festgenommen vor unserem Büro, dann aber kurze Zeit später freigelassen und von den Beamten zu dem Restaurant gebracht, wo ich verabredet war. Sie sprachen von einem "Fehler".

SPIEGEL: Sie sind nun allein, werden Sie weiter machen?

Kalesnikawa: Ich bleibe bei meinem Team, in Belarus, wir machen weiter. Wir haben viel Arbeit, stellen Informationen über die Wahlfälschungen zusammen. Wir bekommen zahlreiche Hinweise. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir Menschen helfen, die nun Probleme haben: Mitglieder von Wahlkommissionen, die ehrliche Ergebnisse verkündet haben und unter Druck stehen, ihre Arbeit verlieren. Wir versuchen neue Jobs für sie zu finden. Und wir kümmern uns um diejenigen, die bei den Protesten verschwunden und nun vermutlich im Gefängnis sitzen. Wir bauen gerade eine Gruppe Freiwilliger auf, die nach ihnen sucht, wir leisten juristischen Beistand und versuchen, finanziell zu helfen. Allein von unseren Anhängern wurden Hunderte festgenommen, darunter viele Freunde.

Einsatzkräfte schlagen auf einen Mann ein

Einsatzkräfte schlagen auf einen Mann ein

Foto: YAUHEN YERCHAK/EPA-EFE/Shutterstock

SPIEGEL: Gehen Sie selbst protestieren?

Kalesnikawa: Ich war gestern auf der Straße in Minsk, nicht mittendrin, aber ich habe gesehen, wie grausam die Menschen behandelt werden, wie sie in die Gefängnistransporter und Busse gezerrt werden und welche Gewalt ihnen angetan wird.

SPIEGEL: Selbst wollen Sie nicht demonstrieren?

Kalesnikawa: Das ist eine schwierige Frage. Ich will das belarussische Volk unterstützen, tue alles dafür, dass die Führung das Volk hört und sieht, dass die Menschen verstehen, dass sie bei dieser Wahl betrogen wurden. Die Führung des Landes muss diesen Betrug beenden, die Verantwortung für die Sicherheit der Menschen übernehmen. Die Gewalt muss aufhören.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Bisher sieht es aber nicht aus, dass Lukaschenko in irgendeiner Weise zu einem Dialog bereit ist.

Kalesnikawa: Ja, leider. Wir hatten uns noch am Wahlabend an die Leiter der Präsidialverwaltung und des Innenministeriums mit dem Appell gewandt, keine Gewalt auszuüben. Wir haben keine Antwort bekommen, bis heute. Wie lange die Proteste dauern werden? Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass wir Belarussen das Recht auf den friedlichen Protest haben, das Recht, neue und faire Wahlen zu fordern. Diesen Prozess will ich weiter unterstützen. Wir sind an einem Wendepunkt in Belarus: Ich spüre die Unterstützung der Menschen, die etwas in ihrem Land verändern wollen. Es hängt jetzt von uns ab, wie es weitergeht.

Warum wir statt Weiß­russ­land nun Belarus schreiben

Lange hat der SPIEGEL von Weißrussland geschrieben, wenn die Rede war von dem Staat zwischen dem Baltikum und Polen, der Ukraine und Russland. Offiziell nennt sich das Land seit seiner Unabhängigkeit 1991 nach dem Ende der Sowjetunion Republik Belarus, kurz Belarus. "Bela" bedeutet "weiß", "rus" verweist auf jenes früheres osteuropäisches Herrschaftsgebiet, das als Kiewer Rus bekannt war. Das heutige Territorium der Republik Belarus war Teil davon.

Um deutlich zu machen, dass es sich bei Belarus um einen souveränen Staat handelt, der nicht Teil Russlands ist, hat das Auswärtige Amt seit geraumer Zeit begonnen den offiziellen und zeitgemäßen Namen zu verwenden. Der SPIEGEL schließt sich dieser Entwicklung an und wird künftig Belarus statt Weißrussland schreiben, Weißrussinnen und Weißrussen nun als Belarussinnen und Belarussen bezeichnen.

Mitarbeit: Alexander Chernyshev
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.