Belarus Oppositionsführerin Kolesnikowa offenbar von Unbekannten verschleppt

Eine der wichtigsten Figuren der belarussischen Demokratiebewegung ist Berichten zufolge in Minsk von Unbekannten festgesetzt und weggebracht worden. Die Behörden gaben zudem die Festnahme von 633 Demonstranten bekannt.
Marija Kolesnikowa bei regierungskritischen Protesten Ende August in Minsk

Marija Kolesnikowa bei regierungskritischen Protesten Ende August in Minsk

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Natalia Fedosenko / ITAR-TASS / imago images

Die belarussische Oppositionsführerin Marija Kolesnikowa ist Berichten zufolge festgenommen worden - unklar ist aber, von wem. Sie sei in der Innenstadt von Minsk von bislang nicht identifizierten Personen festgesetzt worden, meldete die Internetseite Tut.by am Montag. Unter Berufung auf eine Augenzeugenaussage heißt es in dem Bericht, Kolesnikowa sei in einem Auto weggebracht worden.

Auch die Nachrichtenagentur AFP meldete mit Verweis auf Unterstützer der Oppositionellen, Zeugen hätten beobachtet, wie Kolesnikowa am Morgen von schwarz gekleideten Männern gepackt und in einen Kleinbus gestoßen worden sei. Sie antworte nicht mehr auf Anrufe.

Die Seite tut.by zitiert eine Augenzeugin. Demnach ereignete sich der Vorfall kurz nach 10 Uhr unweit des Kunstmuseums in der Minsker Innenstadt. In der Nähe des Museums habe sie einen kleinen Bus gesehen, heißt es in dem Bericht. "Ich ging nach vorne und hörte, wie ein Handy auf den Asphalt fällt, dann noch Stampfen. Ich habe mich umgedreht und sah Menschen im Zivil mit Masken. Sie haben Marija in den Bus geschoben, ihr Handy ist auf den Boden gefallen. Ein Mann hat es geholt und er ist in den Bus reingesprungen", wird die Augenzeugin zitiert. Danach sei das Fahrzeug weggefahren.

Insgesamt drei Oppositionelle nicht mehr erreichbar

German Gleb, Sprecher des Wahlbüros von Wiktor Babariko und Marija Kolesnikowa, sagte dem SPIEGEL, dass es seit zehn Uhr vormittags keinerlei Kontakt mehr mit Kolesnikowa gegeben habe. Etwas später seien der Mitarbeiter Iwan Krawzow und der Sprecher des Koordinationsrates, Anton Rodnenkow, nicht mehr erreichbar gewesen. "Unsere Juristen versuchen gerade zu ermitteln, wo sich Marija und die beiden aufhalten, kontaktieren alle Sicherheitsbehörden. Bisher haben wir sie nicht gefunden." Von der Polizei habe es geheißen, man habe Kolesnikowa nicht festgenommen.

Der russischen Agentur Interfax zufolge teilte die Polizei in Belarus mit, dass sie Kolesnikowa nicht festgenommen habe. Die Polizei prüfe aber, ob Kolesnikowa entführt worden sei, berichtete die Nachrichtenagentur RIA.

Die 38-Jährige ist eine der wichtigsten Oppositionellen, die sich gegen den umstrittenen Staatschef Alexander Lukaschenko stellen (lesen Sie hier ein SPIEGEL-Interview mit Kolesnikowa von August). Einige andere Mitglieder des Koordinierungsrates waren zuvor schon festgenommen worden, ausgereist oder zur Ausreise gezwungen worden, darunter die Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja. Sie war nach der Wahl ins EU-Land Litauen geflüchtet.

"Je mehr sie einschüchtern, desto mehr Menschen gehen auf die Straßen"

Im Wahlkampf war Kolesnikowa zusammen mit Tichanowskaja und Weronika Zepkalo aufgetreten. Zuvor hatte sie als Kampagnenchefin für die Kandidatur des Ex-Bankers Babariko gearbeitet, der heute im Gefängnis sitzt.

Tichanowskaja äußerte sich nach dem Verschwinden Kolesnikowas. "Wieder zeigt das Regime, dass es nur mit Einschüchterung handeln kann." Die Verschleppung von Kolesnikowa, Rodnenkow und Krawzow sei ein Versuch, die Arbeit des Koordinationsrates zu blockieren. "Das wird uns nicht aufhalten. Je mehr sie einschüchtern, desto mehr Menschen gehen auf die Straßen. Wir werden unser Kampf fortsetzen, wir werden die Befreiung aller Gefangenen und neue faire Wahlen fordern."

Litauens Außenminister Linas Linkevicius machte die belarussische Staatsführung in Minsk für das spurlose Verschwinden Kolesnikowas verantwortlich und forderte deren sofortige Freilassung. "Die Entführung von M. Kolesnikowa in der Innenstadt von Minsk ist eine Schande", schrieb Linkevicius auf Twitter . "Anstatt mit dem Volk von Belarus zu sprechen, versucht die scheidende Führung, einen nach dem anderen zynisch zu eliminieren". Dies erinnere an stalinistische Methoden. Belege für eine Verwicklung des Regimes lieferte Linkevicius nicht.

Nach Angaben des belarussischen Innenministeriums wurden am Sonntag bei neuen landesweiten Protesten insgesamt 633 Menschen festgenommen. Rund 360 Demonstranten seien noch in Gewahrsam. An den Demonstrationen hatten sich erneut Zehntausende Menschen beteiligt. Die Führung um Präsident Alexander Lukaschenko geht massiv gegen die Demonstranten vor - so auch am Sonntag: Auf Videos war zu sehen, wie Uniformierte Teilnehmer auf den Straßen verfolgten. Zudem sollen Einsatzkräfte Tränengas benutzt haben.

Hintergrund der Proteste ist die Präsidentenwahl vor mehr als vier Wochen. Lukaschenko hatte angeblich 80,1 Prozent der Stimmen erhalten und sich zum Sieger erklärt. Die Opposition hält dagegen Swetlana Tichanowskaja für die wahre Gewinnerin. Die Abstimmung steht international als grob gefälscht in der Kritik - die EU, die USA und weitere Länder erkennen das von offizieller Seite genannte Ergebnis nicht an.

mes/heb/Reuters/dpa
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