Prozess gegen in Belarus eingesperrte Sofja Sapega Begnadigt Lukaschenko die Russin?

Nach der Zwangslandung der Ryanair-Maschine ließ der belarussische Diktator Lukaschenko den Aktivisten Roman Protassewitsch und dessen russische Freundin einsperren. Jetzt wird Sofja Sapega der Prozess gemacht.
Von Christina Hebel, Moskau
Sofja Sapega: Das Bild der Russin stammt von ihrem Instagram-Account

Sofja Sapega: Das Bild der Russin stammt von ihrem Instagram-Account

Foto: instagram.com / sapega_sofia_ / IMAGO

Was hätten sie gegeben, die Stimme ihrer Tochter zu hören, sagt Sergej Duditsch. Nur einmal. Doch ein halbes Jahr hätten die Eltern mit Sofja Sapega nicht einmal telefonieren dürfen. Die Sicherheitsbehörden untersagten es.

Mehr als zehn Monate ist Sapega, 24 Jahre, in der Gewalt des belarussischen Regimes. Am 23. Mai vergangenen Jahres hatte Diktator Alexander Lukaschenko die Ryanair-Maschine, in der Sapega und ihr Freund, der bekannte belarussische Aktivist Roman Protassewitsch, saßen, zur Landung zwingen lassen. Beide wurde danach verhaftet.

Anders als Protassewitsch ist Sapega russische Staatsbürgerin, was Lukaschenko allerdings nicht davon abhielt, auch sie einsperren und von der Außenwelt weitgehend isolieren zu lassen. Sapega bat den Machthaber in einem Brief um Begnadigung, die aber verwehrte er ihr.

So wird der jungen Russin ab Montag der Prozess vor einem Gericht in Grodno gemacht. Offiziell beschuldigt das belarussische Regime Sapega, einen oppositionellen Telegram-Kanal betrieben zu haben. Der veröffentlicht bis heute persönliche Daten von Mitgliedern des belarussischen Sicherheitsapparats. Überprüfen lassen sich die Angaben der Behörden nicht. Sie geben an, angeblich Informationen auf Sapegas Mobiltelefon und Computer gefunden zu haben, die ihre Aktivitäten für den Telegram-Kanal belegten.

Das Regime verweist auch auf eine Aussage von Sapega. Sie war kurz nach ihrer Festnahme in einem Video in Geiselnehmer-Manier vorgeführt worden. Darin erklärte sie, für den Telegram-Kanal angeblich verantwortlich gewesen zu sein. Wie sehr sie für diese Aufnahme unter Druck gesetzt wurde, lässt sich nur erahnen: Sie schaut kaum in die Kamera, rattert ihre persönlichen Angaben herunter.

Jetzt ist die junge Frau gleich wegen sieben Strafbeständen angeklagt, der schwerste umfasst »vorsätzliche Handlungen, die darauf abzielen, sozialen Unfrieden zu stiften«. Gemeint sind Drohungen oder andere Attacken, die staatliche Beamte nach Veröffentlichen ihrer Daten auf dem Telegram-Kanal erhalten haben. Darauf stehen bis zu zwölf Jahre Haft in Belarus.

Sapega habe eine Vereinbarung mit den Sicherheitsbehörden geschlossen, sich zur Zusammenarbeit verpflichtet, sagt ihr Anwalt Anton Gaschinskij dem SPIEGEL. »Der Schritt ist ihr nicht leichtgefallen, aber sie hat Angst, für zwölf Jahre eingesperrt zu werden.« Bei Kooperation werde das Strafmaß des Urteils in Belarus in der Regel halbiert. Dass Sapega verurteilt wird, davon gehen nicht nur ihre Anwälte aus. Gerichtsverfahren gelten in Belarus in den meisten Fällen als Scheinprozesse – vor allem, wenn es um politische Verfahren geht.

Hoffnung auf Begnadigung

Sapega war im Mai festgenommen worden, um insbesondere Protassewitsch unter Druck zu setzen. Der galt durch seine Arbeit bei dem Telegram-Kanal »Nexta« als einer der Hauptfeinde des Regimes. »Nexta« fungierte nach der gefälschten Präsidentschaftswahl 2020 als eine treibende Kraft für die Großproteste in Belarus. Die Mitarbeiter des Telegram-Kanals wurden vom Geheimdienst KGB als »Extremisten« gelistet.

Gaschinskij, der von Russland aus Sapegas Familie vertritt und mit ihren Anwälten in Belarus zusammenarbeitet, rechnet nun mit einem längeren Verfahren. Es seien bereits 21 Prozesstage angesetzt worden, sagt er. Nach dem Verfahren hoffe Sapega auf eine Begnadigung durch Lukaschenko. Die Juristen wollten erneut versuchen, diese zu erwirken, sagt Gaschinskij. Sollte dies nicht gelingen, wollen die Anwälte die junge Frau in ihr Geburtsland Russland holen, wo sie ihre Strafe absitzen könnte. »Die würde hier geringer ausfallen, weil die Gesetze andere Strafen vorsehen«, sagt Gaschinskij.

Sapega hatte im vergangenen Jahr mehrmals Besuch von russischen Diplomaten bekommen. Ihr Fall soll auch in Gesprächen von Lukaschenko und Machthaber Wladimir Putin Thema gewesen sein. Die öffentliche Unterstützung für die Staatsbürgerin Sapega fiel in Russland aber bisher eher leise aus. Zwar meldete sich Kremlsprecher Dmitrij Peskow kurz nach der Festnahme der Russin zu Wort, doch danach wurde es still.

Sapega stammt aus Wladiwostok im Fernen Osten Russlands. Nach Belarus zog sie als Achtjährige mit ihrer Mutter, einer Russin, die dort den Belarussen Duditsch heiratete. Ihren russischen Pass behielt Sapega. Vor ihrer Festnahme hatte die junge Frau in Vilnius Jura studiert. In Litauen hatte sie ihren Freund, den belarussischen Aktivisten Protassewitsch, kennengelernt. Sapega war nach Angaben ihrer Familie nicht politisch aktiv gewesen.

»Sie fühlt sich derzeit wie ein Vogel in einem goldenen Käfig«

Anders als seine Freundin trat Protassewitsch nach der Festnahme mehrmals im belarussischen Staatsfernsehen, in Interviews und Pressekonferenzen auf. Wie freiwillig das geschah, ist unklar.

Für Sapega sei es »psychologisch sehr schwer«, sagt ihr Anwalt Gaschinskij. Sie hätte nie gedacht, in so eine Situation geraten zu können. »Sie fühlt sich derzeit wie ein Vogel in einem goldenen Käfig. Es gibt eine gewisse Freiheit, aber sie ist sehr begrenzt.«

Nach einigen Wochen im KGB-Gefängnis wurde Sapega unter Hausarrest gestellt, erst gemeinsam mit Protassewitsch, dann ab Oktober allein. Hätten sie ihre Tochter bis dahin noch per Telefon sprechen und sogar in Minsk treffen können, sei dies plötzlich verboten gewesen, sagt ihr Stiefvater Duditsch. »Wir befinden uns seitdem faktisch im Informationsvakuum.« Weniges habe er über die Anwälte in Erfahrung bringen können.

Sapega stehe unter ständiger Bewachung, habe sich monatelang in einer Wohnung in Lida, der Heimatstadt ihrer Eltern, rund hundert Kilometer nordöstlich von Grodno, aufhalten müssen, so Duditsch. Vor die Tür habe sie nur in Begleitung mit ihren Aufpassern gehen dürfen, um einzukaufen. Computer und Internet dürfe sie nicht nutzen, sagt Jurist Gaschinskij. Ihr Stiefvater Duditsch erzählt, er habe über mehrere Ecken erfahren, dass seine Stieftochter wohl eine Coronaerkrankung überstanden habe. »Wie es ihr ging, wir wissen es nicht, wir konnten ihr nicht einmal helfen.«

Er hofft nun, seine Stieftochter im Gerichtssaal in Grodno häufiger sehen zu können. Zumindest der Auftakt des Prozesses soll öffentlich sein.