Präsidentschaftswahl in Belarus Lukaschenkos Angstgegnerin

Swetlana Tichanowskaja wollte nie in die Politik. Doch als ihr Mann den Machthaber in Minsk herausforderte und im Gefängnis landete, übernahm sie. Mit Erfolg: Die Opposition ist erstmals geeint - und Lukaschenko nervös.
Von Christina Hebel, Moskau
Swetlana Tichanowskaja vor Anhängern in Brest: "Sweta! Sweta!"

Swetlana Tichanowskaja vor Anhängern in Brest: "Sweta! Sweta!"

Foto: Sergei Grits/ AP

"Sweta, Sweta", rufen Tausende, als Swetlana Tichanowskaja endlich in einem Wald bei Brest ankommt und auf die Bühne steigt. Nur dort darf ihre Versammlung stattfinden, weit weg vom Zentrum der Stadt an der polnischen Grenze. Trotzdem sind rund 18.000 Menschen gekommen, haben geduldig auf sie gewartet. Auf dem Weg wurde Tichanowskajas Team von Polizisten angehalten.

Die 37-Jährige winkt in die Menge. Sie ist die einzige wirkliche Oppositionskandidatin, die für die Präsidentschaftswahl in Belarus zugelassen wurde. Im Takt der Musik schwenkt Tichanowskaja ihre Hände, wie Videobilder  unabhängiger Medien zeigen. Aus den Boxen ertönt die belarussische Fassung des Liedes "Mauern". Gemeinsam singen sie den Refrain: "Zerstör die Mauern des Gefängnisses! Wenn du dich nach Freiheit sehnst, nimm sie dir!" Den Song stimmten schon die Anhänger der Bewegung Solidarność (Solidarität) in Polen an, bis nach Jahren das kommunistische Regime fiel.

In Belarus ist das Lied zur Oppositionshymne geworden, in einem Sommer, der vielen Menschen Hoffnung auf lang ersehnte Veränderungen macht. 26 Jahre ist Alexander Lukaschenko schon an der Macht. Jetzt will sich der autoritäre Präsident ein sechstes Mal zum Sieger der Präsidentschaftswahl erklären lassen. Bis Sonntagabend wird abgestimmt. Tichanowskaja sagt : "Nach 26 Jahren kann man die Macht verlieren. Der Präsident ist ein angestellter Mitarbeiter." Sie meint Angestellter des belarussischen Volkes.

Warum wir statt Weiß­russ­land nun Belarus schreiben

Lange hat der SPIEGEL von Weißrussland geschrieben, wenn die Rede war von dem Staat zwischen dem Baltikum und Polen, der Ukraine und Russland. Offiziell nennt sich das Land seit seiner Unabhängigkeit 1991 nach dem Ende der Sowjetunion Republik Belarus, kurz Belarus. "Bela" bedeutet "weiß", "rus" verweist auf jenes früheres osteuropäisches Herrschaftsgebiet, das als Kiewer Rus bekannt war. Das heutige Territorium der Republik Belarus war Teil davon.

Um deutlich zu machen, dass es sich bei Belarus um einen souveränen Staat handelt, der nicht Teil Russlands ist, hat das Auswärtige Amt seit geraumer Zeit begonnen den offiziellen und zeitgemäßen Namen zu verwenden. Der SPIEGEL schließt sich dieser Entwicklung an und wird künftig Belarus statt Weißrussland schreiben, Weißrussinnen und Weißrussen nun als Belarussinnen und Belarussen bezeichnen.

Über 60.000 Menschen in Minsk

Lukaschenko sieht sich dagegen als den einzig wahren Präsidenten von Belarus. Unabhängige Meinungsumfragen hat er verbieten lassen. Lange versuchte er, sich als "Batka" (Väterchen) seines Volkes zu inszenieren. Ein Bild, das mit der Wirklichkeit wenig gemein hat: Über Wochen leugnete er das Coronavirus, was den Verdruss der Menschen noch weiter steigerte.

Viele sind müde angesichts des Stillstands im Land, der Dauerwirtschaftskrise und Korruption der Eliten, den ewigen Warnungen vor angeblichen Umsturzplänen, zuletzt beschuldigte er Russland, am Donnerstag die USA. Mehr und mehr trauen sich die Belarussen, ihre Kritik offen zu zeigen, auf die Straße zu gehen, wie Blogger und Journalisten auch aus den Regionen berichten.

Präsident Lukaschenko: Unabhängige Umfragen vor der Wahl verboten

Präsident Lukaschenko: Unabhängige Umfragen vor der Wahl verboten

Foto: Nikolai Petrov/ imago images/ITAR-TASS

In der Hauptstadt Minsk versammelten sich in der vergangenen Woche rund 63.000 Menschen laut der Menschenrechtsorganisation Wjasna, um Tichanowskaja zu sehen. "Beispiellos" in der belarussischen Geschichte nennt der Minsker Politologe Artjom Schraibman die Demonstration.

Auf der Bühne wirkt die zurückhaltend wirkende Frau angesichts der klatschenden Massen überwältigt, so als ob sie es selbst nicht fassen kann. "Wir sind müde, geduldig zu sein, müde zu schweigen, müde, Angst zu haben", ruft sie den jubelnden Menschen zu.

Mutter, Hausfrau - Heldin?

Tichanwoskajas Geschichte erinnert an die einer Heldin. Sie stammt aus Mikaschewitschi, einer 12.000-Einwohner-Kleinstadt im Süden des Landes, und ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, der Vater arbeitete als Fahrer, die Mutter als Köchin in einer Schulkantine. Dorthin sei Tichanowskaja immer gekommen, damit ihre Mutter ihre Hausaufgaben überprüfen konnte, erzählt eine ehemalige Kollegin der Mutter. Als "bescheiden" und "scheu" beschreibt sie Tichanowskaja damals. Die Schule schloss sie mit Auszeichnung ab. Ihre Klassenlehrerin nennt sie  "verantwortungsbewusst", eine Bezeichnung, die auch immer wieder Freiwillige ihres Wahlteams in Gesprächen wählen.

Die studierte Pädagogin und Übersetzerin wollte nie in die Politik, nie auf Bühnen große Reden halten. Sie kümmerte sich in den vergangenen Jahren um den Haushalt und ihre beiden Kinder. Ihr Mann Sergej Tichanowskij fuhr durch die meist ärmlichen Regionen und gab den unzufriedenen Menschen in seinen Videos eine Stimme. Als der Videoblogger und Lukaschenko-Kritiker nicht zur Wahl zugelassen und später inhaftiert wurde, trat sie an seine Stelle.

Nun sieht sie sich als Übergangspolitikerin, die ihren Platz räumen will, wenn ihr Mann wieder freikommt. "Ich will nicht an die Macht", sagt sie und verspricht bei ihrem Sieg demokratische Neuwahlen in sechs Monaten zu organisieren. "Ich will nur meinen Mann und meine Kinder zurück und wieder meine Frikadellen braten."

"Ich will nicht an die Macht. Ich will nur meinen Mann und meine Kinder zurück und wieder meine Frikadellen braten"

Swetlana Tichanowskaja

Ein Herz, eine Faust, ein Victoryzeichen

Sie hat sich mit zwei Frauen verbündet, die Ähnliches erlebt haben:

  • Weronika Zepkalo, Ehefrau von Walerij Zepkalo. Der Ex-Diplomat und ehemalige Leiter des Belarus Hi-Tech Park wollte zur Wahl antreten, er ist inzwischen mit den beiden Kindern nach Moskau geflohen;

  • Maria Kolesnikowa, Musikerin, Kulturmanagerin und Leiterin des Wahlbüros von Wiktor Babariko. Der ehemalige Bankier war lange der beliebteste Kandidatenanwärter, er sitzt wie Tichanowskij wegen fadenscheiniger Verfahren in Haft.

"Tichanowskaja hat etwas geschafft, was es vorher nicht gab: Sie hat die Opposition vereint, bindet neue und alte Kräfte der Bewegung ein", sagt Analyst Schraibman.

"Wmeste", zusammen, steht unter dem Logo der Frauen, darauf sind ihre Symbole zu sehen: ein Herz (Kolesnikowa: "Wir lieben"), eine Faust (Tichanowskaja: "Wir können") und ein Victoryzeichen (Zepkalo: "Wir werden gewinnen"). Ein ausgefeiltes Wahlprogramm haben sie nicht. Es ist Grundlegendes, das die Frauen fordern: die Freilassung aller politischen Gefangenen, faire Abstimmungen und eine Begrenzung der Amtszeiten des Präsidenten.

Veronika Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Kolesnikowa in Minsk: Grundlegende Forderungen

Veronika Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Kolesnikowa in Minsk: Grundlegende Forderungen

Foto: Sergei Grits/ dpa

"Drei arme Mädchen" nannte Lukaschenko die Frauen, die nicht verstünden, was sie da im Auftrag machen würden. Er deutet immer wieder an, dass die Opposition von "Kräften" geleitet würde, was die Frauen bestreiten. Zuletzt äußerte er  sich erneut abfällig über Tichanowskaja: "Worüber würden wir mit ihr debattieren? Es gibt nichts zu besprechen. Sie hat gerade erst gute Frikadellen gemacht, die Kinder gefüttert."

Lange hat Lukaschenko seine Gegnerinnen unterschätzt, Aussagen wie "Frauen seien nicht als Präsidentin geeignet" quittiert Tichanwoskaja mit einem spöttischen Lächeln.

Lukaschenko hat die Rivalin erst belächelt - jetzt wird er nervös

Dass er die Kandidatin inzwischen ernst nimmt, sieht man nicht nur an seinen abschätzigen Kommentaren. Die Frauen können kaum noch auftreten. In einigen Städten wurden auf Plätzen Baustellen "eröffnet", auf denen die Frauen Versammlungen anmeldeten; in Minsk stellten die Behörden eine eigene Bühne in jenem Park auf, in dem sie Donnerstag sprechen wollten. Kurzerhand kündigten sie ihre Teilnahme an einer städtischen Veranstaltung in einem Park von Minsk an. Vorgelassen wurden die Frauen zwar nicht, aber Tausende ihrer Unterstützer kaperten die Veranstaltung, riefen "Geh weg", gemeint war Lukaschenko. Zwei Tontechniker solidarisierten sich, spielten unter Jubel den Perestroika-Song "Veränderungen" von Wiktor Tsoj. Sie wurden festgenommen und müssen für zehn Tage in Haft - "wegen geringfügigen Rowdytums und Widerstands gegen die Verfügung eines Beamten”.

In Tichanowskaja würden viele Menschen den Wandel sehen, den sie selbst vollzogen haben oder durchmachen, sagt der Minsker Politologe Alexander Dobrowolskij. "Sie spricht die Menschen an, weil sie nicht schweigt, dabei ihre Zweifel und ihre Gefühle nicht verbirgt, sondern offen darüber spricht", sagt er. "Und sie ist nicht leicht unterzukriegen."

Mitte Juni hatte es so ausgesehen, als würde Tichanowskaja aufgeben, unter Tränen erzählte sie in einem Video, dass sie Drohungen erhalten habe, ihr Tochter und Sohn genommen werden sollten. Doch dann brachte sie ihre Kinder in ein EU-Land und machte weiter. Nicht einfach so - sie beriet sich, auch mit Bloggern und Politologen wie Dobrowolskij.

"Jeden Morgen Angst"

Tichanowskaja wirkte angesichts des Zuspruchs zuletzt immer selbstsicherer: "Ich hatte wirklich Angst, auch jetzt wache ich jeden Morgen mit Angst auf", rief sie in Brest. "Aber ich nehme meinen Willen zusammen, balle meine Faust und gehe voran bis zum Sieg."

Nur ob und wann der kommt, weiß niemand.

Tichanowskaja hat dazu aufgerufen, ausschließlich am Sonntag, dem Hauptwahltag, abzustimmen. Schon jetzt berichten unabhängige Beobachter von Fälschungen, mehrere wurden abgeführt. Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind nicht im Land. Die drei Frauen wollen, dass die Menschen ihre Stimmen per Foto über eine unabhängige Internetplattform veröffentlichen, so ihre Stimmen "verteidigen".

Doch was dann? Werden die Menschen demonstrieren? Wird sich Tichanowskaja anschließen und damit riskieren, auch in einem der KGB-Gefängnisse zu landen?

Lukaschenko hatte schon 2010 Proteste niederschlagen lassen. Vieles deutet darauf hin, dass er dieses Mal auch bereit ist, das zu tun. Er kündigte bereits mehrmals an, hart gegen Demonstranten vorgehen zu wollen. Tichanowskajas Appelle scheinen damit zu verhallen. Sie sagt: "Wir wollen keinen Maidan, keinen Krieg, sondern nur freie und faire Wahlen."

Mitarbeit: Alexander Chernyshev
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