Migrationsroute über Belarus Tausend Flüchtende an der Grenze zu Polen verbrachten Nacht in Lagerhalle

Nach Ausschreitungen am Grenzübergang Kuźnica ließ der belarussische Machthaber Lukaschenko Flüchtende in einer Lagerhalle schlafen. Dort gab es nicht für alle Menschen Platz.
Etwa 2000 Menschen schliefen im Zelt – bei Temperaturen unter null Grad

Etwa 2000 Menschen schliefen im Zelt – bei Temperaturen unter null Grad

Foto:

Leonid Shcheglov / dpa

Die Temperaturen in der polnisch-belarussischen Grenzregion sinken. Belarussischen Angaben zufolge haben rund Tausend Flüchtende am Grenzübergang die Nacht in einem neuen Schlaflager verbracht. Die belarussische Staatsagentur Belta veröffentlichte am Mittwochmorgen Fotos von Erwachsenen und Kindern, die mit Decken und Schlafsäcken in einer Halle sitzen.

Am Vorabend hatte Machthaber Alexander Lukaschenko angeordnet, die Lagerstätten eines Logistikunternehmens in der Region Grodno nahe der Grenze zum Nachtlager umzufunktionieren. Videos zeigen jedoch, dass nur ein Teil der Menschen Unterkunft in der Lagerhalle finden konnten.

Temperaturen um den Gefrierpunkt

Nach Angaben von Polens Polizei war die Nacht ruhig verlaufen. In der Grenzregion seien keine Schleuser festgenommen worden. Ein Teil der Flüchtenden auf der belarussischen Seite sei in das frühere Zeltlager zurückgekehrt, ein anderer Teil habe die Nacht beim belarussischen Grenzabfertigungsterminal verbracht, sagte ein Polizeisprecher.

Die polnische Seite sprach von etwa 2000 Menschen, die sich im Zeltlager aufhielten. Auch Belta veröffentlichte am Morgen wieder Fotos von Flüchtenden, die sich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt unter freiem Himmel an Lagerfeuern vor der Kälte zu schützen versuchten.

Wasserwerfer und Steinschleudern

Am Dienstag hatten polnische Sicherheitskräfte Wasserwerfer gegen Menschen eingesetzt, die versuchten, die Grenzanlage in Richtung EU zu überwinden. Der Sprecher des Koordinators der polnischen Geheimdienste, Stanisław Żaryn, sprach von einer »koordinierten Attacke gegen die polnische Grenze«. Die Flüchtenden hätten die Beamten und Soldaten mit Steinen, Flaschen und Erdklumpen beworfen. Sie seien außerdem mit Knallgranaten und Steinschleudern ausgestattet gewesen. Belarussische Sicherheitsorgane hätten die Aktion koordiniert und beobachtet. Die Auseinandersetzungen waren polnischen Angaben zufolge nach zwei Stunden beendet. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen, da Polen keine Medien für eine Berichterstattung aus der Grenzregion zulässt.

Der immer wieder als »letzter Diktator Europas« betitelte Lukaschenko steht in der Kritik, die Menschen überhaupt erst in diese verzweifelte Situation gebracht zu haben. Die EU wirft ihm vor, gezielt Flüchtende aus Krisenregionen einfliegen zu lassen und in Richtung polnischer Grenze zu drängen, um Europa so unter Druck zu setzen. Vermutet wird, dass er sich damit für Sanktionen rächen will, die die EU wegen der Unterdrückung der Zivilgesellschaft und der Opposition in Belarus erlassen hat.

muk/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.