Vater der inhaftierten Maria Kalesnikava »Sie ist mir ein Vorbild, ich bin sehr stolz auf sie«

Die belarussische Oppositionsführerin Maria Kalesnikava wurde zu elf Jahren Haft verurteilt. Auch im Gefängnis kämpft sie weiter gegen das Regime – ein Gespräch mit ihrem Vater Alexander über Willkür und rare Stunden mit seiner Tochter.
Ein Interview von Christina Hebel, Minsk
Maria Kalesnikava mit ihrem Vater Alexander Kalesnikav (r.), damaligen Anwälten und Mitstreitern Ende August in Minsk

Maria Kalesnikava mit ihrem Vater Alexander Kalesnikav (r.), damaligen Anwälten und Mitstreitern Ende August in Minsk

Foto:

Dmitri Lovetsky / AP

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In einem Café in Minsk breitet Alexander Kalesnikav große rot umrandete Umschläge auf einem Tisch aus. Sie enthalten Briefe und Postkarten aus dem Untersuchungsgefängnis Nr. 1 in Minsk. Sie alle haben eines gemeinsam: Alle sind am Ende mit einem Herz markiert – das Markenzeichen seiner Tochter Maria Kalesnikava.

Die belarussische Oppositionelle sitzt seit über 15 Monaten in Haft. Sie hatte sich dem Sicherheitsapparat von Alexander Lukaschenko nicht gebeugt. Trotz Morddrohungen von Beamten hatte sie im September 2020 nach der gefälschten Präsidentschaftswahl die Ausreise verweigert, indem sie ihren Pass zerriss. Ein Jahr später wurde sie in einem Scheinprozess zu elf Jahren Haft in einer Strafkolonie verurteilt. Das Urteil erkennt sie nicht an, es sei ein weiteres Beispiel für die »Gesetzlosigkeit« in Belarus.

Maria Kalesnikava vor der Urteilsverkündung: Ein Herz aus dem Gericht

Maria Kalesnikava vor der Urteilsverkündung: Ein Herz aus dem Gericht

Foto: RAMIL NASIBULIN / AFP

Am Freitag beginnt nun Kalesnikavas Berufungsverfahren. Immerhin konnte ihr Vater sie im Untersuchungsgefängnis in Minsk besuchen – wenn auch nicht oft. Der 66-Jährige spricht ruhig und bedächtig, als er beginnt zu erzählen.

SPIEGEL: Wie geht es Ihrer Tochter?

Kalesnikav: Mascha (Koseform – Anm. d. Red.) sitzt seit neun Monaten in Einzelhaft. Einerseits stört sie niemand, was im Gefängnis, wo oft viele Menschen in einer Zelle zusammensitzen müssen, nicht schlecht ist. Andererseits spüre ich, wie sehr ihr die Familie und Freunde fehlen, der Austausch auch mit mir, andere Einschätzungen zu hören. Ich habe es auch gemerkt, wenn ich an Freunde und uns nahestehende Menschen erinnere, dann beginnt sie sofort, über ihre Erinnerungen zu reden. Leider reicht für solche Erzählungen oft nicht die Zeit. Wir hatten gerade einmal etwa eine Stunde pro Besuch.

SPIEGEL: Wie oft haben Sie mit Ihrer Tochter sprechen können?

Kalesnikav: Dreimal. (Er macht eine Pause.) Es ist sehr traurig, eigentlich könnte ich mein Kind häufiger besuchen, aber die, die das entscheiden, finden, einmal im Monat reicht. In diesem System verstehst du schnell, dass nichts von dir abhängt. Das erste Mal durfte ich Mascha am Tag nach dem Urteil im September sehen, das letzte Mal am 12. November, seitdem nicht mehr. Davor habe ich sie nur im Gericht gesehen, einmal kurz, als ich als Zeuge aussagen sollte, und bei der Verkündung des Urteils.

Besondere Besucherkabine

SPIEGEL: Das war sicher ein schwieriger Moment.

Kalesnikav: Ja, aber wir waren vorbereitet. Das Wichtigste war, unsere Emotionen unter Kontrolle zu halten, es ist schwer, diese Ungerechtigkeit zu ertragen, die Verletzung jedes erdenklichen und unvorstellbaren moralischen Gesetzes. Mir hilft es sehr, dass der Vater von Maxim Snak auch da war (dem Anwalt, der mit Kalesnikava angeklagt und zu zehn Jahren Strafkolonie verurteilt wurde – Anm. d. Red.).

SPIEGEL: Wie sind Ihre Treffen im Untersuchungsgefängnis mit Ihrer Tochter abgelaufen?

Kalesnikav: Wir durften uns nur durch eine Glaswand sehen, mussten über Telefonhörer sprechen, aber immerhin, wir konnten reden, einander zuhören. Das erste Treffen war sehr bewegend, die Begegnungen in Haft sind immer auch traurig. Aber wenn Mascha reinkommt und wir durch die Glasscheibe so tun, als würden wir uns umarmen, und ich sie durch das Glas küsse, sie eine Wange hinhält (lacht), dann verfliegt diese Traurigkeit schnell.

Sie ist so ein lebensfroher Mensch, selbst in Haft. Sie ist kämpferisch, immer zurechtgemacht. Sie ist mir ein Vorbild, ich bin sehr stolz auf sie. Wenn sie sich nicht so verhalten würde, hätte ich längst eine Depression (lacht wieder). Sie sagt, sie sei stolz auf mich, hat vorgeschlagen, ich solle ein Elternkomitee politischer Gefangener gründen.

SPIEGEL: Und machen Sie es?

Kalesnikav: Dazu habe ich aber gar keine Zeit. Ich arbeite ja noch als Ingenieur für Arbeitssicherheit, gebe Interviews wie dieses, außerdem die Gesundheit. Wissen Sie, ich versuche, es nicht zu zeigen, aber sie ist nicht mehr so gut wie früher.

SPIEGEL: Wie müssen wir uns den Besucherraum in dem Gefängnis vorstellen?

Kalesnikav: Es gibt zehn Kabinen, abgetrennt durch Glaswände und Gitter. Uns wurde jedes Mal Kabine zwei zugeteilt. Wir haben schon Witze gemacht: Das ist eine besondere Kabine für besondere Menschen. Denn auch den Eltern von Maxim Snak wurde Kabine zwei bei ihrem Besuch zugewiesen.

SPIEGEL: Sie glauben, Sie wurden dort abgehört?

Kalesnikav: Ja, natürlich.

SPIEGEL: Lukaschenko hat Ihre Tochter in einem Interview mit der BBC vor Kurzem eine »Agentin« genannt...

Kalesnikav: ...ein Bekannter hat mir danach eine Nachricht geschrieben, die die Lage ganz gut zusammenfasst: »Ich habe heute Lukaschenkos Interview gesehen. Er spricht dort eine ganze Weile über Mascha. Wie sehr er sie doch nicht mag.«

»Sie hat zwar einen Fernseher in der Zelle, da laufen aber nur Staatskanäle. Jetzt liest sie wieder, Aristoteles.«

SPIEGEL: Was erzählt Maria über ihren Alltag in Haft?

Kalesnikav: Sie hat sich einen Tagesplan gemacht, sie nennt es ihre Arbeit. Sie steht um sechs Uhr morgens auf, räumt auf, macht regelmäßig Sport, zuletzt Yoga, arbeitet die Punkte ab. Beantwortet Briefe, trifft ihre Anwälte, die sie auch darüber informieren, was im Land und in der Welt passiert. Sie hat zwar einen Fernseher in der Zelle, da laufen aber nur Staatskanäle. Jetzt liest sie wieder, Aristoteles. In den Wochen davor hatte sie dazu nicht so viel Zeit. Sie hatte sich vor allem um ihre Berufung gekümmert, das Schriftstück hat sie selbst verfasst. 70 Seiten per Hand, sie brauchte drei Wochen dafür.

SPIEGEL: Ihr tat dann sicher die Hand weh…

Kalesnikav: …und der Kopf. Sie hat das Strafgesetzbuch studiert, mit ihren Anwälten beraten, Audioaufzeichnungen des Prozesses nachgehört und Gerichtsakten gelesen – 41 Bände waren es. Einen Moment bitte, ich lese vor, was Mascha darüber erzählt hat…

Kalesnikav nimmt einen fein säuberlich beschriebenen Block – Notizen, die er sich während der Gespräche mit seiner Tochter im Untersuchungsgefängnis gemacht hat und liest vor:

»Ich hätte nie gedacht, dass ich in der Lage sein würde, einen solchen Einspruch selbst zu schreiben. Aber es war für mich sehr wichtig, die Beschuldigungen selbst Punkt für Punkt zu prüfen, mich persönlich davon zu überzeugen, dass kein Recht in diesem Staat herrscht. Das Urteil gegen mich, das Ermittlungs- und Gerichtsverfahren widersprechen den rechtlichen Vorschriften. Es gibt keine einzige Beschuldigung, die sich bestätigt hat. Es ist noch einmal klar geworden, warum dieser Prozess gegen mich hinter verschlossenen Türen stattfand. Es gibt keine Beweise für meine Schuld.«

Die belarussischen Oppositionellen Weronika Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Kalesnikava im Wahlkampf 2020: Sie werden 2022 mit dem Aachener Karlspreis für ihren mutigen Einsatz für Freiheit, Demokratie und für die Aufrechterhaltung der Menschenrechte ausgezeichnet

Die belarussischen Oppositionellen Weronika Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Kalesnikava im Wahlkampf 2020: Sie werden 2022 mit dem Aachener Karlspreis für ihren mutigen Einsatz für Freiheit, Demokratie und für die Aufrechterhaltung der Menschenrechte ausgezeichnet

Foto: Natalia Fedosenko / ITAR-TASS / IMAGO

SPIEGEL: Am Freitag findet das Berufungsverfahren nun statt. Haben Sie Hoffnung, dass das Urteil gegen Ihre Tochter verändert wird?

Kalesnikav: Nein, der Prozess findet am Obersten Gerichtshof statt. Die Richter dort hatten schon Wiktor Babariko (der belarussische Oppositionelle wollte bei der Präsidentschaftswahl gegen Lukaschenko antreten, wurde festgenommen; Kalesnikava übernahm dann den Wahlkampf für ihn – Anm. d. Red.) zu 14 Jahren Haft in einem Straflager verurteilt. Ich erwarte eine zügige Entscheidung, Berufung kann Mascha dagegen dann nicht mehr einlegen.

»Vor allem ist Mascha ja Mascha, ein Mensch, der auf seinen Rechten beharrt und sie einfordert.«

SPIEGEL: Das würde bedeuten, dass Ihre Tochter bald verlegt werden könnte, weg aus Minsk.

Kalesnikav: Wir wissen es nicht. Es gibt zwei Strafkolonien für Frauen in der Region Gomel (im Südosten von Belarus – Anm. d. Red.). Ich habe Mascha schon gesagt, alles wird sich dann ändern, alles anders als in Untersuchungshaft. Das Leben in einer Kolonie ist viel härter. Besuch darf sie dann nur alle drei Monate bekommen. Vor allem ist Mascha ja Mascha, ein Mensch, der auf seinen Rechten beharrt und sie einfordert. Sie kann dann schnell Verwarnungen der Leitung der Kolonie erhalten, auch womöglich in einer Einzelstrafzelle landen.

SPIEGEL: Was hat sie darauf geantwortet?

Kalesnikav: »Papa, ich habe den Eindruck, dass sie mich hier aus der Untersuchungshaft nicht rauslassen werden, sie haben solche Angst, dass ich eine Szene machen könnte.« (Lacht.) Wir werden es sehen, ich habe das Gefühl, dass es schwer für sie werden könnte, aber sie sagt dann immer: »Papa, das Wichtigste ist, dass du dir keine Sorgen machst. Ich kann das alles verkraften, ein im Innern freier Mensch kann gar nicht anders.«

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