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Christina Hebel

Kampf für die Freiheit in Belarus bei Torte und Tee Ich bewundere ihren Mut

Christina Hebel
Von SPIEGEL-Korrespondentin Christina Hebel
Knapp 1000 politische Gefangene ­sitzen in Belarus in Haft. Ich traf Frauen, die dennoch gegen Machthaber Lukaschenko ­protestieren – und sich ihre Fröhlichkeit bewahrt haben.
aus DER SPIEGEL 1/2022
Korrespondentin Christina Hebel (r.) bei der Recherche in Minsk

Korrespondentin Christina Hebel (r.) bei der Recherche in Minsk

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DER SPIEGEL

Es ist schon spät an einem Novemberabend in Minsk, als Olesja mich fragt: »Nimmt man uns in Deutschland überhaupt noch wahr?« Ich bin gerade zurückgekommen aus dem Grenzgebiet nahe Grodno, wo ich mit Flüchtlingen gesprochen habe. Diktator Alexander Lukaschenko hatte sie zu Tausenden mit Touristenvisa ins Land locken und an die Grenze schaffen lassen, um Druck auf die EU auszuüben. Nun hat Polen die Grenze dichtgemacht.

Olesja sitzt mir gegenüber am Küchentisch, neben uns hocken Olga, Irina, Mari und Wika, alle schauen mich an. Ich weiß nicht so recht, was ich antworten soll. Schon seit Monaten habe ich das Gefühl, dass wir Journalistinnen und Journalisten nicht mehr hinterherkommen bei all den immer düster werdenden Nachrichten aus Belarus über Festnahmen und Hafturteile gegen Kritiker des Regimes.

Ich hatte die vier Frauen, die eigentlich anders heißen, im Juni das erste Mal getroffen. Damals führten sie mich in ein Waldstück, um über ihren Protest gegen das Regime zu erzählen, den sie trotz aller Repressionen fortführen. Es sind kleine kreative Aktionen, wie das Kleben von Aufklebern in den Oppositionsfarben Weiß-Rot-Weiß an Laternenmasten oder das Verteilen einer Hauszeitung mit unzensierten Nachrichten vor allem für die älteren Bewohner.

Ich bewundere den Mut der Frauen. Allein, dass sie sich mit mir wieder treffen, ist ein Risiko. Sie sehen bei diesem Treffen müder aus als noch im Sommer, viele ihrer Freunde sind ins Exil gegangen. Minsk fühlt sich auch für mich seltsam leer an, auf Telegram werden mir gelöschte Konten angezeigt – Kontakte von Menschen, die inhaftiert wurden oder das Land verlassen haben.

Einige der Frauen haben sich nun Visa für Polen besorgt – für den Fall der Fälle. Mich macht das traurig. »Noch hat Lukaschenko uns nicht zu Flüchtlingen gemacht, wir bleiben«, ruft eine, die anderen lachen. Es ist trotz allem eine fröhliche Runde in dieser Nacht bei Torte und Tee. Der wird mir in eine schwarze Tasse geschenkt, die sich durch die Wärme verfärbt. Zum Vorschein kommt das Emblem der Opposition: ein Reiter mit Schwert auf weiß-rot-weißem Grund. Eine Sonder-Partisanen-Anfertigung.

Wenige Tage später gehe ich mit genauso einem Exemplar durch die Passkontrolle am Minsker Flughafen. Es steckt zusammen mit einer schwarzen Sonnenbrille in meinem Rucksack. Die hatte mir ein kurdischer Rugby-Spieler aus dem Irak im Grenzgebiet in die Hand gedrückt – als Dank für das Aufladen seines Handys. Ich solle sie nicht vergessen, bitten er und die Frauen zum Abschied.

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