Rasant steigende Corona-Zahlen Der belgische Kontrollverlust

Sperrstunde, Homeoffice, geschlossene Restaurants: Belgiens neue Regierung müht sich im Kampf gegen Corona. Viele Bürger fragen sich, warum es ihr Land schon wieder so hart trifft.
Von Peter Müller, Brüssel
Belgiens Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke

Belgiens Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke

Foto: STEPHANIE LECOCQ/POOL/EPA-EFE/Shutterstock

Belgiens neuer Gesundheitsminister versuchte gar nicht erst, die Lage schönzureden. "Wir sind wirklich sehr nahe an einem Tsunami", sagte Frank Vandenbroucke. "Wir haben keine Kontrolle darüber, was passiert." Damit auch jeder verstand, was auf dem Spiel steht, fügte der Mann im belgischen Fernsehsender RTL am Sonntagabend hinzu: Die Corona-Situation in Brüssel und dem südlichen Landesteil Wallonien sei "die Gefährlichste in ganz Europa".  

Ein Blick auf aktuelle Zahlen bestätigt den Befund. Im Schnitt registrierte Belgien in den vergangenen 14 Tagen 605 Corona-Infektionen auf 100.000 Einwohner, in der EU ist derzeit nur Tschechien schlimmer von der Pandemie betroffen. Laut Statistiken des belgischen Gesundheitsinstituts Sciensano stieg die Zahl der Corona-Infizierten vom 9. bis zum 15. Oktober um 79 Prozent auf im Schnitt fast 8000 neue Fälle pro Tag.

Die Zahl der Toten lag mit täglich 30 Menschen um 89 Prozent über der Vorwoche, hat damit jedoch noch längst nicht das Niveau von Anfang April erreicht. Insgesamt sind in Belgien seit Beginn der Pandemie mehr als 10.000 Menschen an Covid-19 gestorben - das sind in etwa gleich viele Opfer wie in Deutschland – allerdings hat Belgien mit elf Millionen nur einen Bruchteil der Einwohner.  

Cafés, Bars und Restaurants müssen für vier Wochen schließen

Ausgerechnet jetzt, wo das Land nach beinahe 500 Tagen Koalitionssuche endlich wieder eine richtige Regierung hat, droht der Corona-Kontrollverlust. Premier Alexander De Croo reagiert mit drastischen Schritten, spät, aber immerhin. Ab Montag müssen neben Cafés und Bars nun auch alle Restaurants zunächst für vier Wochen schließen. Zudem gilt nun im ganzen Land eine Ausgangssperre von Mitternacht bis 5 Uhr. Ob Belgien die Ausbreitung des Virus damit aufhalten kann, ist derzeit völlig offen. 

Sonntagabend, eine Straße in der eher wohlhabenden Brüsseler Gemeinde Ixelles, Familien mit Kindern leben hier, viele EU-Beamte, ein bisschen Prenzlauer Berg, nur auf Französisch. Ein Schild weist auf die Maskenpflicht auf der Straße hin, doch ob das noch gilt, weiß keiner, eigentlich hat die Regierung die Pflicht längst aufgehoben.

Restaurantbesucher kuscheln sich unter die Heizpilze auf den Terrassen, auch drinnen sind die Tische gut besetzt. Ein letztes Abendessen beim Lieblingsitaliener, bevor jetzt wieder alles dicht ist. Montag sollen viele von ihnen wieder von zu Hause arbeiten, die Regierung besteht auf Telearbeit, soweit es möglich ist.

Die Menschen nehmen es hin, aber anders als im Frühjahr, als viele dachten, es handele sich um eine einmalige Situation, liegt nun Frust in der Luft, nicht nur bei den Restaurantbetreibern. Schon bei der ersten Welle der Coronakrise hatte das Land mit überdurchschnittlich vielen Fällen und Toten zu kämpfen – und reagierte mit einem etwa im Vergleich zu Deutschland sehr harten Lockdown: Zeitweise war außer Supermärkten und Bäckereien gar nichts mehr geöffnet, keine Schulen und Universitäten, keine Behörden, keine Läden. Wer mit Freunden im Park spazieren war, musste sich von der Polizei unangenehme Fragen gefallen lassen. Immerhin, zumeist schien die Sonne. 

Und jetzt, was hat es alles genutzt? Viel wäre schon gewonnen, wenn man die Ursachen dafür klar benennen könnte, warum Belgien von Welle zwei erneut so hart getroffen wird. Sicher, das Land ist eng besiedelt, viele Menschen reisen durch, auf dem Weg nach Frankreich, Großbritannien oder nach Deutschland – ideal für das Virus, um sich rasch auszubreiten.

Dazu kommt, dass die oft kafkaesk anmutende Regierungsstruktur des im Grunde zwischen Flandern und Wallonien geteilten Landes eine rasche Reaktion auf Krisen erschwert. Das gilt auch für die in 19 Gemeinden zersplitterte Hauptstadt Brüssel, derzeit die am heftigsten von Corona betroffene Großstadt Europas.  

Auch die Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern klappt nicht immer reibungslos. So hob der Nationale Sicherheitsrat die eben erst flächendeckend eingeführte Maskenpflicht auf den Straßen Ende September wieder auf – und das, obwohl die Zahlen schon wieder stiegen. Der Druck der Corona-Leugner und Maskengegner zeigte Wirkung. Man müsse lernen, mit dem Virus zu leben, sagte die damalige Übergangsregierungschefin Sophie Wilmès. Viele Menschen sahen das als Signal, dass das Schlimmste bereits überstanden sei. Eine gewaltige Fehleinschätzung.  

"Wir gaben den Leuten den Eindruck, dass alles unter Kontrolle wäre", sagt der Mikrobiologe Emmanuel André, Medizinprofessor an der Katholischen Universität Löwen und Chef des nationalen Referenzlabors für Atemwegsinfekte. "In Belgien brauchten nicht nur die Bürgerinnen und Bürger, sondern auch das Krisenmanagement erst die Furcht vor überfüllten Krankenhäusern, um schließlich zu reagieren." 

Daneben scheinen auch die Rückkehrer aus dem Sommerurlaub, etwa aus der Türkei, Kroatien oder Spanien, viel zur Verbreitung der Pandemie beigetragen zu haben, wie Geert Molenberghs sagt, Biostatistiker, ebenfalls an der Katholischen Universität Löwen. "Mitte August war die Zirkulation des Virus deutlich zurückgegangen. Bereits Mitte September gab es dann überall neue Brandstellen. Das sind keine lokalen Übertragungen." 

Dazu kommt die Rolle der französischsprachigen Universitäten, etwa in Louvain-La-Neuve, die früher als die anderen Institute des Landes aus der Sommerpause starteten. Studierende steckten sich im Wohnheim an und verteilten das Virus von dort aus zu Hause, vor allem im französischsprachigen Landesteil. In Belgien ist es viel verbreiteter als etwa in Deutschland, dass Studierende das Wochenende bei ihren Eltern verbringen.

Die schwierige Lage in Brüssel beeinträchtigt längst auch wieder die Arbeit der EU-Institutionen. Im Europaparlament wurden einige Abgeordnete positiv getestet, viele Parlamentarier, darunter auch Fraktionschefs, sind wegen Kontakten mit positiv getesteten Personen in freiwilliger Quarantäne. Das gilt auch für die EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen. Die aktuelle Sitzungswoche findet daher weitgehend im Videoformat statt.

Nun also: Sperrstunde, Schluss mit Restaurants, Homeoffice. Mikrobiologe André hält all die Punkte für sinnvoll. "Klar, die Maßnahmen kommen sehr spät", sagt er, "aber sie könnten ausreichen, um das Virus einzudämmen." Besondere Sorge bereite ihm, einmal mehr, die Situation in den Alten- und Pflegeheimen. Hier hatte das Virus schon in der ersten Welle gewütet. 

Situation in den Krankenhäusern wird angespannter

Auch die Lage in den Kliniken wird angespannter. Insgesamt befinden sich momentan 2485 Corona-Patienten in den belgischen Krankenhäusern, davon 412 auf den Intensivstationen. Das entspricht in etwa der Lage um den 20. März herum, der Anfangsphase des vergangenen Lockdowns, wie der Fernsehsender RTBF berichtet. 

Das weiß auch Oliver Paasch. Der Ministerpräsident der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens geht davon aus, dass die jetzt beschlossenen Einschränkungen erst mal reichen, um das Virus zu kontern. Wie viele andere sieht er allerdings das komplette Aus für Restaurants kritisch. "Wenn wir alles schließen, verlagert sich das komplette Leben ins Private – mit der Folge, dass wir noch weniger kontrollieren können, ob sich die Menschen an die Regeln halten." 

Paaschs großes Anliegen ist es, dass die Grenzen Ostbelgiens zu Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz offen bleiben. Noch ist das der Fall, noch nutzen viele Belgier die Stippvisite über die Grenze, um billig Diesel zu tanken oder einzukaufen. Geht es nach Paasch, soll sich daran nichts ändern. "Grenzschließungen sind kein Medikament gegen das Coronavirus", sagt Paasch. "Der Aachener, der nach Berlin fährt, hat ein höheres Risiko, als wenn er nach Ostbelgien kommt."

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