Nach Waffenruhe Armenien fordert Klärung des Status von Bergkarabach

Viele Armenier sehen das Abkommen über einen Waffenstillstand in Bergkarabach als Kapitulation. Es kam zu heftigen Protesten. Nun spricht sich Präsident Armen Sarkissjan für weitere Verhandlungen aus.
Zerstörte Gebäude in Stepanakert

Zerstörte Gebäude in Stepanakert

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Pablo Gonzalez / imago images/Eastnews

Armenien hat nach der Ankunft russischer Friedenstruppen in Bergkarabach internationale Verhandlungen über den künftigen Status der Konfliktregion im Südkaukasus gefordert. Es sei dringend nötig, den Status festzulegen, sagte der armenische Präsident Armen Sarkissjan am Freitag in Eriwan. Das Mandat für diese Verhandlungen liege bei Russland, Frankreich und den USA als Co-Vorsitzende der Minsker Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), so Sarkissjan.

Armenien hatte sich Montagnacht mit Aserbaidschan und Russland auf eine Waffenruhe für Bergkarabach geeinigt. Das Abkommen legt keinen Status der Konfliktregion fest. Es sieht aber vor, dass beide Kriegsparteien jene Gebiete behalten dürfen, in denen sie derzeit die Kontrolle haben.

Für Armenien bedeutet das große Gebietsverluste. Nach der Unterzeichnung der Waffenruhe hatten Hunderte Demonstranten den Regierungssitz von Paschinjan und das Parlament in Eriwan gestürmt, der Parlamentssprecher wurde zusammengeschlagen. Viele Armenier betrachten das Abkommen als Kapitulation.

Zur Einhaltung der Waffenruhe sollen laut dem Abkommen 2000 Friedenssoldaten in Bergkarabach stationiert werden. Die meisten von ihnen bezogen bereits Stellung, darunter auch in der von Armenien kontrollierten Hauptstadt Stepanakert und in der von Aserbaidschan zurückeroberten Stadt Schuscha. Das teilte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu mit.

Russland hatte betont, dass der Status der Region nach der Rückkehr der Flüchtlinge aus Armenien und aus Aserbaidschan nach Karabach geklärt werden müsse. Dabei gehe es auch um ethnische und konfessionelle Fragen, hieß es. In Schuscha trafen nach Medienberichten immer mehr Aserbaidschaner ein. Muslime hielten dort das erste Mal nach 28 Jahren wieder ein Freitagsgebet in der Moschee ab.

Berichte über flüchtende Karabach-Armenier

Kremlchef Wladimir Putin sagte am Freitag, dass Zehntausende Flüchtlinge zurückkehren würden. Er hoffe, dass die Wortverbindung Bergkarabach-Konflikt bald Geschichte sei. Zudem wies er die Gründung eines behördenübergreifenden humanitären Hilfszentrums an, das sich um die Rückkehr von Aserbaidschanern und Armeniern kümmern soll. Dort würden Vertreter des russischen Zivil-, des Verteidigungs- und des Außenministeriums sowie des Grenzschutzes arbeiten.

Viele der christlichen Karabach-Armenier lehnten ein Zusammenleben mit den muslimischen Aserbaidschanern ab. Aus Karabach gab es zahlreiche Berichte über Flüchtende aus denjenigen Gebieten, die dem Abkommen zufolge Aserbaidschan übergeben werden sollen. Auf Videos und Fotos war zu sehen, wie Karabach-Armenier ihre Häuser, aber auch Geschäfte in Brand setzten.

DER SPIEGEL

Der Anführer von Bergkarabach, Araik Arutjunjan, verteidigte die Initiative für eine Beendigung des Krieges. Er habe den armenischen Regierungschef Nikol Paschinjan darum gebeten, um den Verlust von Menschenleben und noch größeren Gebieten zu verhindern. Die Karabach-Behörden gaben die Zahl der getöteten Soldaten am Freitag mit 1383 an. Auch Dutzende Zivilisten verloren ihr Leben. Das aserbaidschanische Militär macht mit Blick auf die Zensur während des Kriegsrechts keine Angaben zu den Verlusten in den eigenen Reihen.

Aserbaidschan hatte in einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren die Kontrolle über das bergige Gebiet mit etwa 145.000 Bewohnern verloren. Seit 1994 galt eine brüchige Waffenruhe. In dem neuen Krieg hat sich Aserbaidschan weite Teile des Gebiets zurückgeholt. Das Land berief sich dabei auf das Völkerrecht und sah sich von seinem "Bruderstaat" Türkei unterstützt. Armenien wiederum setzt auf Russland als Schutzmacht.

Nach russischen Angaben kehrten auch Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes nach Stepanakert zurück, um sich um die humanitäre Lage in der Region zu kümmern. Auch Frankreich wolle humanitäre Hilfe leisten, teilte der Élysée-Palast nach einem Telefonat von Präsident Emmanuel Macron  mit Paschinjan mit. Details dazu blieben aber offen. Macron versicherte die freundschaftliche Verbundenheit mit Armenien und begrüßte die Einstellung der Kämpfe.

slü/dpa

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