Misshandlungen im Bergkarabach-Konflikt »Ich sage alles! Ich sage alles!«

Armenische Kriegsgefangene werden in Aserbaidschan unmenschlich behandelt, sagt Human Rights Watch. Hier berichtet Expertin Tanja Lokschina von ihren Recherchen in der Konfliktregion.
Ein Interview von Alexander Chernyshev und Christian Esch, Moskau
Siegreiche Truppen: Aserbaidschanische Soldaten in Bergkarabach

Siegreiche Truppen: Aserbaidschanische Soldaten in Bergkarabach

Foto: Emrah Gurel / AP

Der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach ist zu Ende, ein Waffenstillstand und russische Friedenstruppen sorgen für Ruhe. Aber noch immer befinden sich vor allem armenische Soldaten in Kriegsgefangenschaft.

Manche sind Opfer unmenschlicher Behandlung geworden, stellt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) in einem neuen Bericht fest . HRW-Mitarbeiterin Tanja Lokschina war in Armenien und Bergkarabach und hat dort untersucht, wie weit das humanitäre Völkerrecht von beiden Seiten eingehalten wurde.

SPIEGEL: Wie viele Menschen befinden sich derzeit in Kriegsgefangenschaft? Und wann werden sie heimkehren können?

Lokschina: Es gibt keine genauen offiziellen Zahlen. In Armeniens Hauptstadt Eriwan sagten uns Behördenvertreter, es gebe »Dutzende« armenische Gefangenen. In den Medien ist meist von hundert armenischen Gefangenen in Aserbaidschan die Rede, und von einigen aserbaidschanischen Gefangenen in Armenien. Armenien besteht darauf, den Austausch der Kriegsgefangenen möglichst schnell durchzuführen. Aserbaidschan hingegen möchte mit dem Austausch der Gefangenen erst dann beginnen, wenn alle Gefallenen übergeben worden sind – und das dauert noch.

SPIEGEL: Wie haben Sie von den Misshandlungen erfahren?

Lokschina: Im Internet und den sozialen Medien – auf den Plattformen Telegram und Instagram – findet man Dutzende Videos, die mutmaßlich Misshandlungen armenischer Kriegsgefangener zeigen. Wir haben 14 solcher Videos eingehend geprüft und konnten mit den Angehörigen von fünf Gefangenen reden, die in diesen Videos gezeigt werden. Die Angehörigen haben sie wiedererkannt und uns Fotos und andere Dokumente gegeben, mit denen sie sich identifizieren lassen.

SPIEGEL: Was ist auf den Videos zu sehen?

Lokschina: In den Videos werden die gefangenen Armenier getreten, herumgeschleift, mit einem spitzen Gegenstand gestochen, man stellt sich auf sie. Die Kriegsgefangenen werden gedemütigt – sie müssen sich hinknien, die aserbaidschanische Flagge küssen, den aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew preisen und den armenischen Premierminister Nikol Paschinjan beleidigen. Sie müssen außerdem sagen: »Karabach ist Aserbaidschan«. In einem der Videos sehen wir acht Soldaten, die mit gefesselten Händen und verbundenen Augen auf der Erde liegen oder kauern. Sie werden geschlagen, man läuft über ihre Körper und Köpfe. Einer der Gefangenen stöhnt auf Russisch: »Ich sage alles! Ich sage alles!«, dabei wird er geschlagen und mit einem Schaschlik-Spieß gestochen.

SPIEGEL: Wie viele Vorfälle haben Sie untersucht?

Lokschina: Wir haben insgesamt drei konkrete Fälle von Misshandlungen untersucht. Der eine betrifft, wie erwähnt, eine Gruppe von acht Gefangenen, der andere fünf, im dritten geht es um einen einzelnen armenischen Soldaten.

SPIEGEL: Wie kann man denn die Echtheit solcher Aufnahmen feststellen?

Lokschina: Die Metadaten der Videos, einschließlich Zeitpunkt und Ort der Aufnahme, gehen beim Hochladen auf Telegram und andere Plattformen verloren. Aber keines der Videos ist vor Oktober oder November 2020 im Internet aufgetaucht, das haben wir geprüft. In jedem Fall haben wir mit Angehörigen der Gefangenen gesprochen, außerdem mit den Anwälten, die ihre Interessen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vertreten. Wir wissen, wann die Soldaten das letzte Mal Kontakt mit ihren Angehörigen hatten, und wann dieser Kontakt abbrach. Einige haben sich – nachdem der Gerichtshof Aserbaidschan um Informationen über ihr Schicksal gebeten hat – aus der Gefangenschaft gemeldet und berichtet, dass sie ordnungsgemäß behandelt werden. Ob sie das aufrichtig sagen, daran kann man zweifeln. Wir sorgen uns ernsthaft um ihr Leben und ihre Gesundheit.

SPIEGEL: Kennen wir die Namen derer, die sie misshandeln?

Lokschina: Die Namen nicht, aber viele Gesichter kann man auf den Videos erkennen. Für die aserbaidschanischen Behörden dürfte es kein Problem sein, sie zu identifizieren.

SPIEGEL: Im Internet kursieren weit grausamere Videos als die, die sie genannt haben. Darin werden Gefangenen etwa Ohren abgeschnitten.

Lokschina: Derzeit können wir die Echtheit dieser Aufnahmen nicht bestätigen. Wir konnten bei Weitem nicht alles untersuchen.

SPIEGEL: Sind Ihnen Fälle von Misshandlungen aserbaidschanischer Gefangener durch Armenier bekannt? 

Lokschina: Dazu haben wir keine bestätigten Angaben. Wir prüfen derzeit Videos aus den sozialen Netzwerken, in denen mutmaßlich Misshandlungen aserbaidschanischer Kriegsgefangener gezeigt werden, und werden die Ergebnisse publizieren.

SPIEGEL: Unterscheidet sich dieser Krieg, was das Schicksal der Kriegsgefangenen angeht, von anderen Konflikten, mit denen sie sich beschäftigt haben?

Lokschina: Es gab relativ wenig direkte Kampfhandlungen, und deshalb auch wenige Kriegsgefangene. Aber das Ausmaß des Hasses auf beiden Seiten ist sehr groß. Und die wenigen humanitären Kontakte, die die Zivilgesellschaft in Armenien und Aserbaidschan miteinander aufgebaut hatten, sind abgerissen. Das gilt auch für Kontakte zwischen Journalisten und Menschenrechtlern.

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