Bergkarabach-Konflikt "Jede Minute kann einer meiner Freunde sterben"

Aserbaidschan und Armenien bekämpfen sich in der Region in Bergkarabach seit Jahren. Junge Menschen in beiden Ländern kennen den Hass - den Krieg erleben sie zum ersten Mal.
Grigor Yeritsyan: "Es ist das erste Mal, dass meine Generation einem großen Krieg gegenübersteht"

Grigor Yeritsyan: "Es ist das erste Mal, dass meine Generation einem großen Krieg gegenübersteht"

Foto: privat

Als Grigor Yeritsyan am letzten Sonntag im September aufwacht, hat der Krieg an Armeniens Grenze begonnen. Yeritsyan liegt in seinem Bett in der Hauptstadt Jerewan und guckt auf das Handy. Aserbaidschan hat am frühen Morgen die Grenzregion Bergkarabach angegriffen, liest er da. Von dort sind es nur fünf Autostunden bis nach Jerewan. Kurz danach klopft seine Mutter an die Zimmertür und fragt: "Hast du gehört? Ein Krieg hat angefangen."

Das erzählt Yeritsyan einige Tage später am Telefon. "Für mich war das eine riesige Überraschung und ein großer Schock", sagt der 30 Jahre alte Armenier, der die Nichtregierungsorganisation Armenian Progressive Youth leitet und im Stadtrat von Jerewan sitzt. Dort ist er verantwortlich für Bildung, Kultur, Soziales und Jugend. Wer erfahren will, wie junge Menschen in Armenien auf den Konflikt blicken, muss mit Menschen wie Yeritsyan sprechen. "Es ist das erste Mal, dass meine Generation einem großen Krieg gegenübersteht", sagt er. "Und als Erstes leiden die jungen Menschen."

Denn sie sind es, die in diesem Krieg kämpfen. Zusätzlich zu den aktuellen Soldaten und denjenigen, die Wehrdienst geleistet haben, können sich junge Armenier nun auch freiwillig für den Krieg in Bergkarabach melden - sogar, wenn sie noch nie eine Waffe in der Hand gehalten haben.

Seit Jahrzehnten gibt es in der Region an der Grenze zu Aserbaidschan Auseinandersetzungen. In Bergkarabach leben vor allem Armenier, doch völkerrechtlich gehört das Gebiet zu Aserbaidschan. Ende September eskalierte der Konflikt. Seitdem gibt es heftige Gefechte. Einige Ortschaften in Bergkarabach stehen seither unter ständigem Beschuss, mindestens 250 Menschen sollen in dem aktuellen Krieg bereits gestorben sein. In den vergangenen Tagen sollte zwar eine Waffenruhe gelten, die Russland vermittelt hat, der Hass aufeinander endet damit aber freilich nicht - und schon wenige Minuten nach der vereinbarten Feuerpause wurde wieder geschossen.

Die Verteidigungsministerien beider Länder posteten noch vor wenigen Tagen auf Twitter Fotos und kurze Videos von der Front, unterlegt mit epischer Filmmusik. Junge Soldaten posieren darin mit Gewehren und Raketen, einige lächeln fröhlich in die Kamera. Und würde man die jeweilige Landesflagge von den Camouflagejacken vertauschen, würde das nicht auffallen. Man könnte die Soldaten zusammen auf einem Bild posieren lassen, Arm in Arm.

Auch Grigor Yeritsyan hätte sich beim Militär melden können, aber er entschied sich erst einmal dagegen. "Ich kann mehr helfen, wenn ich humanitäre Hilfe leiste", sagt er. Mit freiwilligen Helfern seiner NGO verteilt er in Jerewan Kleidung, Essen und Masken an Menschen, die aus dem Kriegsgebiet geflohen sind. Doch einige von Yeritsyans Freunden kämpfen in Bergkarabach. "Ich bin sehr besorgt und verfolge das alles mit gebrochenem Herzen", sagt er. "Jede Minute kann einer meiner Freunde sterben."

Es ist schwierig, mit ihnen Kontakt zu halten. Sie hätten teils keine Handys dabei und seien nicht über das Internet zu erreichen, sagt Yeritsyan. Jeden Morgen lese er deshalb auf armenischen Nachrichtenseiten. Dort wird täglich eine Liste mit den Namen der Verstorbenen hochgeladen, dahinter steht das jeweilige Geburtsjahr. Viele sind 2000 oder 2001 geboren. Noch musste Yeritsyan keinen Namen seiner Freunde lesen. "Ich habe jedes Mal Angst", sagt er.

Der Krieg trifft Armenien in einer Zeit, in der die junge Generation nach langer Zeit wieder zuversichtlich auf ihr eigenes Land schaut. Denn 2018 waren es vor allem die Jüngeren zwischen 20 und 30 Jahren, die für einen Politikwechsel gesorgt haben. Sie protestierten gegen Machtmissbrauch und Korruption und organisierten die sogenannte Samtene Revolution. Der langjährige Präsident trat zurück, Nikol Paschinjan wurde Ministerpräsident. Seitdem gibt es Hoffnung, die hohe Jugendarbeitslosigkeit von fast 40 Prozent im Jahr 2018 zu senken. "Junge Menschen hier hassen Krieg", meint Yeritsyan.

Das sagt Maryam Majidova auch über Aserbaidschan. Die 27-Jährige lebt in der Hauptstadt Baku, die etwa fünf Autostunden von Bergkarabach entfernt liegt. Majidova ist Vorsitzende der Jugendorganisationen Aserbaidschans. "Niemand will Krieg. Aber wir wollen Gerechtigkeit", sagt sie bei einem Videogespräch. Sie sitzt in ihrem Büro, im Hintergrund hängt eine große Flagge von Aserbaidschan. "Ohne Bergkarabach fühlen wir uns nicht komplett", sagt sie, "denn dieses Gebiet ist unser Gebiet."

Als der Streit um Bergkarabach 1992 zu einem heftigen Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan führte, war Majidova noch nicht geboren. Aber warum ist auch jungen Aserbaidschanern die Region so wichtig? "Meine Eltern haben mir schon als Kind von Bergkarabach erzählt. Und wir lesen darüber in Büchern", sagt Majidova. In den vergangenen Jahren sollten internationale Gespräche für eine friedliche Lösung des Konflikts sorgen. Doch nichts habe sich geändert, sagt Majidova.

Sie wünscht sich noch immer eine friedliche Lösung. Dabei sagt sie auch: "Es gibt ein unterschiedliches Verständnis von Frieden auf beiden Seiten." Für Majidova ist der Frieden erst erreicht, wenn Aserbaidschaner wieder in Bergkarabach leben können und armenische Soldaten sich aus der Region zurückgezogen haben. Junge Menschen in Armenien sehen das anders. Sie posten den Hashtag "#StopAzerbaijaniAggression" in den sozialen Netzwerken und wollen Bergkarabach verteidigen.

Maryam Majidova kennt einige Jugendliche in Armenien. Bei ihrer Arbeit hat sie mit ihnen auf internationalen Konferenzen diskutiert. Gerade gibt es aber keinen Kontakt. Auch Grigor Yeritsyan schreibt derzeit nicht mit Bekannten in Aserbaidschan. "Auf menschlicher Ebene sind wir uns sehr ähnlich", sagt er, "aber jetzt ist kein guter Zeitpunkt, um Kontakt zu haben."