Syrische Söldner im Bergkarabach-Konflikt Erdogans Schattenkrieger

Die türkische Regierung behauptet, nicht aktiv in den Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien eingegriffen zu haben. SPIEGEL-Recherchen legen jedoch nahe, dass Präsident Erdogan gezielt syrische Söldner schickt.
Armenischer Soldat feuert auf Stellungen Aserbaidschans: Heftige Gefechte, Hunderte Tote

Armenischer Soldat feuert auf Stellungen Aserbaidschans: Heftige Gefechte, Hunderte Tote

Foto: ARMENIAN MINISTRY OF DEFENCE / REUTERS

Seine Stimme klingt brüchig, fast panisch. Er kauere in einem Luftschutzbunker unmittelbar an der Front in Bergkarabach, sagt Ibrahim, ein Syrer, 24 Jahr alt, am Telefon. Über ihn würden die Kampfjets der Armenier hinwegziehen. "Wir werden hart getroffen. Wir haben so viele Männer verloren, dass ich sie nicht mehr zählen kann. Ich hoffe nur, dass ich hier rauskomme."

Bis vor Kurzem kämpfte Ibrahim, der aus Angst vor Repressionen seinen vollen Namen nicht veröffentlicht sehen will, noch für die Sultan-Murad-Brigade, eine Untergruppe der Freien Syrischen Armee (FSA), gegen Syriens Diktator Baschar al-Assad. Nun jedoch dient er dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, dem letzten verbliebenen Verbündeten der FSA, an einer ganz anderen Front: im Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien um Bergkarabach.

Nächster Schauplatz für internationalen Stellvertreterkrieg

Völkerrechtlich gehört Bergkarabach zu Aserbaidschan. Faktisch aber wird die Region von Armeniern kontrolliert. In den vergangenen Jahren war es deshalb immer wieder zu Scharmützeln zwischen den beiden Nachbarn gekommen. Noch nie seit dem Waffenstillstand von 1994 waren die Gefechte aber so heftig wie jetzt.

Mehrere Hundert Menschen sind binnen einer Woche bei den Auseinandersetzungen gestorben. Erst am Samstag war es zu einem Großangriff Aserbaidschans gekommen. Und nun droht sich der Konflikt zu einem internationalen Stellvertreterkrieg auszuweiten.

DER SPIEGEL

Russland unterstützt Armenien, wenn auch eher halbherzig, da der Kreml gleichzeitig Waffen an Aserbaidschan verkauft. Die Türkei hingegen hat sich eindeutig auf die Seite der Regierung in Baku geschlagen. Wie schon in Syrien und Libyen finden sich die Türkei und Russland auch im Kaukasus auf verschiedenen Seiten der Front wieder. "Ich verurteilte Armeniens Angriff auf aserbaidschanisches Territorium", sagte Präsident Erdogan unlängst öffentlich. "Die Türkei steht mit all ihren Mitteln an der Seite Aserbaidschans."

Türkei schickt mindestens 1000 syrische Söldner

Die türkische Regierung behauptet, bislang nicht aktiv in den Konflikt im Kaukasus eingegriffen zu haben. Recherchen des SPIEGEL legen nun jedoch nahe, dass die Türkei mindestens 1000 syrische Söldner und Drohnen in die Region entsandt hat. Mehrere Syrer gaben unabhängig voneinander an, im Auftrag Ankaras in Bergkarabach zu kämpfen. Geodaten verorten sie tatsächlich in der Region.

Erdogan war es bereits im Frühsommer gelungen, durch den Einsatz von mehreren Tausend syrischen Söldnern den Krieg in Libyen zugunsten seiner Verbündeten zu drehen. Der türkische Staatschef ist zum heimlichen Herrscher über das nordafrikanische Land aufgestiegen, ohne in großem Stil eigene Truppen einsetzen zu müssen. Nun scheint er diese Strategie im Kaukasus wiederholen zu wollen.

Hamid, ein Kommandeur der Hamza-Brigade, einer weiteren Untergruppe der FSA, sagt, er habe seit Ende September ein gutes Dutzend seiner Männer nach Bergkarabach entsandt. Die Kämpfer werden zum Teil in den Flüchtlingslagern in Nordsyrien rekrutiert. Sie werden über die Grenze in die türkische Stadt Gaziantep und von dort in Fliegern über Ankara und Istanbul nach Aserbaidschan gebracht. Inzwischen würde jeden Tag ein neuer Konvoi starten.

Ibrahim, Mitglied der Sultan-Murad-Brigade, erzählt dem SPIEGEL, etliche seiner Kameraden hätten sich geweigert, an der Seite Aserbaidschans in den Krieg um Bergkarabach zu ziehen. Ihnen sei Libyen ein warnendes Beispiel gewesen, wo sehr viel mehr Kämpfer starben, als die türkische Regierung vorhergesagt hatte.

Ibrahim selbst hat zugesagt, weil er die Familie ernähren muss. Seine Frau und seine drei Kinder leben in einem Flüchtlingslager an der syrisch-türkischen Grenze. Sie seien auf das Geld angewiesen, sagt er. Und die Türkei biete jedem Kämpfer rund 1000 Dollar im Monat für den Einsatz im Kaukasus.

Nun kämpft Ibrahim in Bergkarabach an vorderster Front. Aserbaidschanische Soldaten seien weiter hinten positioniert. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, einer NGO, sind mindestens 60 Syrer bei den Gefechten ums Leben gekommen. Trotz des Geldes: Ibrahim bereut, den Job angenommen zu haben. "Ich weiß nicht, was ich hier tue", sagt er.