Türkei im Bergkarabach-Konflikt Und wieder Erdoğan

Die Kämpfe zwischen Aserbaidschan und Armenien eskalieren - die Türkei stellt sich deutlich wie nie hinter ihren "Bruderstaat". Was hat Präsident Erdoğan vor?
Präsident Erdoğan: "Die Türkei wird Seite an Seite mit ihren aserbaidschanischen Brüdern stehen"

Präsident Erdoğan: "Die Türkei wird Seite an Seite mit ihren aserbaidschanischen Brüdern stehen"

Foto: ADEM ALTAN / AFP

Sie haben in Syrien gegen Machthaber Baschar al-Assad und die Kurden gekämpft, auch in Libyen sind sie für Recep Tayyip Erdoğan, den Präsidenten der Türkei, in den Bürgerkrieg gezogen: Die Hamza-Brigade und die türkische Militärführung sind eng miteinander verbunden. Gerüchten zufolge soll die Türkei syrische Söldner nun auch ins Nachbarland Aserbaidschan gebracht haben.

Tausend Kämpfer wolle Ankara in den Kaukasus schicken, hieß es in den vergangenen Wochen in Onlinemedien, die der syrischen Opposition nahestehen. Bestätigen lassen sich die Berichte nicht. Aserbaidschan bestreitet die Anschuldigungen und wirft dem verfeindeten Armenien vor, hinter der "Lügenkampagne" zu stecken.

Die Türkei hat die Berichte bisher unkommentiert gelassen. Im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan hat sich Ankara jedoch deutlich positioniert.

"Die Türkei wird Seite an Seite mit ihren aserbaidschanischen Brüdern stehen", schrieb Erdogan am Sonntag auf Twitter. Zuvor war der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan erneut eskaliert.

Die beiden ehemaligen Sowjetrepubliken streiten seit Jahrzehnten um die in Aserbaidschan gelegene, mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region Bergkarabach im Kaukasus. Völkerrechtlich gehört die von Armenien kontrollierte Region mit geschätzten 145.000 Einwohnern zu Aserbaidschan. Seit 1994 gilt eine Waffenruhe, die aber immer wieder gebrochen wurde. Derzeit liefern sich beide Länder die schwersten Gefechte seit Jahren. Armenien hat am Sonntag den Kriegszustand ausgerufen.

Zu Aserbaidschan hegt die Türkei bereits seit Jahren ein enges Verhältnis unter dem Motto "Zwei Staaten, eine Nation". Beide Länder stehen sich kulturell nahe, auch verbindet sie ein Militärbündnis. So deutlich wie in den vergangenen Wochen hat sich Ankara jedoch in der Vergangenheit nicht hinter seinen "Bruderstaat" gestellt.

"Die neue Rolle der Türkei konnte man bereits im Juli beobachten", sagte Kaukasus-Experte Stefan Meister von der Heinrich-Böll-Stiftung dem SPIEGEL. Erstmals habe sich die Türkei ganz offen hinter Aserbaidschan gestellt. Diese deutliche Parteilichkeit habe eine neue Dimension erreicht.

Im Sommer hatte die Türkei eine Militärübung in Aserbaidschan abgehalten. Kampfjets, Kampfhubschrauber und Artillerieeinheiten waren daran beteiligt. Das Manöver wurde als Warnung an Armenien gewertet. Dass sich ein Teil des Kriegsgeräts und der Truppen noch im Land befinden, kann nicht ausgeschlossen werden.

"Die Türkei hat hier einen neuen Konflikt aufgemacht"

Unter Präsident Erdoğan ist die türkische Außenpolitik in den vergangenen Jahren zunehmend aggressiver geworden. Beobachten kann man das in Syrien, Libyen oder im Streit um die Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer. Nun mischt Ankara auch zunehmend im Kaukasus mit.

"Die Türkei hat hier einen neuen Konflikt aufgemacht", sagt Meister. In der Vergangenheit habe sich Ankara in der Region eher zurückgehalten, mittlerweile wird jedoch aktiver eingegriffen. Hinter dem Strategiewechsel vermutet Meister mehrere Gründe.

Präsident Erdoğan steht innenpolitisch zunehmend unter Druck. Die türkische Wirtschaft befindet sich seit Monaten in der Krise. Umfragen zufolge kommt Erdoğan landesweit nicht mehr auf die Mehrheit, die er braucht, um 2023 erneut zum Präsidenten gewählt zu werden. Bei konservativen Wählern könnte er mit dem Engagement in Aserbaidschan punkten, glaubt Meister. "Zumal das Thema Armenien in der Türkei hochemotional ist."

Armenien und die Türkei schauen im besten Fall misstrauisch aufeinander, im schlimmsten Fall kann man sie als Erbfeinde bezeichnen. Ankara wehrt sich vehement dagegen, die Massaker, die während der Zeit des Osmanischen Reiches an der armenischen Bevölkerung begangen worden sind, als Völkermord anzuerkennen.

Weitere Eskalation im Kaukasus befürchtet

Hinter Armenien steht Russland als Schutzmacht. Laut Meister könnte darin ein weiterer Grund für das türkische Engagement im Konflikt um Bergkarabach stehen. Die Türkei versuche nicht nur, sich als Regionalmacht zu etablieren, auch könnte Ankara ein Zeichen gegen Russland setzen wollen, das ebenfalls um die Vorherrschaft in der Region bemüht ist.

Ankara und Moskau verfolgen bereits in den Konflikten in Syrien und Libyen gegensätzliche Interessen. Im Kaukasus stehen sie nun erneut auf unterschiedlichen Seiten. Meister fürchtet, dass der Konflikt um Bergkarabach zunächst einmal weiter eskalieren wird. "Gestoppt werden kann das nur mit Russland und der Türkei. Diese beiden Mächte sind als einzige militärisch dort entsprechend präsent", sagt Meister.

Eine Lösung sieht er nur, wenn Russland Druck auf die Türkei ausübt, damit diese ihre Einmischung unterlässt. Bisher hat sich Moskau jedoch zurückgehalten.

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