Entscheidung im Weißen Haus Biden will Uni-Chefin Gutmann zur Botschafterin in Berlin berufen

Amy Gutmann ist eine der profiliertesten Politikwissenschaftlerinnen der USA – und soll nach SPIEGEL-Informationen US-Botschafterin in Berlin werden. Die 71-Jährige muss den Schaden beheben, den ihr Vorgänger angerichtet hat.

Es ist eine Personalie mit Symbolkraft: Amy Gutmann, Tochter eines jüdischen Vaters, der aus Nazi-Deutschland geflohen ist, wird neue US-Botschafterin in Deutschland. Nach Informationen des SPIEGEL aus Kreisen der Bundesregierung und der US-Regierung wird US-Präsident Joe Biden die derzeitige Präsidentin der Universität von Pennsylvania für den diplomatischen Topjob in Berlin vorschlagen.

Die Personalie liegt bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, das sogenannte Agrément gilt als Formsache. Das State Department ließ eine Anfrage zunächst unbeantwortet. Gutmann muss vom US-Senat bestätigt werden. Sie wäre die erste Frau, die als US-Botschafterin in der Bundesrepublik dient.

Biden will mit der Entscheidung ganz offenkundig auch ein politisches Signal setzen und sich von seinem Vorgänger Donald Trump absetzen, der mit Richard Grenell eine höchst umstrittene Figur nach Berlin geschickt hatte. Grenell ist in Berlin vor allem durch seine provokanten Interviews aufgefallen  und räumte seinen Posten vorzeitig, um Trump in Washington als Geheimdienstkoordinator zu dienen.

Gutmann ist Expertin für politische Theorie

Gutmann hat eine makellose Biografie als Wissenschaftlerin vorzuweisen. Sie studierte an der London School of Economics und promovierte 1976 an der Harvard University. Seit dem Jahr 2004 ist sie Präsidentin der University of Pennsylvania, einer Ivy-League-Universität.

Mit der Personalie Gutmann geht eine monatelange Suche zu Ende. Innerhalb der Biden-Regierung hatten viele Europaexperten darauf gedrängt, nach Grenell – der kein Deutsch spricht – einen ausgewiesenen Deutschland-Kenner nach Berlin zu schicken.

Unter anderem waren auch Bidens ehemalige stellvertretende Sicherheitsberaterin Julianne Smith sowie die Präsidentin des German Marshall Funds, Karen Donfried, im Gespräch. Biden schickt Smith nun allerdings als Nato-Botschafterin nach Brüssel, Donfried wird Staatssekretärin für Europa im Washingtoner State Department.

Die 71-jährige Politologin Gutmann lehrte vor ihrer Zeit als Präsidentin der University of Pennsylvania in Princeton und ist eine Expertin für politische Theorie. Barack Obama berief sie im Jahr 2009 als Vorsitzende der Regierungskommission für Fragen der Bioethik. Mit Biden hatte Gutmann in der Vergangenheit bereits öffentliche Auftritte absolviert.

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Auf die Botschafterin warten große Aufgaben

In Berlin wird Gutmann es allerdings erst einmal mit handfesten politischen Streitthemen zu tun haben. Das deutsch-amerikanische Verhältnis wird durch den Disput über die Nord-Stream-2-Pipeline belastet, die russisches Gas nach Europa bringen soll und die von der US-Regierung vehement abgelehnt wird. Auch ein Besuch von US-Außenminister Tony Blinken in der vergangenen Woche in Berlin konnte den Zwist nicht auflösen. Nach Gesprächen mit dem deutschen Außenminister Heiko Maas und Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte Blinken dem SPIEGEL, Sanktionen lägen nach wie vor auf dem Tisch.

Ein weiterer heikler Punkt im deutsch-amerikanischen Verhältnis sind die Beziehungen zu China. Biden hat unmissverständlich klargemacht, dass er das Regime in Peking als Rivalen betrachtet. Er will gemeinsam mit den Europäern dafür sorgen, dass chinesische Firmen das Patentrecht achten und sich an Wettbewerbsregeln halten.

Gleichzeitig will er verhindern, dass chinesische Unternehmen – und damit auch das Regime in Peking – Zugang zu Informationsnetzwerken im Westen bekommen. Biden und sein Team waren deshalb zutiefst verärgert, als die EU-Kommission kurz vor seiner Amtsübernahme am 20. Januar noch ein Handelsabkommen mit Peking abschloss. In Washington wurde dies als unfreundlicher Akt gegenüber der neuen Regierung gewertet.

Unter Grenell litten die Beziehungen

Gutmann, die auch als mögliche Bildungsministerin im Kabinett Biden gehandelt worden war, wird auch damit beschäftigt sein, die atmosphärischen Störungen zu beheben, die ihr Vorgänger Grenell hinterlassen hat. Dieser nutzte sein Amt vor allem dazu, sich als Kritiker der Bundesregierung zu profilieren, und griff insbesondere Merkels Flüchtlingspolitik scharf an.

Außerdem rief er zu einer Art konservativen Erhebung in Europa auf. Kaum im Amt gab er dem ultrarechten Onlineportal Breitbart ein Interview und sagte: »Ich möchte unbedingt andere Konservative in ganz Europa starkmachen.« Der ehemalige SPD-Chef Martin Schulz sagte, Grenell trete auf wie ein »rechtsextremer Kolonialoffizier«.

Diese Gefahr besteht bei Gutmann nicht. Ihr Vater Kurt wurde in Bayern geboren und bewegte als junger Student seine Geschwister und seine Eltern dazu, vor den Nazis nach Indien zu fliehen. Später zog er dann in die USA. »Es ist wahr, dass meine gesamte Familie ausgelöscht worden wäre, hätte mein Vater nicht getan, was er getan hat«, sagte seine Tochter Amy im Jahr 2013 in einem Zeitungsinterview. Auf ihre Initiative hin wurde an der University of Pennsylvania eines der größten Holocaust-Archive der Welt eingerichtet.

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