Entwicklungsländer als Krypto-Pioniere El Salvador träumt vom Bitcoin-Paradies

Vom Krisenstaat zum Vorreiter: El Salvadors Präsident will das Land in ein Krypto-Mekka verwandeln, künftig sollen Bürger landesweit mit Bitcoin bezahlen können. Wie realistisch ist die Vision?
Neue Normalität? Das neue Gesetz verpflichtet Händler im ganzen Land, auch digitales Geld entgegenzunehmen

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STANLEY ESTRADA / AFP

Globale Gesellschaft

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Als Roman Martínez hörte, dass El Salvador als erstes Land weltweit Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel einführen will, habe er »vor Freude geweint«, erzählt der 30-Jährige: »Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen.« Erst rief er seine Mutter an, dann seine Freunde, mit denen er in seinem Heimatdorf El Zonte die Initiative »Bitcoin Beach« betreibt.

Bereits seit 2019 versuchen die jungen Salvadorianer, die rund 3000 Dorfbewohner für Kryptowährungen zu begeistern. Martínez ist überzeugt davon, dass auch ärmere Menschen von der virtuellen Währung profitieren können. »Bitcoin ist für alle da«, sagt er euphorisch.

Surfen und Krypto-Hype: Der Strand El Zonte soll zum Modell für ganz El Salvador werden

Surfen und Krypto-Hype: Der Strand El Zonte soll zum Modell für ganz El Salvador werden

Foto: JOSE CABEZAS / REUTERS

El Zonte war bisher ein Geheimtipp für Surfer, viele Straßen nicht geteert, die Hütten wirken zum Teil heruntergekommen, ein richtiges Abwassersystem gibt es nicht. Dafür steht hier El Salvadors erster Bitcoin-Automat: Bargeld lässt sich gegen Kryptowährung tauschen, das Guthaben speichern die Nutzer in einer virtuellen Geldbörse auf ihrem Handy ab. Per App wird es dann auf die Handys der Inhaber von Cafés, Restaurants, kleinen Geschäften oder an Straßenverkäufer übertragen, die neben der Hauptwährung US-Dollar auch die digitale Bezahloption akzeptieren.

Nun könnte das Experiment zum Modell für das ganze Land werden, das bisher vor allem für Ganggewalt, Armut und Auswanderung bekannt war: Vor Kurzem hat Präsident Nayib Bukele seine Pläne angekündigt, El Salvador in einen Bitcoin-Hub zu verwandeln – auch inspiriert vom »Bitcoin Beach«.

Roman Martínez (rechts) und seine Freunde freuen sich über den Bitcoin-Hype im Land

Roman Martínez (rechts) und seine Freunde freuen sich über den Bitcoin-Hype im Land

Foto: Camilo Freedman / SOPA / LightRocket / Getty Images

Bukele, der 39-jährige Hipster-Präsident, der Politik im Influencer-Stil betreibt, präsentiert sich derzeit auf Twitter  mit Laseraugen – das klassische Meme  der Kryptofans. Er wirbt um ausländische Entrepreneure  und verbreitet fast täglich neue Ideen – zurzeit lässt er die staatliche Stromgesellschaft prüfen, ob Vulkanenergie  sich für »Mining«, das Schürfen von Bitcoins, nutzen lässt. Kryptowährung wird nicht von einer Zentralbank kontrolliert, sondern durch ein dezentrales Computerverfahren geschaffen – die Rechnerzentren verschlingen oft Unmengen von Strom.

Präsident Nayib Bukele tritt manchmal wie ein Hipster auf – und macht auch auf Instagram und Twitter Politik

Präsident Nayib Bukele tritt manchmal wie ein Hipster auf – und macht auch auf Instagram und Twitter Politik

Foto: Camilo Freedman / SOPA / LightRocket / Getty Images

In der vergangenen Woche verabschiedete El Salvadors Parlament das Bitcoin-Gesetz, das die Kryptowährung neben dem US-Dollar als Bezahloption etabliert: Händler und Dienstleister müssen künftig auch Bitcoin annehmen, auch Steuern können Bürger bald digital bezahlen. Bukele zufolge werde sein Vorhaben »finanzielle Inklusion, Investitionen, Tourismus, Innovation und wirtschaftliche Entwicklung« bringen – eine Art Wundertüte für das 6,5-Millionen-Einwohnerland.

Andere Staaten verfolgen den Vorstoß des kleinen zentralamerikanischen Landes gespannt. Wie El Salvador experimentieren gerade viele Entwicklungsländer mit alternativen Zahlungssystemen wie Handy-Apps, die Bürger ohne Bankkonto erreichen sollen. Oder sie versuchen mit Techbranchen ausländische Investoren  anzuziehen. Doch wie realistisch ist Bukeles Traum von der Bitcoin-Nation?

Viele Experten halten Bitcoin als Zahlmittel für ungeeignet, da die Kurse zu stark schwanken

Viele Experten halten Bitcoin als Zahlmittel für ungeeignet, da die Kurse zu stark schwanken

Foto: Camilo Freedman / SOPA / LightRocket / Getty Images

Bisher gilt Bitcoin vor allem als Spekulationsobjekt, die Kursschwankungen gleichen einer Achterbahnfahrt. Ein Programmierer war 2010 der Erste, der ein Objekt mit Bitcoin bezahlte, zwei Pizzen kosteten damals 10.000 Bitcoins – zum heutigen Kurs also mehr als 319 Millionen Euro.

Wie genau El Salvadors künftiges System aussehen soll, ist noch unklar. Staatschef Bukele ist für seine kurzfristigen politischen Ansagen bekannt, die er häufig per Twitter erteilt. Bei einer Pressekonferenz  der Zentralamerikanischen Bank für Wirtschaftsintegration BCIE blieben am Montag viele Fragen offen. Ein Expertenteam werde derzeit zusammengestellt, das sich weltweite »Best Practice«-Beispiele ansehen würde, hieß es dort. Auch Sicherheitsaspekte müssten geprüft werden. Experten warnen davor, dass die Kryptowährung zur Geldwäsche missbraucht werden könne, da sie sich Kontrollmechanismen entziehe.

Doch vieles deutet darauf hin, dass das System so ähnlich funktionieren könnte wie bei »Bitcoin Beach«. Die Regierung will eine offizielle virtuelle Geldbörse entwickeln lassen, auch Apps anderer Anbieter sollen zugelassen werden. Bukele lässt sich derzeit von dem Gründer des Zahlungsdienstleisters Zap beraten, der Transfers über das sogenannte Lightning-Netzwerk ermöglicht – wie in El Zonte.

Lightning-Netzwerke basieren auf einer Bitcoin-Blockchain, ermöglichen aber schnellere Übertragungen, bei denen kaum Transaktionskosten anfallen – so lohnt sich auch die Überweisung kleinerer Beträge. In El Zonte geben die Anbieter Preise für Pupusas, Maismehlfladen oder Surfklassen in US-Dollar an, die Nutzer sehen in ihrer App den Dollar-Wert, der übertragen werden soll, daneben wird der aktuelle Bitcoin-Wert angezeigt.

»Die Bitcoin-Blockchain funktioniert also wie ein Transportmittel, um Beträge von A zu B zu transportieren«, sagt der Hacker und IT-Sicherheitsberater Pavol Lupták. Anwender müssten keine Techexperten sein, um eine Überweisung zu machen.

Salvadorianer sollen künftig überall mit Bitcoin bezahlen können – im Surferdorf El Zonte funktioniert das bereits

Salvadorianer sollen künftig überall mit Bitcoin bezahlen können – im Surferdorf El Zonte funktioniert das bereits

Foto: Camilo Freedman / SOPA / LightRocket / Getty Images

Auch Roman Martínez und seine Freunde aus El Zonte sind keine »Tech-Bros«, die an Eliteuniversitäten studiert haben oder sich selbst beigebracht haben, zu hacken. Sie betreiben seit rund 13 Jahren Sozialprojekte, bringen Kindern Surfen und Englisch bei und wollen sie ermutigen, zu gründen, statt auszuwandern.

Zwei Drittel der rund 6,5 Millionen Einwohner von El Salvador sind im informellen Sektor tätig, während der Pandemie haben viele ihre Jobs verloren. Tausende wandern jährlich aus, weil sie keine Chancen sehen, vor Armut, Gewalt oder den Folgen des Klimawandels flüchten müssen. Mehr als 1,5 Millionen Salvadorianer leben im Ausland. Der Global Findex Datenbank  der Weltbank zufolge haben bisher nur 30 Prozent der Bürger Zugang zu einem Bankkonto – noch weniger als in Guatemala und Honduras, wo die Rate bei rund 45 Prozent liegt.

Auch in El Zonte hat kaum jemand ein Konto. Von Bitcoin erfuhr Martínez von einem US-Amerikaner, der in den Ort kam und ihnen half, das digitale System zu entwickeln. Ein anonymer Spender finanzierte das Projekt mit einer Bitcoin-Spende. Stipendien für Jugendliche, Lohn für Community-Dienste, und auch die Lehrer werden seitdem digital bezahlt. Während des Lockdowns schickte die Initiative Hilfsgelder an Familien – und immer mehr Läden schlossen sich der Bitcoin-Ökonomie an. »Den Menschen eröffnet sich damit ein Zugang zum Finanzsystem«, sagt Martínez.

Händler müssen nicht viel über Bitcoin und Blockchain wissen, um das System zu nutzen

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Foto: JOSE CABEZAS / REUTERS

Doch es gibt Hürden: Bei manchen Verkäuferinnen fallen Berichten zufolge die Handys aus, sie haben nicht genug mobile Daten oder die Internetverbindung ist zu wackelig für die App. Wie eine Studie zeigt , ist die Internetabdeckung in ländlichen Gegenden in El Salvador schlecht – mehr als 90 Prozent dieser Haushalte hätten keinen Zugang zum Internet. Die Infrastruktur, aber auch mangelndes Technologie-Verständnis, hält Roman Martínez für die größten Hindernisse auf dem Weg zum Bitcoin-Land – doch wenn der Staat in die Infrastruktur investieren würde und Regierung und Techexperten ihre Kräfte vereinen würden, sei es nur »eine Frage der Zeit«.

Auch im Bereich Auslandsüberweisungen  steckt viel Potenzial für Krypto-Apps: Das Geld, das von Migranten vor allem aus den USA an Hunderttausende Haushalte in El Salvador fließt, macht mehr als 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Bisher fallen der Weltbank zufolge durchschnittlich 6,5 Prozent Vermittlungsgebühr an, bei der Lightning-App »Strike«, die seit Kurzem auch in El Salvador verfügbar ist, belaufen sich die Transferkosten bei einem Versand von 10 Dollar nicht einmal auf ein Cent  – die App muss allerdings mit einem Bankkonto verknüpft werden.

»Es ist eine riesige Marketingkampagne«

Pavol Lupták, Hacker und IT-Sicherheitsberater

Technisch wäre die landesweite Verbreitung eines digitalen Bezahlsystems für El Salvador in ein paar Jahren zu bewältigen, glaubt auch der IT-Experte Pavol Lupták. Satelliteninternet habe bereits entlegenen Gemeinden in Afrika oder Panama Internet gebracht. Dennoch bezweifelt er, dass Bukeles Plan aufgeht. Denn er ist sich sicher, dass die USA das Vorhaben stoppen werden.

US-Großbanken kontrollieren den lokalen Finanzmarkt, El Salvador bewirbt sich gerade beim Internationalen Währungsfonds (IWF) um neue Wirtschaftshilfen , der auch Einfluss auf die Wirtschaftspolitik seiner Schuldner nimmt. Der IWF warnte kürzlich vor den Risiken von Kryptowährungen , auch die Weltbank hat bereits abgelehnt, El Salvador bei der Implementierung der Bitcoin-Pläne zu helfen.

El Salvador hat eine der höchsten Mordraten der Welt

El Salvador hat eine der höchsten Mordraten der Welt

Foto: Camilo Freedman / SOPA / LightRocket / Getty Images

Auch, dass El Salvador sich tatsächlich in einen Bitcoin-Hub verwandeln und viele Gründer aus dem Ausland anlockt, hält Lupták für eine Illusion: Bukele betreibe »eine riesige Marketingkampagne, um Bitcoin-Investoren zu gewinnen und Entrepreneure anzuziehen«, sagt er. »Aber ich würde nicht in El Salvador leben wollen.« Das Land habe eine der höchsten Mordraten der Welt, es sei gefährlich, aber auch teurer und steuerlich unattraktiver als andere Länder. Während der Pandemie hat Lupták eine Art Reiseagentur für Hacker gegründet und bisher rund 50 Krypto-Entrepreneuren und digitalen Nomaden geholfen, sich in Lateinamerika anzusiedeln – sie zog es nach Paraguay oder Panama.

Doch selbst wenn der Traum von der Bitcoin-Nation scheitern sollte, gibt es Gewinner: Der bei Millennials beliebte Präsident Bukele, dessen zunehmend autokratischer Regierungsstil international Kritik auf sich zieht, hat sich einmal mehr als Innovator positioniert. Die Vision aus El Salvador inspiriert auch andere Länder dazu, stärker über digitale Alternativen nachzudenken. Abgeordnete aus Paraguay  und Panama  haben angekündigt, eigene Vorschläge für ein Bitcoin-Gesetz auszuarbeiten.

In vielen Ländern werden es vermutlich vorerst keine Krypto-Lösungen sein, die sich durchsetzen, sondern weniger aufsehenerregende Bezahlsysteme. Entwicklungsländer haben in der Coronakrise vielerorts neue Wege gefunden, um Hilfsgelder zu verteilen. So erhielten in El Salvadors Nachbarland Guatemala die Empfänger der Sozialhilfe per SMS einen Zahlencode, mit dem sie an Geldautomaten kartenlos Geld abheben konnten.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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