Nach Trumps Abwahl Boris Johnson sucht einen neuen Freund

Der britische Premierminister hat keinen Lauf: Mitten im Brexit-Showdown ist ihm sein mächtigster Alliierter abhandengekommen. Jetzt umgarnt er Joe Biden. Aber der gilt nicht als Johnson-Fan – auch aus persönlichen Gründen.
Von Jörg Schindler, London
Boris Johnson (l.) und Donald Trump während der Uno-Vollversammlung 2019

Boris Johnson (l.) und Donald Trump während der Uno-Vollversammlung 2019

Foto: Stefan Rousseau/ dpa

Die Gratulation aus England stieß nicht überall in Amerika auf Wohlgefallen. Kaum hatte der britische Regierungschef Boris Johnson dem künftigen US-Präsidenten Joe Biden am Samstagabend seine Glückwünsche zugezwitschert, meldete sich, ebenfalls per Twitter, ein alter Weggefährte Bidens zu Wort. Johnson sei ein "widerlicher Gestaltwandler", wetterte Tommy Vietor. Und: "Wir werden deine rassistischen Kommentare über Obama und deine sklavische Ergebenheit zu Trump niemals vergessen."

Die gute Nachricht für Großbritannien: Vietor, einst außenpolitisches Sprachrohr der Obama/Biden-Regierung, wird in Washington wohl eher kein Comeback feiern. Die schlechte: Seine Meinung über Johnson wird von manchen US-Demokraten durchaus geteilt.

Spätestens seit dem Wochenende fragen sich in London daher viele, ob Johnsons gut geübte Praxis , Standpunkte und Überzeugungen nach Belieben zu revidieren, ausreichen kann, um auch Joe Biden erfolgreich zu charmieren. Ob also die rituell beschworene "besondere Beziehung" zu den Vereinigten Staaten so besonders bleiben wird, wie sie es in den vergangenen vier Jahren war.

Johnson ätzte über den "teil-kenianischen" Obama

Es wird ein hartes Stück Arbeit für den britischen Premierminister. Bereits im Dezember 2019, kurz nach dessen triumphalen Wahlsieg, hatte sich Biden reichlich abfällig über Johnson geäußert. Dieser sei "ein physischer und emotionaler Klon" von Trump. Dass der sonst so joviale Demokrat derart undiplomatisch auskeilte, hat seinen Grund offenbar in einer Episode aus dem Jahr 2016.

Damals, kurz vor dem Brexit-Referendum, hatte Johnson öffentlich gegen die Entfernung einer Büste Winston Churchills aus dem Weißen Haus protestiert. Diese Entscheidung Obamas, so Johnson, stehe symbolisch für "die Abneigung, welche die Vorfahren des teil-kenianischen Präsidenten gegen das britische Empire empfinden". Das waren dieselben rassistischen Untertöne, mit denen auch Trump in seinem ersten Wahlkampf auf Stimmenfang ging. Biden, ein enger Freund Obamas, hat es nicht vergessen.

Brexit und Trump, das sind für Biden und die US-Demokraten Symptome desselben populistischen und nationalistischen Übels, das sie gelobt haben zu bekämpfen. Trump selbst hatte die Parallelen wiederholt beschworen, indem er den Brexit feierte und dessen Frontmann Johnson als "Britain Trump"  adelte. Und auch, wenn sich London zuletzt auffällig bemühte, Distanz zu Trump zu wahren: Das Misstrauen der US-Demokraten ist groß.

Downing Street bläst zur Charmeoffensive

Und es gilt nicht nur der Person Johnson. Auch Michael Gove, im britischen Kabinett für die Umsetzung des Brexit verantwortlich, ist in Bidens Team als Rechtsaußen und Republikaner-Freund verschrien. Nicht überhört wurde in Washington zudem, dass Johnsons Außenminister Dominic Raab den knieenden Protest der Black-Lives-Matter -Bewegung als "Unterwerfung und Unterordnung" verhöhnte. Für Biden, der den Kampf gegen systemischen Rassismus zur Priorität erklärt hat, sind das keine Kleinigkeiten.

Es war denn auch Raab, der am Wochenende von Downing Street vorgeschickt wurde, um versöhnliche Signale Richtung Washington auszusenden. In der BBC beschwor der Außenminister die gedeihlichen Beziehungen und versprach, dass man künftig "sehr sorgfältig unseren amerikanischen Freunden zuhören" werde, insbesondere jenen auf dem Capitol-Hügel "und in der irischen Lobby".  

Vor allem letztere Bemerkung ist vielsagend, zielt sie doch auf einen zentralen Streitpunkt ab, der die Brexit-Verhandlungen seit Jahren begleitet: die Frage, ob und wie der Brexit, der am 31. Dezember endgültig vollzogen sein soll, den instabilen Frieden in Nordirland gefährden wird.

Durch Biden wird ein Brexit-Deal wahrscheinlicher

Im September hatte Johnson die Verhandlungen mit der Europäischen Union über die künftigen Beziehungen fast zum Platzen gebracht, als er ein Gesetz vorlegte, das in letzter Konsequenz zu einer harten Grenze zwischen Irland und Nordirland führen könnte ­­ – ein glatter internationaler Rechtsbruch, mit dem London das Wiederaufflammen von Gewalt in der Unruheprovinz in Kauf nehmen würde.

Auch Joe Biden, dessen Vorfahren aus dem westirischen Ballina stammen und der sich selbst als Ire bezeichnet, gehörte seinerzeit zu jenen, die aufschrien. Johnson möge sich nicht täuschen, ließ er damals wissen: Sollte dessen Brexit den Frieden in (Nord)irland gefährden, werde Großbritannien nicht den Handelsvertrag mit den USA bekommen, den es so dringend braucht, um in einer Post-EU-Zukunft bestehen zu können.

Joes entfernte Cousins: Jubelfeier im irischen Ballina, aus dem Bidens Vorfahren stammen

Joes entfernte Cousins: Jubelfeier im irischen Ballina, aus dem Bidens Vorfahren stammen

Foto: Peter Morrison / dpa

Insofern könnte die Wahl Bidens nun erheblichen Einfluss auf die seit Monaten festgefahrenen Brexit-Verhandlungen  haben. Johnsons Entschlossenheit, notfalls den vertragslosen Bruch mit der EU zu wagen, dürfte mit dem Abgang seines mächtigsten Freundes Donald Trump eher abgenommen haben. "Ein Deal ist zum Greifen nah", sagte Raab am Wochenende. Etwa eine Woche bleibt dafür noch.  

London ist kein Brückenkopf in die EU mehr

Aber selbst wenn ein Durchbruch gelingen sollte – wofür vieles spricht –, ist es bis zu einer Neuauflage der "besonderen" britisch-amerikanischen Beziehung noch ein weiter Weg. Großbritannien war für die USA in den vergangenen Jahrzehnten immer auch deshalb ein wichtiger Verbündeter, weil es als machtvolles Mitglied der EU die Politik des Staatenblocks mitbestimmte.

Diese Rolle wird das Land nach dem Brexit nicht mehr spielen. Biden aber will den Einfluss der USA in Europa wieder stärken – seine natürlichen Ansprechpartner dafür dürften Angela Merkel und Emmanuel Macron sein.

Johnson müht sich nach Kräften, im großen Spiel der mächtigen Blöcke nicht zerrieben zu werden. Am Sonntag gratulierte er Biden erneut und nannte die USA den "engsten und wichtigsten Alliierten" seines Landes. Es gebe jede Menge "entscheidendes Zeug", an dem man gemeinsam arbeiten könne. Was er meint, ist die traditionell enge Kooperation der Sicherheitsbehörden und Geheimdienste oder auch eine entschlossene Politik gegenüber Russland und China.

Johnson setzt aufs Klima

Vor allem aber dient sich Johnson dem US-Präsidenten nun als gewissenhafter Verbündeter im Kampf gegen den Klimawandel an. Im November 2021 wird Großbritannien in Glasgow die nächste Uno-Klimakonferenz veranstalten. Nur zu gern würde Johnson dort mit Biden verkünden, dass die USA sich wieder dem Pariser Übereinkommen zum Klimaschutz anschließen ­– und so womöglich auch seine persönlichen Beziehungen zum nächsten US-Präsidenten wieder reparieren. "Uns vereint viel mehr, als uns trennt", findet Johnson.

Wie weit Joe Biden bereit ist, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, wird sich auch an der Frage entscheiden, wen er künftig als US-Botschafter nach London entsendet. Namen kursieren bereits in der britischen Presse, darunter auch einer, den Johnsons Tories eher fürchten – der von Barack Obama.       

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