Großbritanniens Weg zur globalen Mittelmacht Johnson träumt von der neuen »Soft Power Superpower«

Das Projekt »Global Britain« soll Großbritannien zu neuer Größe außerhalb der EU verhelfen. »Die Strategie ist radikal«, sagt Sicherheitsexpertin Ulrike Franke. Aber kann sie auch erfolgreich sein?
Ein Interview von Isabella Reichert
Boris Johnson: »Das Vereinigte Königreich hat ein neues Kapitel in seiner Geschichte begonnen«

Boris Johnson: »Das Vereinigte Königreich hat ein neues Kapitel in seiner Geschichte begonnen«

Foto: HOLLIE ADAMS / POOL / EPA

Den Austritt aus der Europäischen Union sieht die britische Regierung als Chance, ihren »Platz in der Welt zu definieren und auszubauen«. Wie das genau aussehen – und vor allem klappen – soll, war nach dem Brexit noch lange unklar. Selbst die Brexiteers untereinander hatten widersprüchliche Ideen.

Einblicke, wohin die Briten im kommenden Jahrzehnt streben, gewährt nun ein 114 Seiten langer Bericht zur Verteidigungs- und Außenpolitik. Das Dokument hält einige Überraschungen bereit:

  • Boris Johnson und seine Regierung wollen zum ersten Mal seit Dekaden das nukleare Arsenal aufstocken – anstatt es, wie eigentlich vorgesehen, in den kommenden Jahren zu reduzieren.

  • Investitionen in Militärtechnologie sollen forciert, die Truppengröße muss dafür reduziert werden.

  • Das Königreich soll in eine »technologische Supermacht« und eine »Soft Power Superpower« verwandelt werden, die mit ihren Forschungs- und Kulturinstitutionen, der BBC und der Monarchie globalen Einfluss ausübt.

Der Premierminister nannte den Ausblick den »radikalsten« seiner Art »seit dem Kalten Krieg«. Tatsächlich legt die Regierung sich darin fest: auf die Idee eines »Global Britain« mit einer ambitionierten Politik außerhalb Europas. Die geopolitischen Ziele steckt sie dabei hoch – und definiert klare Fronten. »Die Strategie ist in verschiedenem Sinne radikal«, sagt die Außenpolitikexpertin Ulrike Franke.

SPIEGEL: Großbritannien nennt in dem Bericht einen klaren Feind: Russland. Auf Moskau gehe die »unmittelbarste Bedrohung unserer Sicherheit« zurück, schreibt die Regierung und spricht von »feindlichen« Aktivitäten. Was soll die offene Konfrontation?

Franke: Die klare Positionierung gegenüber Russland war zu erwarten. Das Vereinigte Königreich hat sich hierbei auch in der Vergangenheit eindeutig geäußert – besonders seit der Vergiftung des russischen Doppelagenten Sergej Skripal. Der Bericht trägt also letztendlich nur der sich stetig verschlechternden Realität Rechnung.

Zur Person
Foto: Ulrike Franke

Ulrike Franke ist leitende Forscherin am European Council on Foreign Relations (ECFR), einem internationalen Thinktank für Europäische Außen- und Sicherheitspolitik mit Sitz in London und europäischen Hauptstädten. Ihre Schwerpunkte liegen auf Sicherheits- und Verteidigungspolitik, der Zukunft der Kriegsführung und dem Einfluss neuer Technologien auf Konflikte.

SPIEGEL: In Bezug auf China ist der Ton vorsichtiger, teilweise fast anerkennend. US-Außenminister Antony Blinken sagte neulich, China sei gleichzeitig Konkurrent, Kollege und Gegner. Was trifft es am ehesten für Großbritannien?

Franke: Alles drei. Diese Formulierung trägt einfach der Realität Rechnung. In manchen Bereichen wird der Westen, wird Großbritannien mit China kooperieren müssen und wollen – beispielsweise im Kampf gegen den Klimawandel. Gleichzeitig ist China ein strategischer Konkurrent – für die USA und für den Westen, also auch für das Vereinigte Königreich und auch für Deutschland. Wir werden alle lernen müssen, mit dieser Ambiguität noch lange zu leben und umzugehen.

SPIEGEL: Großbritannien will seine Präsenz im indopazifischen Raum verstärken, sie wollen dort Flugzeugträger stationieren und dem Handelsabkommen CPTPP beitreten. Boris Johnson begründet das mit der immensen wirtschaftlichen Bedeutung der Region und deren Rolle als demokratisches Gegengewicht zu China. Was sonst rechtfertigt das britische Interesse am Indopazifik?

»Bestenfalls mag hier ein gewisses Buhlen um die Gunst der USA zu beobachten sein.«

Franke: Neben diesen Aspekten geht es vor allem um die Unterstützung – praktisch wie symbolisch – der Amerikaner.

Droht ein Wettlauf mit der EU?

SPIEGEL: Die EU und insbesondere Frankreich sind ebenfalls an einer stärkeren Präsenz dort interessiert. Die Briten beanspruchen in ihrem Bericht jedoch die Führungsrolle. Soll das ein Wettkampf zwischen Großbritannien und der EU werden?

Franke: Ich sehe dort keine Gefahr eines Wettkampfs. Im Gegenteil: Das Vereinigte Königreich und Frankreich kooperieren viel stärker im militärischen und strategischen Bereich, als es vielen Deutschen bewusst ist. Bestenfalls mag hier ein gewisses Buhlen um die Gunst der USA zu beobachten sein.

SPIEGEL: Die EU kommt auffallend wenig in dem Bericht vor – es wirkt geradezu so, als hätte es den Brexit mit seinen anhaltenden Problemen nie gegeben. Setzt die britische Regierung auf Schweigen als Problemlösungsstrategie?

Franke: Zum Teil ist dieses Weglassen Taktik und Symbolik: Das Vereinigte Königreich will jetzt natürlich betonen, dass es seinen Weg allein geht, statt seitenlang die Kooperationen mit der EU zu besprechen. Dass die Beziehung zur EU nur sehr spärlich behandelt wurde, ist bedauerlich, aber im Zuge der aktuellen Entwicklungen auch nicht allzu überraschend. Zum Teil ist die Position Großbritanniens noch gar nicht klar – die tatsächlichen Auswirkungen des Brexits können wir erst jetzt gerade beobachten. Und auch die EU befindet sich noch in einer Positionierungsdiskussion.

SPIEGEL: Verfolgt Großbritannien mit seinen geopolitischen und militärischen Ankündigungen realistische Ambitionen, oder zeugt der Bericht von Selbstüberschätzung?

Franke: Grundsätzlich ist zu begrüßen, dass das Vereinigte Königreich mit dieser Strategie versucht, für seine Idee des »Global Britain« die nötigen Mittel und Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen – zumindest im Rahmen seiner Möglichkeiten. Im Englischen sagt man: »They put their money where their mouth is.« Selbstüberschätzung würde ich die Vorhaben also nicht nennen. Ob der Versuch glückt, als Mittelmacht global aktiv zu sein, muss Großbritannien allerdings noch beweisen. Ambitioniert ist die Strategie sicherlich.