Coronakrise und Migration Bosniens verstecktes Flüchtlingselend

In Bosnien-Herzegowina sind mitten in der Coronakrise Tausende Flüchtlinge gestrandet. Viele haben keine Unterkunft und sind auf private Hilfe angewiesen – doch die Stimmung wird immer feindseliger.

Helfer von »SOS Bihać« verteilen Lebensmittel an Geflüchtete: Tausende Menschen harren in leer stehenden Gebäuden ohne fließendes Wasser und Strom aus

Helfer von »SOS Bihać« verteilen Lebensmittel an Geflüchtete: Tausende Menschen harren in leer stehenden Gebäuden ohne fließendes Wasser und Strom aus

Dieser Text ist im April 2020 erstmals veröffentlicht worden.

Zlatan Kovačevićs Tag beginnt derzeit meistens noch vor Sonnenaufgang. Der 43-Jährige, der normalerweise Souvenirs an Touristen verkauft, setzt jetzt eine Atemschutzmaske auf, zieht Einweghandschuhe an und fährt in seinem Lada Niva zu einer Lagerhalle. Dort trifft er sich mit anderen Freiwilligen von der Gruppe »SOS Bihać «. Sie laden Lebensmittelpakete, die sie zusammengestellt haben, in ihre Wagen, in den Paketen sind Mehl, Reis, Nudeln, Milch, Ketchup, Zucker und Salz. Dann fahren sie zu den leer stehenden Häusern und Fabrikruinen, in denen Flüchtlinge untergekommen sind, und verteilen die Rationen.

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»Den meisten geht es durch die Einschränkungen wegen der Corona-Epidemie noch schlechter also ohnehin schon«, erzählt Kovačević am Telefon. »Sie dürfen sich nicht mehr in Gruppen bewegen und keinerlei Transportmittel mehr benutzen, viele Geschäfte weigern sich, sie einkaufen zu lassen, staatliche Hilfsorganisationen kümmern sich nicht um sie, die Polizei schikaniert sie. Insgesamt ist die öffentliche Stimmung ihnen gegenüber sehr feindselig.«

Geflüchtete beim Warten auf die Essensausgabe in Bihać: Behörden waren untätig oder überfordert

Geflüchtete beim Warten auf die Essensausgabe in Bihać: Behörden waren untätig oder überfordert

Bihać liegt im Nordwesten von Bosnien-Herzegowina, nahe der kroatischen Grenze. In der Stadt und ihrem Umland spielt sich derzeit eine humanitäre Katastrophe ab, die von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird: Nach offiziellen Angaben sind in und um Bihać knapp 5000 Flüchtlinge gestrandet, inoffizielle Schätzungen gehen sogar von 7000 Menschen aus – die Stadt ist damit einer der Hotspots des europäischen Flüchtlingselends. Rund 3300 Menschen leben dort in mehreren geschlossenen Aufnahmezentren, zu denen unabhängige Beobachter keinen Zugang haben. Die anderen hausen in leer stehenden Fabrikgebäuden, Häusern und Hütten – ohne fließendes Wasser und Sanitäreinrichtungen. Außer einigen wenigen freiwilligen Helfern, wie Kovačević von »SOS Bihać«, kümmert sich derzeit niemand um sie.

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Ressentiments statt Hilfsbereitschaft

Rund 30.000 Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr nach Bosnien-Herzegowina, schätzungsweise acht- bis zehntausend von ihnen halten sich derzeit noch im Land auf. Nach Angaben des bosnischen Sicherheitsministeriums sind rund 6300 in geschlossenen und streng bewachten Aufnahmezentren untergebracht. Was mit ihnen geschehen soll, wissen in der jetzigen Coronakrise auch die bosnischen Behörden nicht – abgeschoben werden in Nachbar- oder Herkunftsländer können sie nicht, eine Aufnahmebereitschaft zumindest für einen Teil von ihnen hat bisher kein anderes Land signalisiert.

Lange Zeit herrschte in der bosnischen Öffentlichkeit ein Klima der Hilfsbereitschaft, auch wegen der eigenen Erfahrungen von Krieg, Flucht und Vertreibung. Seit Beginn der Coronakrise ist das Schicksal der Flüchtlinge in Bosnien-Herzegowina weitgehend aus der Berichterstattung verschwunden – und gleichzeitig ist die Stimmung gegenüber den Geflüchteten im Land endgültig gekippt.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

In Städten wie Tuzla in Ostbosnien nahe der serbischen Grenze und Bihać, von wo aus Flüchtlinge weiter nach Kroatien ziehen, kam schon seit Längerem Unmut und Ablehnung auf. Dort kampierten in den letzten Monaten Tausende Menschen an Busbahnhöfen, auf Plätzen und in leer stehenden Gebäuden. Berichte über Einbrüche und Gewalttaten häuften sich, die bosnischen Behörden waren untätig oder überfordert mit dem Migrationsmanagement, teils wegen des Kompetenzwirrwarrs im komplizierten bosnischen Staatsgebilde, teils wegen mangelnder internationaler Hilfe.

Seit Beginn der Coronakrise befürchten viele Menschen in Bosnien-Herzegowina nun offenbar, dass Flüchtlinge das Coronavirus einschleppten. Immer wieder tauchen auf bosnischen Internetseiten mit wütenden Kommentaren versehene Fotos und Videos von Flüchtlingen auf, die sich, obwohl derzeit streng verboten, in größeren Gruppen auf Straßen bewegen.

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Stimmungsmache auf Kosten der Flüchtlinge

Auch in der Politik spiegelt sich diese Haltung wider. Der bosnische Sicherheitsminister Fahrudin Radončić gab bereits im Februar die Linie aus, dass Migranten vor allem ein Sicherheits- und erst in zweiter Linie ein humanitäres Problem seien. Mehrfach warnte er seither vor der Ausbreitung des Coronavirus unter Flüchtlingen und sagte, sie gehörten »hinter Stacheldraht«. Radončić beklagte wiederholt auch, dass dem Staat mindestens 1200 Polizisten zur Sicherung der Grenze fehlten und mahnte internationale Hilfe an. Auf Anfrage des SPIEGEL teilt sein Ministerium mit, dass es bislang in den geschlossenen Aufnahmezentren noch keine Sars-Cov-2-Infizierten gebe.

Anfang März begannen bosnische Behörden, Flüchtlinge systematisch in geschlossene Aufnahmezentren zu überführen, vor allem in Sarajevo und Bihać. Doch alle Lager sind inzwischen überfüllt, deshalb wird südlich von Bihać nahe dem abgelegenen Ort Lipa ein neues geschlossenes Zeltlager errichtet. Auf Anfrage des SPIEGEL sagt ein Sprecher des Innenministeriums im Kanton Una-Sana, das Lager solle möglichst bald in Betrieb genommen werden; dorthin würden alle »nicht systematischen Migranten« aus Fabrik- und anderen Gebäuden in und um Bihać überführt.

Solange duldet die Polizei offenbar, dass sich freiwillige Helfer wie Zlatan Kovačević von »SOS Bihać« um sie kümmern. Doch auch das wird immer schwieriger. In sozialen Netzwerken würden Helfer von bosnischen Nationalisten und Rechtsextremen als »Migrantenfreunde« und »Virusverbreiter« beschimpft, sagt Kovačević, deshalb würden sich viele nicht mehr trauen mitzumachen. Ärzte und Krankenpfleger wiederum dürfen bei der Versorgung von Flüchtlingen nicht helfen, da derzeit außerhalb öffentlicher Einrichtungen ein Verbot medizinischer Tätigkeiten gilt.

Und so bleibt es bei der Hilfe von Freiwilligen wie »SOS Bihać«. Gegründet hat die Gruppe im vergangenen Jahr der deutsche Journalist und Aktivist Dirk Planert, der bereits im Bosnien-Krieg humanitäre Hilfslieferungen nach Bihać fuhr und Kinder aus der belagerten Stadt herausschmuggelte. Wegen der Coronakrise musste er jedoch im März aus Bosnien ausreisen. Er sammelt derzeit in Deutschland Spenden – davon finanzieren Kovačević und seine freiwilligen Mithelfer Lebensmittelkäufe und das Benzin für Fahrten.

Kovačević engagiert sich seit zehn Monaten als Flüchtlingshelfer. Dabei lebt er selbst mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in äußerst bescheidenen Verhältnissen in Bihać. Souvenirs kann er derzeit mangels Touristen nicht mehr verkaufen. Er vertreibt selbst bedruckte T-Shirts über das Internet, ein wenig Geld verdient er auch mit der Vermittlung von Autoversicherungen. Seine Frau ist arbeitslos. Er klagt dennoch nicht. »Ich weiß, wie es ist, wenn man im Krieg alles verliert und auf der Flucht ist«, sagt er. »Wir können von sehr wenig leben. Und ich freue mich, wenn ich jetzt Flüchtlingen helfen und Leben retten kann.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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