Dramatische Szenen bei Bränden in Griechenland »Wir haben kein Wasser!«

Die Feuer im Norden Athens sind unter Kontrolle – doch auf der großen griechischen Insel Euböa erfassen die Flammen Haus um Haus. Löschwasser aus der Luft verdunstet, bevor es die Feuer erreicht. Anwohner fühlen sich alleingelassen.
Feuer auf Euböa: »Der Staat ist abwesend«

Feuer auf Euböa: »Der Staat ist abwesend«

Foto: Vasilis Rebapis / imago images/ANE Edition

Im Norden der griechischen Insel Euböa haben sich bei der Bekämpfung der Waldbrände am Sonntagabend dramatische Szenen abgespielt. Im Küstenort Pefki konnten Feuerwehr, Militär und Bürger den Flammen nichts mehr entgegensetzen, wie Fernsehbilder zeigten.

»Wir haben kein Wasser!«, riefen die Menschen und schleppten noch die letzten Tropfen aus Brunnen in Schubkarren und Eimern herbei, während die Löschzüge tanken fahren mussten.

Helfer trugen ältere Menschen zur Küste, dort wurden sie von Booten gerettet. Auch Katzen und Hunde wurden am Ufer zusammengetrieben. Viele Häuser fingen Feuer, mancherorts versuchten die Menschen, Bäume neben den Gebäuden zu fällen, um ein Übergreifen der Flammen zu verhindern. Löschflugzeuge seien stundenlang nirgends zu sehen gewesen, berichtete der Sender Skai.

Mindestens 35.000 Hektar Wald abgebrannt

Im Norden Euböas wurden in den vergangenen Tagen bereits Hunderte Häuser und mindestens 35.000 Hektar Wald zerstört. Die Region ist in dichten Rauch gehüllt, Südostwind treibt die Flammenfront immer weiter in Richtung des nördlichsten Zipfels der Insel. Steile Hänge und zerklüftetes Gelände erschweren die Löscharbeiten. Rund 2000 Bewohner der Insel mussten bislang in Sicherheit gebracht werden.

Evakuierung der Insel: Helfer trugen ältere Menschen zur Küste

Evakuierung der Insel: Helfer trugen ältere Menschen zur Küste

Foto: Petros Karadjias / AP

In Griechenland wüten seit knapp zwei Wochen heftige Waldbrände. Laut den Daten des Europäischen Waldbrandinformationssystems (Effis) verbrannten bisher über 56.000 Hektar Land. In den Jahren 2008 bis 2020 waren es im selben Zeitraum im Durchschnitt 1700 Hektar. Das Land erlebt derzeit eine außergewöhnliche Hitzewelle, für die Experten auch den Klimawandel verantwortlich machen.

Im Norden Athens hat sich die Lage inzwischen wieder entspannt. Die Feuer dort sind unter Kontrolle, allerdings könnte es noch bis zu zwei Wochen dauern, bis die Stromversorgung überall wieder steht. Auf der Halbinsel Peloponnes, auf Euböa und in Dutzenden anderen Regionen Griechenlands brennt es jedoch weiter.

»Vor uns liegt eine weitere schwierige Nacht«, sagte der stellvertretende Zivilschutzminister Nikos Hardalias. Ein Feuerwehrsprecher sagte der Zeitung »Eleftheros Typos«, die Hitze der Brände sei so extrem, »dass das Wasser aus den Schläuchen und aus den Löschflugzeugen verdunstet«, bevor es die Flammen erreichen könne.

»Wir sind allein in Gottes Hand«

Viele Inselbewohner fühlen sich alleingelassen, sie kritisieren, dass die Hilfe sich vor allem auf die Hauptstadt fokussiert habe, als es dort noch brannte: »Ich habe schon keine Stimme mehr, so oft habe ich nach zusätzlichen Löschflugzeugen gefragt. Ich halte diese Situation einfach nicht mehr aus«, sagte der Bürgermeister von Mantoudi, Giorgos Tsapourniotis, dem Sender Skai TV.

Brandbekämpfung in Euböa am Sonntag: »Ich habe schon keine Stimme mehr, so oft habe ich nach zusätzlichen Löschflugzeugen gefragt«

Brandbekämpfung in Euböa am Sonntag: »Ich habe schon keine Stimme mehr, so oft habe ich nach zusätzlichen Löschflugzeugen gefragt«

Foto: Petros Karadjias / dpa

Viele Dörfer seien nur deshalb bisher von den Flammen verschont geblieben, weil Einwohner trotz Evakuierungsanordnung blieben und die Feuer mit dem Gartenschlauch in Schach hielten, berichtete Tsapourniotis. »Der Staat ist abwesend«, sagte auch Jannis Selimis aus Gouves. »Wenn die Leute gehen, werden die Dörfer brennen. Wir sind allein in Gottes Hand.« Mehrere europäische Staaten schickten inzwischen Hilfe, darunter auch Deutschland.

Der stellvertretende Zivilschutzminister Hardalias wies die Kritik am Sonntag zurück. Rauch, Wind und die daraus resultierende schlechte Sicht hätten die Arbeit der Löschflugzeuge behindert.

Beim Kampf gegen die Brände stürzte am Sonntag ein Löschflugzeug über der Urlauberinsel Zakynthos ab. Der Pilot überlebte den Absturz. Er sei wohlauf, berichtete die Nachrichtenagentur ANA. Andere Feuerwehrleute hätten ihm geholfen.

Brände auch in Süditalien und der Türkei

Auch im Süden Italiens und in der Türkei brennt es noch immer an vielen Orten. Mindestens sechs Brände waren am Sonntag nach offiziellen Angaben in der Türkei noch nicht unter Kontrolle. Die Einsatzkräfte konzentrierten sich vor allem auf die südwesttürkische Provinz Mugla. Dort brach am Sonntagnachmittag der Nachrichtenagentur Anadolu zufolge ein weiteres Feuer in der Nähe des internationalen Flughafens Dalaman aus. Von einer Beeinträchtigung des Reiseverkehrs war zunächst nichts bekannt.

In Süditalien sind zahlreiche Naturreservate von den Bränden betroffen. Die italienische Zivilschutzbehörde schickte Verstärkung nach Kalabrien. Dort brannte es unter anderem im Nationalpark Aspromonte. Die Hitze soll noch anhalten. Auf Sizilien und Sardinien wird mit bis zu 45 Grad gerechnet. Die italienische Zivilschutzbehörde warnt deshalb vor weiteren Bränden.

»Hotspot des Klimawandels«

Im Klimabericht, den der Weltklimarat IPCC am Montag vorstellt, warnen die Forscherinnen und Forscher dezidiert vor vermehrten Hitzewellen, Dürren und Bränden im Mittelmeerraum. Die Region »Hotspot des Klimawandels«, heißt es in einem Kapitel über die Erderwärmung in der Region, aus dem die Nachrichtenagentur AFP zitiert.

Die Fläche abgebrannter Wälder werde bei einer Erderwärmung von zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter um 87 Prozent zunehmen. Nur eine Begrenzung der Erderwärmung auf unter zwei Grad könne »wahrscheinlich Küstensiedlungen, Kulturerbestätten, Land- und Meeresökosysteme in den meisten Gebieten des Mittelmeerraums in einem lebensfähigen Zustand erhalten«. Derzeit hat sich die Erde bereits um 1,1 Grad Celsius erwärmt.

slü/AFP