Brand im Flüchtlingslager Moria Katastrophe mit Ansage

Es war nur eine Frage der Zeit: Bei einem Feuer in Europas größtem Flüchtlingscamp ist ein sechsjähriges Kind aus Afghanistan gestorben. Die Grünen fordern die Evakuierung der Lager auf den griechischen Inseln.
Reste eines ausgebrannten Containers im Camp Moria: "Der Tod des Kindes bricht uns das Herz"

Reste eines ausgebrannten Containers im Camp Moria: "Der Tod des Kindes bricht uns das Herz"

Foto: Panagiotis Balaskas/ dpa

Das Feuer ist gelöscht. Doch die Bestürzung und die Wut sind groß auf der griechischen Insel Lesbos. Bei einem Brand im Flüchtlingslager Moria wurde am Montag mindestens ein Kind getötet. Das bestätigen griechische Behörden. Das Kind war offenbar sechs Jahre alt und kam aus Afghanistan, wie eine Hilfsorganisation dem SPIEGEL berichtet.

"Der Tod des Kindes bricht uns das Herz", sagt Boris Cheshirkov, Sprecher des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) in Griechenland. "Unser Team und unsere Partner leisten psychologische Hilfe und unterstützen die Familie bei der Umsiedlung in eine sichere Unterkunft."

Knapp 20.000 Flüchtlinge leben in Moria unter menschenunwürdigen Bedingungen

Möglicherweise hat das Feuer weitere Menschen verletzt oder getötet. Die Situation im Camp ist unübersichtlich, bis die Behörden genaue Angaben machen können, vergehen oft einige Tage.

Das Feuer brach gegen 13 Uhr in einem Container im oberen Teil des Camps aus. Der Wind fachte den Brand an, schnell sprang es auf weitere Zelte und Container über. Migranten flohen in Panik. Die Feuerwehr rückte mit 13 Männern an, wegen der Enge im Camp hatte sie zunächst Probleme, zum Brand vorzustoßen. Erst nach einer Stunde gelang es ihr, das Feuer zu löschen.

Elendslager Moria: Das griechische Asylsystem ist überlastet

Elendslager Moria: Das griechische Asylsystem ist überlastet

Foto: Louisa Gouliamaki/ AFP

Nach Angaben des UNHCR verbrannten zwei Container, zehn Zelte und zwei sogenannte Life Shelter, das sind Unterkünfte, die nicht so stabil sind wie reguläre Container. Dutzende Menschen verloren ihr Obdach. Sie sollen möglichst in ein anderes, besser ausgestattetes Camp gebracht werden. Hinweise auf eine Brandstiftung gibt es bisher nicht. Möglicherweise sei das Feuer durch ein Kochutensil entfacht worden, hieß es aus Feuerwehrkreisen.

Knapp 20.000 Geflüchtete leben im Camp Moria unter menschenunwürdigen Bedingungen, die meisten von ihnen in Zelten an einem Olivenhain. Das Lager beherbergt sieben Mal so viele Bewohner wie vorgesehen. Das griechische Asylsystem ist überlastet, die Bearbeitung der Anträge dauert Monate oder Jahre.

Das Feuer kam nicht überraschend. In den insgesamt fünf EU-Flüchtlingslagern auf den Inseln Lesbos, Chios, Leros, Kos und Samos brechen immer wieder Brände aus, manche sind tödlich.

"Dass wir es bisher nicht schaffen, die Lager zu evakuieren, ist beschämend"

Erik Marquardt, Europaparlamentarier der Grünen

Die Geflüchteten müssen sich im Winter mit Feuern warmhalten, sie kochen zum Teil mit Gasbrennern. Die Feuerwehr hat oft Probleme, schnell an die Brandherde zu gelangen, weil nur Schleichwege zu den Zelten führen. Niemand kontrolliert die Brandbestimmungen.

Der griechische Migrationsminister Notis Mitarakis sprach der Familie des getöteten Kindes auf Twitter sein Beileid aus.

Seine Regierung hat seit dem 1. März das Asylrecht suspendiert und bringt seitdem keine neu ankommenden Flüchtlinge mehr nach Moria. Die Entscheidung fiel, nachdem Rechtsextreme auf der Insel teilweise die Kontrolle übernommen und Flüchtlingshelferinnen und Journalisten attackiert hatten.

Stattdessen werden Neuankömmlinge nun direkt aufs Festland geschafft, von wo aus sie möglichst schnell in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden sollen.

"Ich sah eine Frau, die sich unter einem Felsen versteckte, ihre Kleider waren nass vom Meerwasser"

Am Samstag legte das Marineschiff "Rhodos L177” mit 436 Migrantinnen und Migranten an Bord von Lesbos ab. Die Schutzsuchenden sollen noch vor der Abfahrt Abschiebebescheide erhalten haben. Ihre Asylgesuche wurden ignoriert.

Vor dem Ablegen der "Rhodos L177" soll unter den Geflüchteten Panik ausgebrochen sein, weil etliche fürchteten, direkt in die Türkei zurückgeschickt  zu werden. Aggelos Barai, ein freier Fotograf, der zwei Tage in der Nähe des Schiffs gewartet hatte, wurde Zeuge mehrer Ausbruchsversuche.

"Ich war am Freitag gegen 18.20 Uhr am Hafen”, erzählt er. "Ich sah eine Frau, die sich unter einem Felsen versteckte, ihre Kleider waren nass vom Meerwasser. Dann sah ich eine Frau mit einem etwa 13-jährigen Jugendlichen, die versuchte zu fliehen.”

Etwa 14 Personen fehlten beim Ablegen der "Rhodos L177”, sagt Barai. Er war anwesend, als die griechischen Behörden auf Lesbos die Namen der Geflüchteten von einer Liste aufriefen. Die griechische Regierung war für Nachfragen zur Zahl der entkommenen Menschen nicht erreichbar.

Die neuen Internierungslager liegen in der nordgriechischen Stadt Serres und in Malakasa, in der Nähe von Athen. Fotos aus dem Camp Malakasa, die von der Regierung veröffentlich wurden, zeigen Zelte auf sandigem Grund. Die Geflüchteten wurden von Behördenmitarbeitern in Schutzanzügen empfangen. Bis Ende kommender Woche wolle man sämtliche Neuankömmlinge in die neuen Abschiebecamps transportiert haben, sagt Migrationsminister Mitarakis.

Buschra Mohamed, eine 25-jährige, schwangere Syrerin, berichtete dem SPIEGEL am Montag über WhatsApp aus dem Inneren des Camps bei Athen. Die Fahrt aus Lesbos habe 17 Stunden gedauert, schrieb sie. Vielen Migranten sei bei der Ankunft auf dem Festland schwindlig gewesen. Man warte immer noch auf etwas zu Essen. Es sei extrem kalt. Was weiter mit ihr passieren werde, wisse sie nicht.

"Als erstes müssen die Zerbrechlichsten von den Inseln runter"

Nach dem Brand in Moria fordern Grünen-Politikerinnen und Politiker, Geflüchtete schnell aus Moria und den anderen Lagern auf den Ägäis-Inseln zu evakuieren. "Dass wir das bisher nicht schaffen, ist beschämend", sagt der EU-Parlamentarier Erik Marquardt, der kurz nach dem Brand im Camp ankam. Besonders in Zeiten von Corona müssten die Menschen in hygienischere Unterkünfte gebracht werden.

Grünen-Parteichefin Annalena Baerbock fordert ebenfalls schnelle Hilfe: "Als erstes müssen die Zerbrechlichsten - Kinder, Schwangere, Kranke, Alte - schnell von den griechischen Inseln runter."

Alarm auf Lesbos: Immer wieder brechen in den Flüchtlingslagern Feuer aus

Alarm auf Lesbos: Immer wieder brechen in den Flüchtlingslagern Feuer aus

Foto: STRATIS BALASKAS/EPA-EFE/Shutterstock

Deutschland, Frankreich, Irland, Finnland, Portugal, Luxemburg und Kroatien hatten zuletzt angekündigt, zusammen 1600 unbegleitete Minderjährige von den Inseln aufnehmen zu wollen. Ausreichend Abhilfe schafft das nicht, insgesamt harren dort rund 40.000 Geflüchtete aus, darunter mehr als 5000 unbegleitete Kinder und Teenager.

Die katastrophale Lage auf den Inseln macht die EU erpressbar. Ende Februar hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan begonnen, das auszunutzen. Er hielt Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa nicht mehr auf. Erdogan hat damit den Flüchtlingspakt zwischen EU und Türkei faktisch aufgekündigt. Offenkundig will er so die EU zu Zugeständnissen zwingen, zum Beispiel fordert er mehr Geld für die knapp vier Millionen Flüchtlinge in der Türkei.

Seit Erdogans Ankündigung sind allerdings nicht deutlich mehr Migranten auf den griechischen Inseln angekommen. Am Dienstag wird Erdogan mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Telefon über das Thema sprechen.

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