Rassismus in Brasilien »Ein Mord an einem schwarzen Mann geschieht überall meist nach ähnlichen Mustern«

Supermarkt-Sicherheitskräfte haben in Brasilien einen schwarzen Mann totgeprügelt. Hier spricht der Menschenrechtsanwalt Marco Antonio André über Rassismus und Diskriminierung in seinem Land.
Ein Interview von Sonja Peteranderl
Eine Frau protestiert nach dem Mord an João Beto vor einem Carrefour-Supermarkt

Eine Frau protestiert nach dem Mord an João Beto vor einem Carrefour-Supermarkt

Foto: ADRIANO MACHADO / REUTERS

Der »George-Floyd-Moment« Brasiliens wird er genannt, der gewaltvolle Mord an einem Schwarzen und die Proteste, die auf die Tat folgten.

Sicherheitskräfte hatten am 19. November in einem Parkhaus eines Carrefour-Supermarkts in Porto Alegre auf Kopf und Körper von João Alberto Silveira Freitas eingeschlagen, bis das Blut spritzte. Sie knieten sich auf ihn, bis er nicht mehr um Hilfe rufen konnte – der 40-Jährige starb noch vor Ort.

Das Handyvideo der Gewalttat löste in Brasilien ein großes Echo aus: »João Beto«, wie ihn alle nennen, ist zu einem Gesicht des tödlichen Rassismus im Land geworden. In verschiedenen Städten des Landes gingen seither Tausende auf die Straßen, und die Debatte über strukturelle Diskriminierung, aber auch Polizeigewalt ist neu entbrannt, da einer der Täter als Militärpolizist arbeitet.

Im ganzen Land protestierten Brasilianer gegen die Gewalt

Im ganzen Land protestierten Brasilianer gegen die Gewalt

Foto: DIEGO VARA / REUTERS

Die Sicherheitskräfte sind für ihr brutales Vorgehen gegenüber schwarzen Brasilianern bekannt. Im Mai wurde etwa der 14-jährige João Pedro Mattos Pinto  von Polizisten erschossen. Zahlreiche Videos dokumentieren exzessive Gewaltanwendung – etwa, wie sich ein Polizist in São Paulo bei der Festnahme einer 51-jährigen Frau , die bereits Handschellen trug, auf ihren Hals stellte.

Der brasilianische Menschenrechtsanwalt Marco Antonio André berichtet im Interview, warum der Tod von João Beto das Land derzeit so bewegt, welchen Einfluss Rassismus auf den Alltag von schwarzen Brasilianern hat – und was sich dringend verändern muss.

Zur Person
Foto: privat

Marco Antonio André, Jahrgang 1976, wurde in São Paulo geboren und arbeitet als Menschenrechtsanwalt in Blumenau, Santa Catarina. Als Mitglied der Nationalen Wahrheitskommission zur Sklaverei in Brasilien (Comissão Nacional da Verdade Sobre a Escravidão Negra no Brasil) setzt er sich für die Aufarbeitung der Sklaverei und ihrer Folgen ein.

SPIEGEL: Der Tod von João Beto ist in Brasilien kein Einzelfall – warum hat gerade dieser Fall solch eine Empörung ausgelöst?

Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

Marco Antonio André: Der November ist ein wichtiger Monat für schwarze Brasilianer, und auch die Medien schaffen mehr Raum für schwarze Themen, während diese den Rest des Jahres über fast unsichtbar bleiben. João Beto wurde einen Tag vor dem »Dia Nacional da Consciência Negra«, dem Tag des schwarzen Bewusstseins, getötet: Jedes Jahr am 20. November gedenken wir eines Aufstandsführers gegen die Sklaverei, wir feiern die schwarze Gemeinschaft in Brasilien – und wir sind dieses Jahr damit aufgewacht, dass erneut ein schwarzer Mann ermordet worden ist. Die Tat war außerdem äußerst brutal und hat uns deswegen besonders aufgewühlt, obwohl in Brasilien jeden Tag schwarze Menschen getötet werden.

SPIEGEL: Viele Beobachter sprechen von Brasiliens »George-Floyd-Moment« – sehen Sie das auch so?

André: Es ist nicht das erste Mal, dass Brasilien über rassistische Gewalt diskutiert. Der Fall hat aber sicherlich auch so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil Menschen weltweit derzeit stärker sensibilisiert sind, besser hinschauen, wenn Rassismus geschieht, und diesen anprangern, wie auch gerade in Frankreich. Ein Mord an einem schwarzen Mann geschieht überall meist nach ähnlichen Mustern: Häufig ist die Tat brutal, und oft sind staatliche Sicherheitskräfte involviert.

SPIEGEL: Wie kann man sich die brasilianische Version der Black-Lives-Matter-Bewegung vorstellen?

André: Der Widerstand hat schon begonnen, als die ersten Sklaven aus Afrika in Brasilien angekommen waren. In Brasilien sind damals große Widerstandsgruppen gegen die Sklaverei entstanden, und auch heute noch gibt es eine starke Bewegung, die gegen Rassismus kämpft. Black Lives Matter ist eine digitale Erweiterung. Jahrzehntelang war die weiße Elite hier sehr geschickt darin, die sozialen Probleme zu verschleiern und Brasilien als Land zu vermarkten, in dem Menschen aller Hautfarben gleichberechtigt miteinander leben, in einer sogenannten Rassendemokratie. Aber dem ist nicht so, und die Technologie hilft dabei zu beweisen, dass das nur ein Mythos ist. In jeder kleinen Gasse gibt es jetzt jemanden, der Gewalttaten mit seinem Handy dokumentieren kann.

Fotostrecke

»Schwarze Leben zählen«: Proteste in Brasilien

Foto: AMANDA PEROBELLI / REUTERS

SPIEGEL: Wie hat sich Präsident Jair Bolsonaro zu dem Fall João Beto geäußert?

André: Das Verhalten von Staatschefs wie Donald Trump in den USA und Jair Bolsonaro in Brasilien gibt rechtsextremen Bewegungen und Rassisten Auftrieb. Bolsonaro hat zu dem Tod von João Beto keine klare Stellung bezogen. Vizepräsident Hamilton Mourão hat erklärt, dass es hier keinen Rassismus gebe. Dabei müsste er eigentlich wissen, dass Brasilien die Sklaverei erst vor rund 130 Jahren abgeschafft hat – dieses Erbe wirkt bis heute nach. Die Regierung muss endlich anerkennen, dass das Land eine rassistische Geschichte hat, und die strukturelle Diskriminierung mit politischen Strategien bekämpfen.

SPIEGEL: Wie macht sich die Ungleichheit im Alltag bemerkbar?

André: Rassismus beeinflusst alles – Arbeit, Bildung, Sicherheit, Wohnverhältnisse oder Gesundheit. Rund zwei Drittel der Bevölkerung in Brasilien, die in Armut lebt, sind People of Color, also Menschen, die keine weiße Hautfarbe haben. Und die arme Bevölkerung ist zum Beispiel derzeit auch stärker von der Coronakrise betroffen . Die Krankenhäuser können nicht alle versorgen, Bewohner, die in beengten Verhältnissen wie in Favelas leben, können keinen Abstand einhalten, und viele müssen trotz Pandemie weiter arbeiten.

Oft reicht es, ein junger Mann aus einem Armenviertel zu sein, um von der Polizei getötet zu werden

Oft reicht es, ein junger Mann aus einem Armenviertel zu sein, um von der Polizei getötet zu werden

Foto: SILVIO AVILA / AFP

SPIEGEL: Auch die Polizeigewalt  in Brasilien trifft vor allem junge, schwarze Männer.

André: Wenn es den Sicherheitskräften nicht gelingt, einen Schwarzen sofort festzunehmen, wird er einfach getötet, ausgelöscht. Wenn ein Polizist angibt, dass es Widerstand gegen die Festnahme gegeben habe, geht er straffrei aus – das ist eine Lizenz zum Töten. Unser Sicherheitssystem ist bankrott, es fehlt vor allem an Bildung, aber auch an Training für Sicherheitskräfte. Diese müssten den strukturellen Rassismus erst mal verstehen, der sich in ihrem Verhalten spiegelt. Brasilien hat auch das drittgrößte Gefängnissystem der Welt mit etwa 800.000 Häftlingen – von ihnen sind rund 70 Prozent People of Color.

SPIEGEL: Sie arbeiten als Anwalt, inwieweit erleben Sie selbst Diskriminierung?

André: Jeden Tag, wie Millionen anderer Brasilianer. Als Anwalt betrete ich Orte, die eigentlich den Weißen vorbehalten sind. In Gerichtssälen kam es schon vor, dass mich der Richter nicht als Anwalt wahrgenommen hat, weil ich schwarz bin. Oft werde ich ignoriert, ich wurde aber auch schon bedroht. Eine Neonazi-Gruppe hat einmal Plakate mit Drohungen vor meinem Haus aufgehängt – das war beängstigend.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass der Tod von João Beto nachhaltig etwas verändern wird, über die aktuelle Debatte hinaus?

André: Ich glaube schon. Der brasilianische Senat hat gerade einer Gesetzesreform  zugestimmt, die Tatmotive wie Rassismus oder Homophobie strenger bestraft. Wir brauchen aber noch mehr strukturelle Reformen. Es gibt viele Schlagzeilen über all die rassistisch motivierten Verbrechen, die in Brasilien geschehen, aber Täter werden selten verhaftet oder bestraft. Auch wenn die Ermittler im Fall João Beto aus juristischer Sicht klar bestätigen würden, dass es sich um ein rassistisches Motiv handelte, wäre das ein Schritt nach vorn.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.