Brasilien in der Coronakrise Jetzt ist auch noch das Glück weg

Sie nennen sich Covid-19-Flüchtlinge: Während der Pandemie verloren sie ihre Jobs und Wohnungen. In São Paulo, der reichsten Stadt Lateinamerikas, leben nun Tausende Menschen in Camps.
Von Nicola Abé und Rogério Vieira (Fotos), São Paulo
Rosileide Paranhos, 37, wohnt mit ihren beiden Töchtern in einer selbst gebauten Holzhütte

Rosileide Paranhos, 37, wohnt mit ihren beiden Töchtern in einer selbst gebauten Holzhütte

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Monatelang lag sie nachts wach, schrak auf, konnte nicht mehr einschlafen. Rosileide Paranhos fragte sich, wie sie die nächste Miete bezahlen sollte und was passieren würde, wenn sie es nicht mehr könnte. Wohin mit ihr und den Mädchen? Der Moment würde bald kommen. Ihre Arbeit hatte sie zu Beginn der Pandemie verloren, das Geld war fast aufgebraucht.

Seit August 2020 lebt Paranhos, 37, nun hier, in einer Hütte aus Sperrholzplatten, erbaut auf Erde und Geröll, fensterlos, selbst zusammengenagelt. Ihre Möbel hat sie mitgebracht, eine hölzerne Vitrine, eine Kommode, den Herd. Der Wind pfeift durch die Ritzen und unterm Dach hindurch. Nachts, wenn sie sich an ihre beiden Töchter kuschelt, um nicht zu frieren unter vier Decken, hört sie die Stimmen der anderen, den Fernseher der Nachbarn, das Bellen der Hunde. »Aber ich kann endlich wieder ruhig schlafen«, erzählt sie.

Rosileide Paranhos vermisst ihre warme Dusche und den sauberen Fliesenboden in der alten Wohnung

Rosileide Paranhos vermisst ihre warme Dusche und den sauberen Fliesenboden in der alten Wohnung

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Jardim Julieta, São Paulo, Brasilien, rund 800 Hütten auf einem ehemaligen Feld, neben einem riesigen Lkw-Parkplatz, eine von vielen Siedlungen, die es vor der Pandemie noch nicht gab. Mitten in einem Industriegebiet gelegen, neben einer zehnspurigen Autobahn, ist die Luft schwer und rauchig. »Früher wurde das Feld für Vergewaltigungen genutzt«, sagt ein Nachbar. »Bei uns gibt es nur spielende Kinder«, sagt einer der neuen Bewohner. Sie alle hätten ihre Jobs und Wohnungen wegen der Coronakrise verloren. Das erste besetzte Haus sei ein alter Schiffscontainer gewesen.

Antonio Marcos Brito und seine zweijährige Tochter Alanna gehörten zu den ersten Bewohnern der Siedlung in Jardim Julieta, São Paulo

Antonio Marcos Brito und seine zweijährige Tochter Alanna gehörten zu den ersten Bewohnern der Siedlung in Jardim Julieta, São Paulo

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Die Armen waren es, die Präsident Jair Bolsonaro angeblich schützen wollte, mit seiner Strategie, die Pandemie herunterzuspielen und weitgehend auf Maßnahmen zur Eindämmung des Virus zu verzichten. »Die Menschen sterben an Hunger, weil sie nicht arbeiten können«, sagte er und kritisierte die Lockdowns, die einzelne Gouverneure und Bürgermeister etablierten. Impfungen bestellte er zögerlich, eine tödliche Welle folgte der nächsten.

So hat Brasilien nun mehr als 540.000 Coronatote zu beklagen – und Millionen mehr Arme als zuvor. Ein Fünftel der Menschen im Land geben an, kein Einkommen mehr zu haben. Die Krise hat vor allem die informellen Arbeiter getroffen. Mehr als die Hälfte der 212 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer hat inzwischen Probleme, sich zu ernähren, 19 Millionen leiden Hunger. Fast 13 Prozent leben von weniger als 1,50 Euro am Tag.

Siedlungen wie die in Jardim Julieta entstehen im ganzen Land, auf alten Fabrikgeländen oder ungenutzten Feldern, von Rio de Janeiro bis Manaus, vor allem aber in São Paulo, der reichsten Metropole Lateinamerikas, einer Stadt mit teuren Autohäusern, Sternerestaurants und der größten privaten Hubschrauberflotte der Welt.

Als die Regierung die Nothilfezahlungen stoppte, kamen immer mehr Menschen in die neuen Siedlungen

Als die Regierung die Nothilfezahlungen stoppte, kamen immer mehr Menschen in die neuen Siedlungen

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Es ist früh am Morgen, Winter auf der Südhalbkugel, die Nächte sind so kalt, dass Obdachlose auf den Straßen sterben. Die Tage können aber heiß werden. Paranhos braucht eine Weile, bis sie in der Tür ihrer kleinen Hütte erscheint. Sie blinzelt in die Sonne. In letzter Zeit bleibt der Strom nachts weg, dann helfen nur noch Kerzen. »Das ist meine letzte«, sagt sie und zeigt einen weißen Stummel.

Der Kühlschrank funktioniert nicht, nur das Eisfach. Das Wasser bleibt tagsüber oft weg, deswegen steht sie gegen Mitternacht auf und füllt Eimer. Später macht sie Wasser auf dem Gasherd warm und wäscht sich und die Mädchen. Die Stromkabel im Haus hat sie selbst verlegt. Sie mixt etwas Milch mit Bananen und Zucker, Frühstück für ihre beiden Töchter, Hevellyn, zehn Jahre alt und Bruna, acht.

Die Möbel und Bilder hat Paranhos aus ihrer alten Wohnung mitgebracht

Die Möbel und Bilder hat Paranhos aus ihrer alten Wohnung mitgebracht

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Zwei rosafarbene Schulrucksäcke stehen in der Küche, die gleichzeitig das Wohnzimmer ist, hinter einer Trennwand und einem Spitzenvorhang ein Doppelbett.

Das Wertvollste, was sie besitzen? »Der Fernseher«, sagt Paranhos. Den hat sie aus der alten Wohnung mitgebracht. Während der Pandemie hätten ihre beiden Töchter Schulprogramme geguckt. »Hevellyn hat alles aufgeschrieben«, erzählt sie.

»Was ist dein Lieblingsfach, Hevellyn?«, fragt sie und zeigt auf die Schulbücher ihrer Tochter.

»Englisch«, kommt es von hinter der Trennwand zurück.

»Oh, du bist aber kosmopolitisch!«

Die Mutter bringt Hevellyn, 10, und Bruna, 8, zu Fuß zum Unterricht, der Schulbus hält hier nicht

Die Mutter bringt Hevellyn, 10, und Bruna, 8, zu Fuß zum Unterricht, der Schulbus hält hier nicht

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Die jüngere Bruna bleibt stumm, vergräbt ihr Gesicht in der Siamkatze der Nachbarn.

Es gibt hier viele Katzen und Hunde. Sie helfen gegen die Ratten, Spinnen und Skorpione.

In ihrer alten Wohnung hatte Paranhos zwei Zimmer, doch die 600 Real (knapp 100 Euro) konnte sie nicht mehr bezahlen. »Ich vermisse die warme Dusche«, sagt sie. Außerdem den Fliesenboden, den sie immer sauber wischte und der so gut roch – und ihre Arbeit, die sie geliebt habe, wie sie sagt. Paranhos war Produktionsassistentin in einer kleinen Fabrik, die Babyschnuller montierte und zu Beginn der Pandemie pleiteging. Außerdem habe sie noch einen Putzjob gehabt. Sie will wieder Geld verdienen, doch sie muss auch auf die Mädchen aufpassen.

Die haben jetzt Wechselunterricht. Es gibt einen Schulbus, aber der hält hier nicht. Paranhos lässt sie nicht allein gehen, zu gefährlich, an der großen Straße. Montag, Mittwoch und Freitag bringt sie Hevellyn zu Fuß hin, etwa eine halbe Stunde lang laufen sie. Dienstags und donnerstags geht sie mit Bruna.

Es gibt Regeln im Camp von Jardim Julieta. »Frauen und Kinder haben Vorrang bei uns«, sagt Luciene Guedes, »außerdem Alte und Rollstuhlfahrer«. Guedes war eine der Ersten, die im April 2020 das Feld besetzte und ist nun eine der Koordinatorinnen und Koordinatoren der Siedlung, vier Männer, drei Frauen, »weil Frauen Frauen verstehen«.

Sie sind zuständig für Neuaufnahmen, Platzvergabe oder wenn es irgendwo einen Konflikt gibt. Menschen mit Alkoholproblemen könnten sie nicht beherbergen wegen der vielen Kinder, sagt Guedes. Wenn ein Mann sich von der Familie trennen wolle, dann sei er es, der von hier weggehen müsse. Drogen seien verboten, ebenso Funkpartys. Das sei die Musik der Favelas, erklärt Guedes, hier wolle man einen guten Eindruck machen. »Wir wollen uns diesen Ort verdienen.«

Nathalia Dalia, 24, war während ihrer Schwangerschaft am Zika-Virus erkrankt, ihre zweijährige Tochter ist behindert. Daher hat die Familie im Camp von Jardim Julieta Vorrang

Nathalia Dalia, 24, war während ihrer Schwangerschaft am Zika-Virus erkrankt, ihre zweijährige Tochter ist behindert. Daher hat die Familie im Camp von Jardim Julieta Vorrang

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Guedes ist an diesem Tag mit dem Bezirksbürgermeister verabredet, um über die Zukunft der Siedlung zu verhandeln, ihrer aller Zukunft. Sie wollen hierbleiben. Ein paar Leute haben schon Häuschen aus Ziegelsteinen gebaut.

Das Oberste Gericht Brasiliens hat im Juni entschieden, dass besetzte Häuser und Flächen während der Pandemie zunächst nicht geräumt werden dürfen. Allerdings gibt es Auflagen, für neuere Siedlungen gilt der Richterspruch nicht. Und so wurde etwa in Rio de Janeiro ein Lager mit rund 400 Familien aufgelöst, die auf einem Feld siedelten, das der halbstaatlichen Ölgesellschaft Petrobras gehörte. Sie nannten sich Covid-19-Flüchtlinge. Dutzende Menschen wurden verhaftet, darunter der Anführer, der nun wegen illegaler Inbesitznahme von Land angeklagt ist.

Im Südosten von São Paulo entsteht derzeit die nächste große Siedlung

Im Südosten von São Paulo entsteht derzeit die nächste große Siedlung

Vor »Bobbys Bar«, einer Holzhütte mit Verkaufsfenster am Rand der Siedlung in Jardim Julieta, sitzen ein paar Männer und rauchen einen Joint; Marihuana zählt offenbar nicht als Droge.

»Das hier ist unser aller Gemüsegarten«, sagt der Besitzer der Bar, der sich Bobby nennt, und deutet auf ein paar Beete, in denen Salatköpfe und Tomaten reifen. Die Strom- und Wasserleitungen hätten sie gemeinsam verlegt. Die Häuser stehen in mehreren Reihen. Viele hier haben noch kleine Jobs, arbeiten als inoffizielle Parkwächter, Straßenverkäuferinnen, sortieren Müll, manche machen sogar Telefonwerbung oder liefern Essen in den schicken Vierteln der oberen Mittelschicht aus. Die meisten sind auf Lebensmittelspenden angewiesen.

Im gemeinsamen Gemüsegarten der Siedlung in Jardim Julieta reifen Salatköpfe und Tomaten

Im gemeinsamen Gemüsegarten der Siedlung in Jardim Julieta reifen Salatköpfe und Tomaten

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Etwa die Hälfte der Baracken ist an ein selbst gebautes Rohrsystem angeschlossen, welches das Abwasser in einen nahegelegenen Kanal leitet, an dessen Ufer Kondome liegen. Neben dem Kanal parken ein paar Lkw, dort befindet sich ein Gebäude mit Toiletten und Duschen – ausschließlich für die Fahrer.

Die anderen Bewohner haben in den engen Gassen zwischen ihren Häusern Löcher gebuddelt, die sie mit Holzplatten abdecken. Juliane Soares lebt dort, mit ihrem zweijährigen Sohn und ihrem Partner. Im Gegensatz zu den meisten anderen hier war sie schon jahrelang obdachlos, wohnte unter einer Brücke. »Mein Leben ist jetzt so viel besser«, sagt sie. Auf die Frage, warum das so sei, fällt ihr nicht etwa die Hütte ein oder die Elektrizität. Sie sagt: »Wegen der Gemeinschaft. Ich bin nicht mehr allein.«

Zehntausende Obdachlose gab es in São Paulo schon vor der Pandemie. »Wie viele es heute sind, wissen wir nicht«, sagt Guilherme Boulos, Präsident der sozialistischen Bewegung MTST. Die Stadt ließ mehrfach unter Brücken flächendeckend spitze Steine einbetonieren , um die Menschen loszuwerden. »Die Gesellschaft dehumanisiert die Obdachlosen«, sagt Boulous. Was auch dazu führe, dass Sicherheitskräfte sie immer wieder töteten.

Anfang 2021 wuchs Jardim Julieta besonders stark: Die Regierung Bolsonaro hatte die Nothilfezahlungen, welche 2020 nach dem Gießkannenprinzip an ärmere Haushalte ausbezahlt wurden, wieder eingestellt. Die Siedlung konnte irgendwann keine Neuen mehr aufnehmen, sie mussten Familien wegschicken.

Etwa zur selben Zeit begannen im Südosten der Stadt Bauarbeiter, Friseure und ehemalige Putzkräfte auf einem anderen leeren Feld damit, sich Hütten aus Holz zusammenzunageln. Seit Mitte April wird die Nothilfe plötzlich wieder ausbezahlt, allerdings in weniger als halber Höhe. Maria de Lurdes, 51, die in der Pandemie ihre drei Jobs als Reinigungskraft verlor und schließlich ihre Wohnung gegen eine Holzhütte mit einem Dach aus Plastikplanen tauschte, sagt: »Wenn die Leute erst mal wissen, wo wir wohnen, dann lassen sie uns erst recht nicht mehr in ihren Häusern arbeiten.« Man würde sie als dreckig ansehen. »Man hält lieber den Mund.« Mehr als 250 Familien leben inzwischen auf dem Feld. Die Häuser in der von den Bewohnerinnen und Bewohnern so benannten »Straße der Vision« sind ordentlich durchnummeriert.

Maria de Lurdes verlor in der Pandemie drei Putzjobs und tauschte ihre Wohnung gegen eine Holzhütte mit Plastikplanen als Dach

Maria de Lurdes verlor in der Pandemie drei Putzjobs und tauschte ihre Wohnung gegen eine Holzhütte mit Plastikplanen als Dach

Foto: Rogério Vieira

Zur desaströsen Gesundheitspolitik der Regierung Bolsonaro kam eine erratische Sozialpolitik, die viel kostete und kaum nachhaltig wirkte. »Man hat den Leuten Geld gezahlt, damit sie zu Hause bleiben und ihnen gleichzeitig gesagt, sie sollen rausgehen und keine Angst vor dem Virus haben«, sagt der brasilianische Wirtschaftswissenschaftler Marcelo Neri. Brasilien hätte mehr Geld ausgegeben als jedes andere Schwellenland – doch die Ergebnisse seien schlechter.

Wer den Armen wirklich helfen wolle, müsse wesentlich gezielter vorgehen. Sinnvoll sei beispielsweise eine Reform des Sozialhilfeprogramms Bolsa Familia, das die Armen besser erreiche als andere Programme. Zur Finanzierung sieht Neri durchaus Spielraum bei der Besteuerung großer Vermögen, wie sie derzeit diskutiert wird. Doch der Widerstand ist groß. Eine solche Reichensteuer, behauptete neulich der Besitzer der Modemarke Riachuelo, so etwas wie das H&M Brasiliens, würde zwar die Ungleichheit verringern. »Aber die Reichen würden verarmen.«

An Paranhos kaputtem Kühlschrank in Jardim Julieta kleben ein paar Magneten, eine Fliese aus Lissabon, ein kleiner Eiffelturm aus Paris. Orte, die sie nie gesehen hat. Sie hat die Souvenirs von einer Frau bekommen, für die sie seit vielen Jahren hin und wieder putzt. »Sie bereist die ganze Welt und bringt mir immer etwas mit«, erzählt Paranhos und lächelt. Zu Brunas Geburtstag kaufte die Frau einen Kuchen mit einer Kerze in Form einer Acht, Paranhos konnte sich das nicht leisten.

Sie nimmt einen leeren, türkisfarbenen Parfümflakon von Victoria's Secret von ihrer Kommode, auch ein Geschenk. »Das habe ich sehr gemocht«, sagt sie und riecht an der Flasche. Doch nun habe sie auch diesen Job verloren, ihr letztes Einkommen. Seit acht Tagen liege die Frau im Krankenhaus. Sie habe Covid und müsse beatmet werden.

»Die Lage ist ernst«, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Neri. »Die Ungleichheit beim Einkommen durch Arbeit war nie zuvor so groß wie jetzt.« Das Land sei instabiler. Was ihn besonders umtreibt: Auch die Lebenszufriedenheit der Brasilianerinnen und Brasilianer geht immer weiter auseinander. Diese hänge zwar stark mit dem Einkommen zusammen. Doch früher waren die Ärmeren in Brasilien trotz niedriger Einkommen immerhin noch überproportional glücklich. Inzwischen fühlten sie sich zunehmend gestresster, trauriger und auch wütender: »Brasilien ist nun auch beim Glücksgefühl ein noch ungleicheres Land.«

Es ist Freitagabend in Jardim Julieta. Rosileide Paranhos und die Mädchen gucken Telenovelas in ihrer Hütte. Paranhos glättet sich die Haare. »Das mache ich einmal in der Woche«, sagt sie. Zwei Gewohnheiten, die sie aus ihrem alten Leben herübergerettet hat.

Erste Familien im Camp von Jardim Julieta haben schon Häuser aus Ziegelsteinen gebaut. Doch wie es mit der Siedlung weitergeht, ist unklar

Erste Familien im Camp von Jardim Julieta haben schon Häuser aus Ziegelsteinen gebaut. Doch wie es mit der Siedlung weitergeht, ist unklar

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Draußen in der Dunkelheit ist die Koordinatorin Luciene Guedes frustriert, weil der Bezirksbürgermeister nicht zum Treffen erschienen ist, sondern nur einen Stellvertreter geschickt hat, und weil es noch immer keine Lösung gibt für die Siedlung. Barmann Bobby bringt Glühbirnen an. Er bereitet eine Winterparty vor.

»Wir bleiben im Haus«, sagt Paranhos, »man weiß nie, was draußen passiert.«

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»Einfach nur glücklich und dankbar für diese Chance«

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Paranhos hat für dieses Haus gekämpft. Es steht auf einer leichten Anhöhe, umgeben von anderen Häusern, aber mit einer freien Fläche vor der Tür. »Sie wollten mir erst einen Platz mittendrin geben«, erzählt sie, »aber ich hatte Angst vor Feuer, alles ist aus Holz. Und wegen der engen Gassen, in denen die Leute Sex haben.«

Sie habe die Koordinatoren angefleht, sie sei allein, habe zwei Töchter. Schließlich habe man ihr diesen Platz gegeben. In den ersten Wochen schlief sie dort allein, auf einem Bett, zunächst unter einer Konstruktion aus Plastikplanen. Die Mädchen gab sie zu ihrer Schwester, die bereits ein paar Häuser weiter wohnte. Nachts rissen Regenstürme die Baracke fast um. Sie hatte Angst. »Aber wenn ich weggegangen wäre, dann hätte ich diesen Ort verloren«, sagt sie, »ich bin eine Kriegerin. Ich habe es überlebt.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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