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Angst vor Lulas Rückkehr Bolsonaro im Schafspelz

Brasiliens Ex-Präsident Lula könnte Amtsinhaber Bolsonaro bei der nächsten Wahl herausfordern. Dessen Reaktion zeigt, wie sehr er das Comeback des Linken fürchtet – und wie groß Lulas Einfluss jetzt schon ist.
Ein Interview von Jens Glüsing, Rio de Janeiro
aus DER SPIEGEL 11/2021
Bolsonaro unter Druck: »Lula bestimmt jetzt die politische Agenda«

Bolsonaro unter Druck: »Lula bestimmt jetzt die politische Agenda«

Foto:

EVARISTO SA / AFP

Ein Richter des Obersten Gerichtshofs hat die Korruptionsurteile gegen den linken Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva aufgehoben – damit ist ein politisches Comeback bei der Präsidentschaftswahl 2022 wahrscheinlicher geworden. Die brasilianische Politikwissenschaftlerin Marcia Ribeiro Dias ordnet die Lage ein.

SPIEGEL: Frau Ribeiro Dias, was bedeutet Lulas Rückkehr auf die politische Bühne für Bolsonaro?

Ribeiro Dias: Lula war von der brasilianischen Politik ausgeschlossen, solange er juristisch verfolgt wurde und im Gefängnis saß. Dennoch ist sein Wählerpotenzial beachtlich. Das zeigt sich an der Reaktion Bolsonaros: Normalerweise sucht er die Konfrontation, wenn man ihn kritisiert. Nach dem ersten großen Auftritt Lulas am vergangenen Mittwoch, bei dem dieser Bolsonaros Negationspolitik in der Pandemie heftig angriff, hat Bolsonaro zum ersten Mal seit Monaten eine Maske aufgesetzt und sich für die Impfung ausgesprochen. Lula bestimmt jetzt die politische Agenda.

Zur Person
Foto: Marcia Ribeiro Dias

Die Politikwissenschaftlerin Marcia Ribeiro Dias lehrt an der Schule für Politikwissenschaft der staatlichen Universität UNIRIO in Rio de Janeiro. Sie hat im Rahmen eines Postdoktorats unter anderem an der Universität Oxford geforscht und war Gastprofessorin an der Universität von Salamanca in Spanien. Sie ist spezialisiert auf Wahlen- und Parteienforschung sowie politisches Verhalten.

SPIEGEL: Heißt das, dass wir in Zukunft einen Bolsonaro im Schafspelz erleben werden?

Ribeiro Dias: Wir Brasilianer haben gelernt, dass das Leben mit Bolsonaro einer emotionalen Achterbahnfahrt gleicht. Er sucht jetzt nach dem richtigen Ton, um auf die bislang größte Bedrohung seiner Macht zu reagieren. Die wird von Lula verkörpert. Dessen Politik entsprach immer einer sehr gemäßigten Sozialdemokratie. Lula kann es deshalb gelingen, eine breite Oppositionsfront gegen Bolsonaro zu organisieren.

»Lula kann es gelingen, eine breite Oppositionsfront gegen Bolsonaro zu organisieren.«

SPIEGEL: Bolsonaro und Lula kämpfen beide um die Stimmen der Armen. Kann Bolsonaro sie mit finanziellen Zuwendungen auf seine Seite bringen?

Ribeiro Dias: Das ist eine mögliche Strategie. Das Problem ist, dass Bolsonaro damit den Rückhalt bei der wirtschaftlichen Elite verlieren würde. Er kann es sich nicht leisten, nur die Armen zufriedenzustellen, damit gewinnt er die Wahl nicht. Bolsonaro hat kein klar definiertes Zielpublikum. Er wird vor allem von frustrierten Brasilianern der unteren Mittelschicht unterstützt. Aber er hat zweifellos einen Teil der Lula-Wähler geerbt, sonst wäre er nicht gewählt worden.

SPIEGEL: Bolsonaro genießt großen Rückhalt bei den Streitkräften. Droht in Brasilien ein Militärputsch, wenn Lula politisch erstarkt?

Ribeiro Dias: Das Risiko besteht. Aber die Streitkräfte würden einen sehr hohen Preis bezahlen, wenn sie intervenierten. Ich bezweifle, dass es dazu kommt.

SPIEGEL: Bolsonaro will den Kauf von Waffen erleichtern. Könnte er rechte Milizen gegen Lula aufwiegeln?

Ribeiro Dias: Dieses Szenario bereitet mir Sorgen. Sein Diskurs, Waffen für alle zu fordern, könnte die öffentliche Sicherheit destabilisieren. Politisch motivierte Gewalt hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, immer häufiger werden Kandidaten ermordet. Politik ist zu einem Minenfeld geworden. Diese Radikalisierung könnten die Streitkräfte zum Vorwand nehmen, um einzugreifen.

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