Junge indigene Influencer in Brasilien Auf Insta trägt sie Bikini, auf Twitter wird sie politisch

Junge Indigene in Brasilien tragen den Kampf ihrer Völker in die sozialen Medien. Dabei geht es ihnen nicht nur um Selbstvermarktung, sondern um politische Anliegen.
Von Nicola Abé, São Paulo
Die indigene brasilianische Influencerin Alice Pataxó posiert für Instagram oft im Bikini – auf Twitter äußert sie sich politisch

Die indigene brasilianische Influencerin Alice Pataxó posiert für Instagram oft im Bikini – auf Twitter äußert sie sich politisch

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Leonardo Carrato / DER SPIEGEL

Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Ein junger Mann in Jeans und Turnschuhen steht auf einem Waldweg im Nordosten Brasiliens. Sein Oberkörper ist mit dünnen Strichen aus Kohle bemalt, sein Gesicht mit gelbem Schlamm, auf dem Kopf trägt er bunten Federschmuck, dazu Ohrringe. Er hält einen Selfiestick in der Hand. Tukuma, 22 Jahre alt, Indigener vom Stamm der Pataxó, filmt sein Leben für Instagram.

Tukuma Pataxó, der mit bürgerlichem Namen William Matos Braz heißt und nach Shakespeare benannt wurde, ist an diesem Tag zu einem Workshop in das indigene Schutzgebiet Porto do Boi im Bundesstaat Bahia gereist. Die Menschen dort wollen lernen, wie man audiovisuelle Medien nutzt. Er soll einen Vortrag halten.

Der indigene Influencer Tukuma Pataxó posiert für ein Porträt in Porto do Boi, Bahia

Der indigene Influencer Tukuma Pataxó posiert für ein Porträt in Porto do Boi, Bahia

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Ein Grüppchen versammelt sich unter einem runden Dach aus getrockneten Blättern um einen Altar, von dem würziger Rauch nach draußen zieht. »Wir Indigenen haben genug von Leuten, die von außen kommen und über uns sprechen«, sagt Tukuma Pataxó, »wir wollen unsere Geschichten selbst erzählen.«

Soziale Medien, das hat Tukuma Pataxó entdeckt, sind dafür das perfekte Werkzeug. Er ist angehender Influencer, hat inzwischen 120.000 Abonnenten auf Instagram und einen professionellen Agenten. »Ich will, dass die Menschen uns Indigene besser verstehen«, sagt er. Auf spielerische Weise wolle er Vorurteile abbauen.

Junge Indigene vom Stamm der Pataxó fotografieren sich mit ihren Smartphones

Junge Indigene vom Stamm der Pataxó fotografieren sich mit ihren Smartphones

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Seine Posts umfassen ein großes Spektrum: In einem führt er vor, wie man Shampoo aus Hibiskus und Zimt herstellt. Ein anderer handelt von den gewaltsam niedergeschlagenen Protesten von Indigenen gegen die Regierung in der Hauptstadt Brasília, wo er sich vor einer Mauer aus Polizisten fotografierte.

Er ist nicht allein. In einer Zeit, in der sich die Indigenen in Brasilien so bedroht fühlen wie seit Jahrzehnten nicht mehr, hat eine junge Generation den Kampf ihrer Völker in die sozialen Medien getragen. Diesen Influencerinnen und Influencern geht es weniger darum, auf Twitter, Instagram oder TikTok sich selbst oder eine Kleidermarke zu bewerben, es geht um politische Anliegen und darum, Verständnis für die eigene Kultur zu schaffen.

Die Ausgangslage ist mehr als schwierig: Die Indigenen waren stets eine Art letzter Schutzwall gegen die totale Ausbeutung des Amazonas. Doch dessen Zerstörung schreitet in atemberaubender Geschwindigkeit voran. Illegale Goldsucher dringen in indigene Gebiete ein, greifen sogar Kinder an. Die Regierung unter Präsident Jair Bolsonaro bereitet dafür den Boden, will per Gesetz in Schutzzonen Bergbau, Abholzung und industrielle Landwirtschaft erlauben – und plant Expeditionen zu Stämmen, die sich bisher von der Außenwelt abgeschottet haben, was für diese lebensgefährlich ist.

300 indigene Völker, die 274 verschiedene Sprachen sprechen, gibt es in Brasilien. Doch die wenigsten Brasilianer wissen über sie Bescheid. Die indigenen Vertreter der Generation Z wollen das ändern. Da ist zum Beispiel Alice Maciel de Souza, 20, die ihre Bikinifotos auf Instagram nutzt, um Geld zu verdienen und um mehr Menschen auf ihre Tweets aufmerksam zu machen – die hochpolitisch sind. Wegen der Nacktheit in ihren Bildern wird sie oft kritisiert. »Aber wir Indigenen ziehen uns nun mal so an«, sagt sie. Zweitens sehe sie Nacktsein nicht als Sexualisierung. »Ich habe einfach ein anderes Verhältnis zu meinem Körper.«

Und da ist Maria Gomez Godinho, die sich Cunhaporanga nennt, 22 Jahre alt. Sie stammt aus der Tatuyo-Gemeinde nahe der Stadt Manaus, präsentiert in ihren Videos exotische Früchte und Kochrezepte und beantwortet Fragen wie: »Gibt es hier Krokodile?« Sie erzähle einfach gern Geschichten. Dabei arbeitet sie viel mit Humor. Ein Video, in dem sie eine lebende Made isst, machte sie zu Beginn der Pandemie bekannt.

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»Bei uns ist das völlig normal«, sagt sie. Sie wolle den Leuten ihren Alltag zeigen, ihre Lebensweise näherbringen. »Ich bin dankbar, dass sie mir zuhören.« Ohne sich direkt politisch zu äußern, sieht Cunhaporanga sich damit trotzdem als Teil des Kampfes der indigenen Völker ums Überleben. Mit fast sechs Millionen Followern auf TikTok ist sie die wohl erfolgreichste ihrer Art.

Zwei Männer bemalen den Influencer Tukuma Pataxó mit Kohle

Zwei Männer bemalen den Influencer Tukuma Pataxó mit Kohle

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In Porto do Boi, im Wald, bei seinem Volk, ist Tukuma Pataxó ebenfalls schon so etwas wie ein kleiner Star. »Du warst lange nicht mehr hier!«, scherzt ein alter Bekannter, als er gerade ankommt. »Du glaubst wohl, wir hätten hier kein Internet!«

Tukuma reist mit einer Entourage, die aus drei jungen Männern besteht, die ihn filmen und ihm stundenlang liebevoll den Oberkörper bemalen. Dafür vertaggt er sie in seinen Videos – und gibt Tipps beim Fotografieren. »Jetzt auf den Fluss gucken«, sagt er zu seinem Freund, der mit wehenden Haaren auf einem Ast posiert, der über das Wasser ragt.

Tukuma Pataxó fotografiert seinen Freund Janaron Pataxó für Instagram

Tukuma Pataxó fotografiert seinen Freund Janaron Pataxó für Instagram

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In dem Fluss werden sie noch baden. »Verbunden nur mit unserer Mutter Natur«, wird später auf Instagram über den Bildern zu lesen sein. Daneben ein Emoticon, das Pfeil und Bogen zeigt. »Die Zukunft der Indigenen liegt in der Verbindung aus altem Wissen und moderner Technologie«, sagt eine Historikerin, die als Freiwillige hier bei den Pataxó lebt.

Vor drei Jahren zog Tukuma Pataxó aus dem unverputzten Steinhaus aus, das seine Großmutter seit Jahrzehnten bewohnt, um in Porto Seguro Gastronomie zu studieren. Doch das Leben in der Stadt war ein Schock: »Geh zurück in den Wald!«, sagten die Leute auf der Straße zu ihm. Wieso er überhaupt ein Smartphone besitze? »Die meisten wollen die Indigenen nicht in der Stadt sehen, sie wollen, dass wir halb nackt durch den Wald rennen«, sagt Tukuma Pataxó. Er vermisste sein Zuhause, seine Familie, seine Kultur.

Tukuma Pataxó mit seiner Oma in Coroa Vermelha: Er finanzierte ihr einen neuen Kühlschrank

Tukuma Pataxó mit seiner Oma in Coroa Vermelha: Er finanzierte ihr einen neuen Kühlschrank

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Mit Beginn der Pandemie kehrte er tatsächlich nach Hause zurück. »Und die Quarantäne hat mich inspiriert«, sagt er. Er produzierte ein Video, in dem er und seine Freunde erst in »normalen« Outfits auftreten, dann die Kamera abklatschen und plötzlich in traditionellen indigenen Kleidern und Masken zu sehen sind. Das Video ging auf Twitter viral, hatte mehr als eine Million Aufrufe – und Tukuma Pataxó zog zu Instagram um.

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Kurz darauf ging der Kühlschrank seiner Großmutter kaputt. Da habe er zum ersten Mal gesehen, dass das Internet ihm auch etwas zurückgeben könne. Er startete eine Art Crowdfunding, verloste zwei bemalte Hemden und ein Schmuckkästchen – und finanzierte seiner Oma so einen neuen, weißen Elektrolux.

Junge Indigene von der Gemeinde der Pataxó ruhen sich aus bei einem Workshop für audiovisuelle Medien in Porto do Boi, Bahia

Junge Indigene von der Gemeinde der Pataxó ruhen sich aus bei einem Workshop für audiovisuelle Medien in Porto do Boi, Bahia

Foto: Leonardo Carrato / DER SPIEGEL

Inzwischen hat Tukuma verschiedene Jobs, die er seiner Bekanntheit auf Instagram zu verdanken hat: Er arbeitet als Reporter für den indigenen Nachrichtendienst Midia India und hat bald einen eigenen Part in einer Streamingshow für GloboTV, wo er über indigene Kulinarik sprechen soll. Sein Traum ist es, die Küche verschiedener indigener Stämme in Brasilien zu dokumentieren.

»Mir ist klar, dass ich nur ein kleiner Akteur in einem sehr lang andauernden Kampf bin«, sagt er. Neben Fotos in farbenfrohen Kostümen macht er immer wieder auf aktuelle politische Vorgänge aufmerksam, etwa auf mehrere Gesetzesvorhaben der Bolsonaro-Regierung, die den Schutzstatus indigener Territorien bedrohen. Seine Aufgabe sehe er darin, den Widerstand etwas unterhaltsamer zu gestalten und die Jüngeren zu erreichen.

Auch Alice Maciel de Souza, 20, die aus dem gleichen Volk stammt wie Tukuma und sich in den sozialen Medien Alice Pataxó nennt, versteht sich als Kämpferin. An einem sonnigen Dienstag erscheint sie in Flipflops und mit einem feinen Ochsenknochen, den sie sich quer durch ihre Nasenscheidewand gesteckt hat, in der historischen Altstadt von Porto Seguro. Neben ihr trottet ein schlaksiger junger Mann, den sie als ihren Medienassistenten vorstellt. Er ist es auch, der ihre Fotos für Instagram macht.

Würde man sich nur diese ansehen, könnte man den Eindruck gewinnen, es gehe Alice Pataxó gar nicht ums Politische. Sie lächelt, posiert viel im Bikini, am Strand, mit bunten Perlen und Federschmuck. Doch Alice Pataxó hat bewusst eine Trennung vorgenommen: Auf Instagram verdient sie ihr Geld, bewirbt nachhaltige Sandalen oder von Völkern im Amazonas hergestellten Schmuck aus Glasperlen. Sie weiß, wie Bilder aussehen müssen, damit sie Aufmerksamkeit erzeugen. Instagram sorgt inzwischen dafür, dass sie sich ihr Apartment in der Stadt selbst finanzieren kann – und sogar ihren Medienassistenten bezahlt.

Alice Pataxó hat 90.000 Abonnenten auf Twitter. Sie studiert und will Anwältin werden

Alice Pataxó hat 90.000 Abonnenten auf Twitter. Sie studiert und will Anwältin werden

Foto: Leonardo Carrato / DER SPIEGEL

Auf Twitter hingegen, mit fast 90.000 Abonnenten, redet sie Tacheles.

»Ich hasse den König des Viehs«, schreibt sie etwa in Anspielung auf Bolsonaros Vorliebe fürs Agro-Business. Oder über die Abholzung im Amazonas: »Versteht ihr, 41,1 Millionen Tennisplätze wurden abgeholzt, 41,1 Millionen.« Die Zahl stammt aus einer Studie und bezieht sich allein auf das Jahr 2020. Als kürzlich ein junger Yanomami im Amazonas starb, weil er von einem landenden Flugzeug illegaler Goldgräber einfach überrollt wurde, twitterte sie: »Es ist unfassbar.« Und an anderer Stelle: »Der Tod eines Indigenen ist keine Nachricht, er weckt keine Gefühle. Es wird nur gerechtfertigt, warum ein Weißer unser Leben nehmen darf.«

Alice Pataxó kann von ihren Einnahmen durch Instagram schon ihre Miete und einen Mitarbeiter bezahlen

Alice Pataxó kann von ihren Einnahmen durch Instagram schon ihre Miete und einen Mitarbeiter bezahlen

Foto: Leonardo Carrato / DER SPIEGEL

Alice Pataxó studiert, sie will später Anwältin werden und sich auf die Rechte indigener Völker spezialisieren. Als sie 15 Jahre alt war, erlebte sie, wie die Polizei mit Bulldozern kam und ihr Dorf Aratikum räumte. Sie sah, wie sie das Haus zerstörten, in dem sie mit ihrer Mutter lebte. Sie mussten sich eine neue Heimat suchen.

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Der Gedanke daran macht sie für einen Moment sehr traurig. Sie schluckt die Tränen herunter und deutet sie auf einen riesigen Baum, zwischen dessen Blättern ovale Früchte hängen. »Jenipapo«, sagt sie. Daraus stelle sie ihre Schminke her. Unter den Augen trägt sie dünne Striche, auf den Wangen Pfeile. Zwei Wochen würde die Bemalung halten. Manchmal kombiniere sie das Ganze mit Lippenstift – für Instagram.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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