Coronakrise in Großbritannien Gesundheitsdienst NHS bittet Johnson um Brexit-Aufschub

Kampf gegen ein mutiertes Coronavirus und dann noch ein No-Deal-Brexit: Der Gesundheitsdienst NHS warnt vor Überforderung und bittet inständig um Zeit. Britische Medien machen nun Hoffnung auf eine schnelle Einigung mit der EU.
NHS-Plakat in London: »Wir müssen uns gegenseitig beschützen«

NHS-Plakat in London: »Wir müssen uns gegenseitig beschützen«

Foto: Richard Baker / In Pictures / Getty Images

Ende des Jahres verlässt Großbritannien endgültig die EU-Institutionen. Die Verhandlungen über die künftige Zusammenarbeit zwischen London und der EU stecken jedoch fest. Zeitgleich zum drohenden harten Brexit ist das Land derzeit besonders hart von der Corona-Pandemie getroffen. Angesichts der Herausforderungen im Kampf gegen das Virus schaltet sich nun der britische Gesundheitsdienst NHS in die Brexit-Diskussion ein.

Der Gesundheitsdienst hat Premierminister Boris Johnson zu einer Verlängerung der Brexit-Übergangsphase um einen Monat aufgefordert. Ein Aufschub um einen Monat werde dem NHS Zeit geben, sich aus der »unmittelbaren Gefahrenzone« zu bringen, hieß es in einem Brief der NHS-Spitze, der in der Nacht zum Mittwoch veröffentlicht wurde. Denn dann könne sich der Dienst auf die Bekämpfung der Pandemie konzentrieren, ohne dass ein No-Deal-Brexit »störende Veränderungen« mit sich bringe.

Großbritannien verlässt zum Jahresende den EU-Binnenmarkt und die Zollunion. Kommt in den verbleibenden Tagen kein Handelspakt mehr mit der EU zustande, drohen höhere Zölle und andere Handelshemmnisse, die nach Ansicht von Experten auch Auswirkungen auf die Versorgung mit Medikamenten und medizinischen Gütern haben dürften. Der NHS befürchtet zudem, dass Rettungswagen aufgrund von Lastwagenstaus vor allem in der südostenglischen Grafschaft Kent am Ärmelkanal, einem Zentrum der Corona-Infektionen, nicht rechtzeitig die Patienten erreichen könnten. Johnsons Regierung hat eine Verlängerung der Übergangsphase bisher strikt abgelehnt.

»Am 1. Januar wird der NHS in der traditionell geschäftigsten Zeit des Jahres gegen die größte Herausforderung in seiner Geschichte antreten«, heißt es in dem Schreiben weiter. Derzeit werden fast 19.000 Corona-Patienten in britischen Kliniken behandelt. Wegen der raschen Ausbreitung einer neuen Virusvariante wird eine weitere Zunahme der Infektionen befürchtet. Die Belegschaft sei müde und erschöpft, betont die NHS-Führung. »Die Schockwellen eines No-Deal-Brexits könnten die Möglichkeiten des NHS überfordern.« Deshalb werde Johnson dringend gebeten, »die Übergangsfrist um einen Monat zu verlängern und dem NHS einige kostbare zusätzliche Wochen zu erkaufen«, heißt es in dem Schreiben weiter.

Britische Medien halten Einigung am Mittwoch für möglich

Britische Medien geben sich derweil vorsichtig optimistisch, dass Brüssel und London sich doch noch auf einen gemeinsamen Deal einigen können. Berichten zufolge könnten die Brexit-Verhandlungen noch am Mittwoch mit einem Abkommen zum Abschluss kommen.

Der politische Chefredakteur Robert Peston des britischen Sendernetzwerks ITV schrieb am Dienstag auf Twitter, »ein britischer Insider sagt jetzt, dass morgen wieder eine Einigung über ein Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU möglich ist«. Ein Abkommen sei in greifbare Nähe gerückt, da es vermutlich nach einer weiteren mit der Angelegenheit vertrauten Person spät in der Nacht Bewegung bei den Themen Fischerei und Sanktionen gegeben habe, fügte er hinzu.

Zuvor hatte EU-Chefunterhändler Michel Barnier am Dienstag zu den festgefahrenen Verhandlungen angekündigt, die Europäische Union unternehme einen »letzten Anlauf« für ein Brexit-Handelsabkommen mit Großbritannien, obwohl es immer noch tiefe Meinungsverschiedenheiten über die Fischereirechte gebe.

asc/dpa/Reuters
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