Ende einer Irrfahrt Es ist vorbei, bye-bye

Warum der Brexit schon immer eine Geschichte der Illusionen war.

Aus London berichtet Jörg Schindler
Historischer Tag: Großbritannien hat die EU verlassen

Historischer Tag: Großbritannien hat die EU verlassen

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DER SPIEGEL / GETTY IMAGES

Und Boris sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht an diesem Freitagabend in einem kleinen Teil von London. Einige Regierungsgebäude in Westminister: in blau-rot-weiße Farben getaucht. Die schwarze Backsteinfassade von 10 Downing Street: Projektionsfläche für einen gewaltigen Countdown, der um Punkt 23 Uhr – Mitternacht im Rest Europas – auf null sprang. Und 200 Meter weiter Flutlichtmasten, die ein Meer aus britischen, gelegentlich auch amerikanischen Flaggen eindrucksvoll zur Geltung brachten.

So endete, 47 Jahre nach dem Beitritt, 1317 Tage nach dem Brexit-Referendum, in der Nacht zum Samstag die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union. Als Farbenspiel, zu dem im ganzen Land "God Save The Queen" und "Rule Britannia" gesungen wurde, vereinzelt auch "We won’t get fooled again" von The Who. Ein passender Schlussakkord. Nicht triumphal. Und doch pompös genug für Premierminister Boris Johnson, den großen britischen Magier, und seine Verehrer.

Noch allerdings ist nicht ausgemacht, welchen Stellenwert diese Lichtshow dereinst erhalten wird. Vielleicht wird man sie ja wirklich irgendwann als strahlenden Beginn eines erstaunlichen nationalen Alleingangs betrachten.

Vielleicht aber auch nur als weiteres Trugbild in der langen Geschichte des Brexits. Es wäre nicht das erste.

So wirr und wendungsreich dieser mühsame Abnabelungsprozess auch immer gewesen sein mag, hat er doch eine Binsenweisheit wieder und wieder bestätigt: Es kommt immer anders, als man denkt. Der Brexit – das war von Anfang an eine Geschichte der Illusionen. Und man kann den Briten nur wünschen, dass sie es ab sofort besser machen werden. Vielleicht sogar gut.

Die Ereignisse der vergangenen vier Jahre lassen das jedoch nicht unbedingt erwarten.

Von Träumen und Fehleinschätzungen

Die Chronik der Brexit-Irrungen begann mit Johnsons Vorvorgänger David Cameron, der 2016 die Volksabstimmung zur EU-Mitgliedschaft anberaumte, weil er sicher war, dass er sie gewinnen und damit die EU-Feinde in seiner konservativen Partei endgültig mundtot machen würde. Cameron ist heute Buchautor und Privatier und auf der Liste der meistgehassten britischen Politiker etwa auf einer Stufe mit dem Irakkriegs-Premier Tony Blair.

Ex-Premier Cameron: Brexit-Referendum als Mittel zum Zweck

Ex-Premier Cameron: Brexit-Referendum als Mittel zum Zweck

Foto: Thierry Charlier/ AP

Ähnlich siegesgewiss zeigte sich Camerons Parteifreundin Theresa May, als sie ein gutes Jahr später aus heiterem Himmel Neuwahlen ausrief. Sie verlor – ihre Mehrheit, ihre Reputation und ihr Rückgrat. Und wenn bis dahin noch ein sanfter Brexit möglich gewesen sein sollte, so war er es fortan nicht mehr. An den radikalen EU-Verächtern in der konservativen Partei führte nun kein Weg mehr vorbei.

Und dennoch machte sich auch die Europäische Union bis zuletzt Illusionen. Wenn man gegenüber den Briten nur hart und kompromisslos und einig bliebe, dann – wer weiß – ließe sich der ganze Brexit vielleicht doch noch rückgängig machen. Mit Verweis auf John Lennon sprach Musikfreund und EU-Ratspräsident Donald Tusk: "Ihr mögt mich einen Träumer nennen. Aber ich bin nicht der einzige." In der Tat.

Ex-Premier May: Neuwahlen und Reputation verloren

Ex-Premier May: Neuwahlen und Reputation verloren

Foto: Frank Augstein/ AP

Die EU-Enthusiasten im britischen Parlament schließlich wähnten sich in der Lage, eine neue Volksabstimmung erzwingen zu können, wenn sie Mays Regierung nur lange genug mit Verfahrensfragen zermürbten. Was sie nicht bedachten: Indem sie den immer noch vergleichsweise EU-nahen Kurs der Regierungschefin torpedierten, bereiteten sie erst den Weg für einen Nachfolger, der bis zum Äußersten gehen würde, um einem ähnlichen Schicksal wie May zu entgehen.

Und dann, als das Land zermürbt und entnervt in abermalige Neuwahlen schlitterte, versammelte sich eine Mehrheit der Briten hinter dem skrupellosen Illusionskünstler Boris Johnson. Manche taten das zögernd. Manche enthusiastisch. Und viele, weil sie hofften, dass es damit endlich vorbei sein würde.

Staffel zwei der Brexit-Saga

Und? Ist es jetzt vorbei? Wie man’s nimmt. Großbritannien und Nordirland sind nun offiziell raus aus der EU, der Brexit-Countdown ist abgelaufen, Johnson hat, um den nichtssagenden Slogan der Brexit-Kampagne 2016 noch einmal aufzugreifen, "die Kontrolle zurückerlangt". Wollte sein Land wieder rein in den Klub – einzelne Wagemutige sprechen ernsthaft schon von "rejoin" –, müsste es sich irgendwo zwischen Albanien und Nordmazedonien anstellen.

Aber mehr als das ist nicht klar. Elf Monate lang bleibt nun noch faktisch alles, wie es war. Danach werden EU und Vereinigtes Königreich ihre künftigen (Handels-)Beziehungen geklärt haben. Oder auch nicht. Wird Johnson, all seinen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz, die enge Anbindung an die EU suchen? Oder den Lockrufen des anderen großen Blonden jenseits des Atlantiks folgen? Weiß er selbst, was er will? Es gehört zum Wesen des Tricksers in Downing Street, sich stets offen für alles zu zeigen. Man kann das Taktik nennen. Oder Prinzipienlosigkeit. Staffel zwei der Brexit-Saga verspricht wieder große Unterhaltung.

Kurz vor dem historischen Moment am Freitagabend wandte sich Johnson in einer als versöhnlich gedachten Videobotschaft an seine Nation – und machte auch darin wieder Licht zu seinem Leitmotiv. "Dies ist der Moment, in dem die Sonne aufgeht", versprach er, "ein Moment wirklicher nationaler Erneuerung". Und auch das: "ein Moment, in dem wir beginnen, uns zu versöhnen."

Premier Johnson: Trickser aus 10 Downing Street

Premier Johnson: Trickser aus 10 Downing Street

Foto: Toby Melville/REUTERS

Aber ist er das wirklich? Es gibt auf der Insel immer noch so viel, worüber zu streiten sich - nun ja - lohnt. Gerade erst haben sich englische Literaten leidenschaftlich echauffiert über die Inschrift auf der neuen 50-Pence-Gedenkmünze zum Brexit – der ersten, die nicht wieder eingestampft werden musste. "Frieden, Wohlstand und Freundschaft mit allen Nationen" steht darauf, und weil im Englischen das "Oxford-Komma" vor dem "und" fehlt, steht manchen Brexit-Gegnern der Sinn eher nach Gezänk und Feindschaft. Auch wenn Umfragen zufolge ein Großteil der Briten die Feierlichkeiten zum B-Day boykottieren wollte – es steht nicht zu erwarten, dass sie nun ein für alle Mal Ruhe geben.

Die nächste Illusion, das ist der Glaube, dass mit dem nun vollzogenen Austritt das Schlimmste vorbei ist. Für Boris Johnson heißt das, mit Optimismus allein lässt sich kein Staat und auch kein Start machen. Wenn er das nicht glaubt, könnte er nachlesen bei seinem großen Vorbild Winston Churchill. Von dem stammt eine durchaus realistische Zustandsbeschreibung aus dem Jahr 1942: "Das ist nicht das Ende, ja nicht einmal der Anfang vom Ende – sondern allenfalls das Ende des Anfangs."