Tory-Chef im EU-Parlament "Angela Merkel hat uns im Stich gelassen"

Der britische Abgeordnete Geoffrey Van Orden war nie ein Freund der EU, stimmte aber gegen den Brexit. Hier erzählt er, warum er nun zuversichtlich ist - und sich um die EU sorgt.
Ein Interview von Markus Becker, Brüssel
Tory-Politiker Van Orden: "Ich war schon vor 20 Jahren ein Euroskeptiker

Tory-Politiker Van Orden: "Ich war schon vor 20 Jahren ein Euroskeptiker

Foto: Markus Becker/ DER SPIEGEL

SPIEGEL: Herr Van Orden, vor dem Referendum im Sommer 2016 haben Sie als letzter aller Tory-Abgeordneten entschieden, wie Sie abstimmen würden. Am Ende votierten Sie gegen den Brexit. Halten Sie sich immer noch für einen Remainer?

Van Orden: Nein. Ich bin vollkommen zufrieden mit der Entscheidung des britischen Volks. Sie muss und wird respektiert werden. Außerdem war ich schon ein EU-Skeptiker, als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal ins Europäische Parlament gewählt wurde. Ich wollte das Verhältnis Großbritanniens zu Europa und die Richtung der EU ändern, die unbeirrbar auf dem Weg in eine immer engere politische Integration war. Vor dem Referendum habe ich mich dreimal mit Premierminister David Cameron getroffen und ihn angefleht, in Brüssel einen besseren Deal für uns herauszuholen. Leider ist das nicht geschehen.

Geoffrey Van Orden, 74, war früher Brigadegeneral, heute ist er der Chef der britischen Konservativen im Europaparlament. Ein Freund der EU war er nie, stimmte 2016 beim Referendum aber trotzdem gegen den Brexit. Mit dem EU-Austritt Großbritanniens am 31. Januar endet auch Van Ordens 20-jährige Zeit als Europaabgeordneter.

SPIEGEL: Aber die anderen Mitgliedstaaten haben Großbritannien noch kurz vor dem Referendum weitreichende Zugeständnisse gemacht. Cameron hat anschließend geprahlt, Großbritannien werde das Beste beider Welten bekommen.

Van Orden: Die EU hatte keinen echten Willen zur Veränderung - weil die meisten nie dachten, dass wir tatsächlich gehen würden. Nicht einmal der Ukip-Vorsitzende Nigel Farage hat das geglaubt. Selbst nach dem Referendum erwarteten viele Menschen eine zweite Volksabstimmung, in der Hoffnung, dass der Brexit abgesagt würde. Das galt insbesondere für das Europäische Parlament. Dort hörten die Leute nur das, was sie hören wollten. Es war eine Echokammer des Selbstbetrugs. Außerdem fühlten wir uns von Angela Merkel im Stich gelassen. 2014 kam die Kanzlerin nach London und hielt im Parlament eine Rede. Sie versprach, dass die EU alles tun würde, um Großbritannien zu halten. Aber am Ende unternahm Merkel nichts.

SPIEGEL: Warum haben Sie dann trotzdem für den Verbleib in der EU gestimmt?

Van Orden: Vor allem aus drei Gründen. Erstens wollte ich wirtschaftliche Unsicherheit vermeiden. Zweitens hatte ich Angst vor einem Verlust des britischen Einflusses; ich wollte den Kontinent nicht Paris und Berlin überlassen. Drittens hatte ich das Gefühl, dass viele der Sorgen unserer Bürger eher in den Händen unserer eigenen Regierung als in denen von Brüssel lagen. Aber jeden dieser Punkte kann man angehen.

SPIEGEL: Das klingt, als würden Sie erwarten, dass der EU nach dem Abgang der Briten Schlimmes droht.

Van Orden: Ich bin sehr zuversichtlich, was die Zukunft Großbritanniens angeht. Aber ich bin nicht sicher, ob sich einige der verbleibenden Mitgliedstaaten in einem eng integrierten europäischen Staat wohlfühlen werden. Und einige Ideen sind überhaupt nicht klug.

SPIEGEL: Welche meinen Sie?

Van Orden: In der EU gibt es derzeit etwa einen Vorstoß, Mehrheitsentscheidungen in den Bereichen Außenpolitik und Verteidigung, sogar im Steuerbereich einzuführen. Das würde den einzelnen Ländern ihr Vetorecht nehmen. Was bliebe dann von der Souveränität der Nationalstaaten übrig? Die nationalen Parlamente wären dann nur noch örtliche Ratsversammlungen.

SPIEGEL: Laut aktuellen Umfragen gibt es aber in vielen EU-Staaten teils deutliche Mehrheiten dafür, dass die Mitgliedsländer gerade in der Außen- und Sicherheitspolitik ihre Kräfte bündeln sollten, um die EU auf der Weltbühne zu stärken.

Van Orden: Richtig, derzeit ist zum Beispiel viel die Rede davon, die EU solle strategische Autonomie erlangen. Das ist eine französische Idee, und sie ist gefährlicher Nonsens. Sie hat das Potenzial, die Nato zu spalten, die Europäer einander zu entfremden und das transatlantische Bündnis zu gefährden. Wer würde bei klarem Verstand behaupten, dass die EU eine strategische Rolle bei der Verteidigung Europas ohne die militärische Stärke der USA spielen kann?

SPIEGEL: Wenn das eine französische Idee ist, in welcher Rolle sehen Sie dann Deutschland, wenn Großbritannien nicht mehr in der EU ist?

Van Orden: Frankreich und Deutschland haben unterschiedliche Visionen von der Zukunft Europas. Ich verstehe sehr gut, warum die Deutschen so sehr an der Idee eines vereinten Europas hängen. Schließlich habe ich an der Führungsakademie der Bundeswehr in Blankenese gelehrt, viele Jahre in Berlin verbracht und war 1989 Stabschef des britischen Sektors. Meine älteste Tochter ist mit einem Deutschen verheiratet. Sie leben mit ihren drei Kindern in Berlin.

SPIEGEL: Was haben Sie dabei über die Deutschen und ihre Vorstellung von Europa gelernt?

Van Orden: Die Menschen in Deutschland wollen gute Deutsche sein, sie tragen noch immer die Last der Vergangenheit. Aber manchmal fehlt es ihnen an Verständnis für andere Nationen und deren patriotischen Stolz, den man nicht mit aggressivem Nationalismus verwechseln sollte.

SPIEGEL: Wie wird es Großbritannien nach seinem Austritt aus der EU ergehen?

Van Orden: Falls wir unsere Angewohnheit der Selbstzerfleischung überwinden, können wir sehr erfolgreich sein. Sicher, die Briten waren für vieles selbst verantwortlich, was sie der EU angelastet haben. Nichts hätte uns zum Beispiel davon abgehalten, den Handel mit Drittländern zu steigern. Ich war schockiert, dass Belgien mehr an Indien verkauft als wir! Aber das kann und wird sich verbessern. Länder in Südasien und anderswo sind unsere natürlichen Handelspartner.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass die Menschen in den ehemaligen britischen Kolonien das genauso sehen?

Van Orden: Meiner Erfahrung nach halten Ausländer mehr von uns als wir selbst – trotz der Geschichte des Kolonialismus. Wir sollten stolz auf unsere Vergangenheit sein. Und wir sind in diesen Ländern willkommen. Ich habe ein Jahr lang in Indien gelebt und reise regelmäßig dorthin. Die Inder sind uns und wir sind ihnen freundlich gesinnt. In Europa ist das Vereinigte Königreich ihre natürliche erste Anlaufstelle.

Britische Premierministerin Theresay May in Indien (November 2016): Schwierige Handelsgespräche mit Ex-Kolonien

Britische Premierministerin Theresay May in Indien (November 2016): Schwierige Handelsgespräche mit Ex-Kolonien

Foto: Dan Kitwood/ Getty Images

SPIEGEL: Die indische Regierung hat bereits deutlich gemacht, dass sie Großbritannien bei Handelsgesprächen keinen Vortritt vor der EU geben wird. Japan will bei Verhandlungen mit Großbritannien bessere Bedingungen herausschlagen als mit der EU. Die USA könnten Großbritannien demnächst mit Chlorhühnchen überschwemmen – und wollen London sogar Handelsdeals mit Nichtmarktwirtschaften wie China verbieten. Und Sie glauben, dass es für Großbritannien außerhalb der EU besser laufen wird?

Van Orden: Die EU und Indien sprechen seit 2007 über ein Handelsabkommen! 13 Jahre, und es ist wenig passiert. Jetzt haben wir eine sehr entschlossene, selbstbewusste und energische Regierung in Großbritannien. Es herrscht ein frischer, positiver Geist. Natürlich wird nicht alles einfach sein, aber wir werden den Brexit zum Erfolg machen.  Es liegt im Interesse Großbritanniens und der EU, nicht zuletzt Deutschlands, rasch zu einem reibungslosen Handelsabkommen zu gelangen. Die andere Seite des Brexits ist das globale Großbritannien. Wir müssen uns selbst wiederentdecken und unsere Rolle über Europa hinaus massiv ausbauen.

SPIEGEL: Gibt es etwas, das Sie an der EU vermissen werden?

Van Orden: Natürlich habe ich gemischte Gefühle, wenn ich nach 20 Jahren das Europäische Parlament verlasse. Ich habe viele Freunde aus verschiedenen Nationen und politischen Lagern gewonnen. Ich habe sehr gute internationale Verbindungen auf hoher Ebene. Diese Möglichkeiten und diesen Austausch werde ich vermissen.

SPIEGEL: Was also werden Sie am 1. Februar tun?

Van Orden: Ich denke, ich werde zu Hause einiges in Ordnung bringen, vielleicht ein bisschen schreiben. Aber ich muss mich weiter engagieren, vor allem international.  Ich habe eine Menge Erfahrung und werde mein Telefon nicht abschalten.

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