Gewalt gegen Frauen in Äthiopien Amnesty sieht Beweise für massenhafte Vergewaltigungen in Tigray

Der Konflikt im Norden Äthiopiens traumatisiert eine ganze Region. Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International wurden noch mehr Frauen Opfer sexualisierter Gewalt, als die ärztlichen Statistiken zeigen.
Geflüchtete Frauen aus der Region Tigray

Geflüchtete Frauen aus der Region Tigray

Foto: YASUYOSHI CHIBA / AFP

Zehn Monate schwelt der Bürgerkrieg in Tigray inzwischen – und die Folgen sind verheerend. Mehr als zwei Millionen Menschen sind vor den Kämpfen zwischen Äthiopiens Regierung und der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) bereits geflohen, die humanitäre Lage in der Unruheprovinz ist desaströs.

Die Zentralregierung um Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed setzt mit dem verbündeten Eritrea auf Hunger und Gewalt gegen Zivilisten in der Region, um den Widerstand in Tigray zu brechen.  Zuletzt hungerten schätzungsweise 400.000 Menschen.

Nun untermauert ein Report der Menschenrechtsorganisation Amnesty International Berichte, wonach Frauen in der Konfliktregion massenhaft Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Laut der Amnesty-Erhebung haben die Gesundheitseinrichtungen in Tigray zwischen Februar und April dieses Jahres 1288 Fälle sexueller Gewalt registriert. Die Zahl ist nach Angaben von Ärzten deutlich höher als üblich, und die weitaus meisten Fälle stehen in Zusammenhang mit dem Konflikt. Einem Uno Bericht aus dem April zufolge, lag die Dunkelziffer bereits damals bei mindestens 22.500.

Einige der Betroffenen infizierten sich mit HIV

Es gebe »überwältigende Beweise«, die zeigten, »dass äthiopische und eritreische Soldaten sowie Milizen für Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt in Tigray verantwortlich sind«, schreibt Amnesty.

Für den Bericht befragte die Organisation darüber hinaus 63 betroffene Frauen und Mädchen aus der Region. Sie schilderten Vergewaltigungen bei angeblichen Hausdurchsuchungen durch die Armee, wochenlangen Missbrauch von Frauen als Sexsklavinnen, die Vergewaltigung Schwangerer und Minderjähriger, begleitet von Prügel, Drohungen und Erniedrigungen. Einige der Betroffenen infizierten sich bei den Übergriffen mit Geschlechtskrankheiten und HIV.

Viele der Frauen gaben laut Amnesty an, sich bislang nicht in ärztliche Behandlung begeben zu haben. In manchen Orten fehle medizinische Infrastruktur, um Fälle überhaupt erfassen und Betroffenen helfen zu können. Die tatsächliche Zahl der Gewalttaten gegen Frauen dürfte daher deutlich höher liegen.

Mehrere Betroffene kommen zu Wort und schildern das Grauen. »Ich weiß nicht, ob sie bemerkten, dass ich schwanger war. Ich weiß nicht, ob ihnen klar war, dass ich ein Mensch bin«, wird eine Frau aus dem Ort Baaker im Westen Tigrays zitiert, die nach eigenen Angaben im November 2020 vergewaltigt wurde.

Polizeiparade in der äthiopischen Hauptstadt Addis Adeba

Polizeiparade in der äthiopischen Hauptstadt Addis Adeba

Foto: Ben Curtis / AP

Amnesty fordert die äthiopische Regierung auf, den Meldungen über sexuellen Missbrauch im Konfliktgebiet »umgehend, effektiv, unabhängig und überparteilich« nachzugehen und die Verantwortlichen in fairen Prozessen zur Verantwortung zu ziehen. Äthiopien und Eritrea sollten klare Anweisung an ihre Streitkräfte geben, um sexualisierte Gewalt zu verhindern und internationales Recht zu wahren.

Gebietsgewinne für die Separatisten

Ferner drängte die Organisation die Uno dazu, Expertinnen und Experten für sexualisierte Gewalt in die Region zu entsenden, um mit Überlebenden in Tigray oder in Flüchtlingslagern im Sudan zu sprechen.

In dem Konflikt hat die TPLF zuletzt Gebietsgewinne erzielt. Die Separatisten nahmen Berichten zufolge die Unesco-Weltkulturerbestätte Lalibela in der benachbarten Region Amhara ein. Die Auseinandersetzung zwischen den Rebellen in Tigray und der äthiopischen Regierung eskalierte, nachdem ihnen Ministerpräsident Abiy Ahmed vorgeworfen hatte, einen Armeestützpunkt angegriffen zu haben. Nach anfänglichen Erfolgen für die Armee befindet sich inzwischen die TPLF auf dem Vormarsch.

fek
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