»Humanitäre Blockade« Russen kappen Trinkwasser- und Stromversorgung von Mariupol

Russische Truppen belagern und beschießen Mariupol seit Tagen. Die Zerstörung sei »kolossal«, berichtet der Bürgermeister. Außerdem bauen die Angreifer »inneren Druck« auf: Sie lassen die Menschen hungern und frieren.
Blick auf Mariupol durch ein zerschossenes Fenster eines Krankenhauses (Foto vom 3. März)

Blick auf Mariupol durch ein zerschossenes Fenster eines Krankenhauses (Foto vom 3. März)

Foto: Evgeniy Maloletka / AP

Kurz öffnete sich ein Fenster der Hoffnung am Samstag. Eine Waffenpause wurde vereinbart, um die südukrainische Hafenstadt Mariupol zu evakuieren. Die Einwohner sollten die Stadt über humanitäre Korridore verlassen können. Die ersten Busse wurden bereitgestellt, und auch Privat-Pkw sollten sich auf den Weg machen. »Nehmen Sie so viele Menschen mit wie möglich«, appellierte die Stadt an die Autofahrer.

Doch dann beschuldigten sich Russen und Ukrainer gegenseitig, die Feuerpause nicht einzuhalten und weiter zu schießen. Die ukrainische Seite sagte die Evakuierung ab.

Und die Angreifer erhöhen weiter ihren Druck auf die Großstadt und ihre knapp eine halbe Million Einwohner. Der Bürgermeister von Mariupol, Wadym Boitschenko, sieht die Menschen einer »humanitären Blockade« ausgesetzt. In einer ukrainischen TV-Sendung beklagte er am Samstag, russische Einheiten hätten alle 15 Stromleitungen in die Stadt ausgeschaltet. Diese sei bereits seit fünf Tagen ohne Strom. Da die Heizkraftwerke für ihren Betrieb Strom benötigten, sitze man auch in der Kälte. Auch der Mobilfunk funktioniere ohne Strom nicht.

Noch vor Beginn des Krieges sei die Hauptwasserleitung abgetrennt worden, und nach fünf Kriegstagen habe man auch die Reservewasserversorgung verloren. Die russische Seite sei sehr methodisch vorgegangen, um die Stadt von jeglicher Versorgung abzuschneiden und so inneren Druck zu erzeugen, so der Bürgermeister.

Unter Beschuss: Menschen werfen sich in einem Krankenhaus in Mariupol auf den Boden

Unter Beschuss: Menschen werfen sich in einem Krankenhaus in Mariupol auf den Boden

Foto: Evgeniy Maloletka / AP

Durch den zunehmenden Beschuss und Bombardierungen sei auch die Zahl der Verletzten zuletzt in die »Tausende« gestiegen, sagte Boitschenko weiter. Wie viele Menschen ums Leben gekommen seien, sei schwer zu zählen, da man den sechsten Tag praktisch durchgehend unter Beschuss stehe. Man habe keine Chance, nach seinen Liebsten zu sehen, da der Beschuss nicht aufhöre. Es gehe um nichts anderes, als die »Ukraine von den Ukrainern zu befreien, so sehe ich das«, sagte der Bürgermeister. In Bezug auf die Stadt sprach Boitschenko von »Ruinen« und »kolossaler« Zerstörung. »Das Mariupol, das Sie kannten, gibt es nicht mehr«, sagte er zum Moderator.

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Boitschenko machte gleichzeitig der russischen Seite Vorwürfe. Busse, mit denen Menschen am Samstag über einen humanitären Korridor aus der Stadt gebracht werden sollten, seien in ihrem Versteck beschossen worden. Von 50 vollgetankten Bussen seien nur mehr 20 übrig. »Bis zur nächsten Evakuierungsmöglichkeit haben wir dann vielleicht keine Busse mehr.« Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

»Die Lebensmittel gehen aus«

Auch die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) zeichnet ein düsteres Bild von der humanitären Situation in der seit Tagen unter russischem Beschuss stehenden Stadt: Die Lage sei »katastrophal«. Der MSF-Notfallkoordinator in der Ukraine, Laurent Ligozat, sagte der Nachrichtenagentur AFP am Samstag, die Lage in der Großstadt verschlimmere sich »von Tag zu Tag«. Es sei »unerlässlich«, dass die Zivilbevölkerung über einen humanitären Korridor aus der Stadt geholt werde.

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Die Menschen in Mariupol hätten »sehr große Probleme, Zugang zu Trinkwasser zu bekommen«, sagte Ligozat. Dies werde zu einem »entscheidenden Problem«. Und: »Die Lebensmittel gehen aus, die Läden sind leer.«

Das am Asowschen Meer gelegene Mariupol steht seit Tagen unter dem militärischen Druck der vorrückenden russischen Armee. Die angekündigte Evakuierung galt als Vorbote der Einnahme der Hafenstadt. Dies würde einen Zusammenschluss der russischen Truppen mit Einheiten aus der Krim und dem östlichen Donbass ermöglichen.

oka/AFP/dpa
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