Flüchtlingstragödie Paris und London streiten über die Toten vom Ärmelkanal

Noch nie sind hier so viele Migranten gestorben: 27 Menschen, von denen viele auf Jobs in Großbritannien hofften, ertranken auf der Überfahrt. Seit Wochen verschlechtert sich die Lage in den Flüchtlingscamps von Calais dramatisch.
Aus Avranches berichtet Leo Klimm
Überreste eines Schlauchboots am Strand von Wimereux

Überreste eines Schlauchboots am Strand von Wimereux

Foto: Gonzalo Fuentes / REUTERS

In diesem Herbst sind die Dinge anders in Calais. In den Vorjahren nahm die Zahl derer, die sich auf die lebensgefährliche Fahrt über den Ärmelkanal nach Großbritannien wagen, im November immer ab. In diesem Jahr nicht, auch wenn das Wasser schon eisig kalt ist.

Seit Wochen haben die Schifffahrtsbehörden und die Flüchtlingshelfer vor Ort Alarm geschlagen und gewarnt, dass sie mit der Rettung in Seenot geratener Migranten überfordert sind. Und so schien es nur eine Frage der Zeit, bis es zur Tragödie kommen würde. »Ich bin nicht überrascht«, sagte Charles Devos von der französischen Seenotrettung SNSM, der am Mittwoch sechs Leichen vor Calais aus dem Meer barg, am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP.

Sechs von insgesamt 27 Leichen, darunter fünf Frauen und ein kleines Mädchen. Ursprünglich hatten die Behörden mehr 30 als Tote gemeldet, doch diese Zahl wurde in der Nacht zum Donnerstag nach unten korrigiert: Zwei Menschen konnten lebend gerettet werden, einer wird vermisst. Das ist die vorläufige Bilanz dieses bisher schlimmsten Flüchtlingsunglücks in der Meerenge zwischen Calais und Dover. Das überfüllte Schlauchboot, in dem die Migranten die etwa 30 Kilometer bis nach Britannien überwinden wollten, war mit Wasser vollgelaufen.

»Frankreich wird es nicht zulassen, dass der Ärmelkanal zum Friedhof wird«

Frankreichs Präsident Macron

Die Regierungen in Paris und London zeigten sich nach dem Unglück entsetzt. »Frankreich wird es nicht zulassen, dass der Ärmelkanal zum Friedhof wird«, erklärte Staatspräsident Emmanuel Macron in einem vom Elysée-Palast verbreiteten Statement. Der britische Premierminister Boris Johnson sagte, er sei »schockiert und bestürzt«. Beide Staatslenker machten kriminelle Schleuserbanden für die Tragödie verantwortlich – und schoben sich ansonsten gegenseitig die Schuld für die mangelhafte Bekämpfung dieser Banden zu. Die örtlichen Organisationen der Flüchtlingshilfe prangerten hingegen die Abschreckungspolitik beider Länder an, die Migranten dazu verleite, ihr Leben zu riskieren.

Provisorisches Lager von Migranten östlich von Dünkirchen

Provisorisches Lager von Migranten östlich von Dünkirchen

Foto: Louis Witter / dpa

Sie fliehen vor Krieg oder Armut

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ballen sich in Calais die Probleme der europäischen Flüchtlingspolitik. Doch in letzter Zeit hat sich die Lage am Küstenabschnitt um die nordfranzösische Stadt zugespitzt wie noch nie: Innerhalb der vergangenen drei Monate hat die Schifffahrtsverwaltung eine Verdoppelung der Versuche registriert, illegal Richtung Dover überzusetzen. Seit Jahresanfang wurden 7800 Menschen aus Seenot gerettet. Insgesamt drängen sich in und um Calais – von wo aus die Kreidefelsen von Dover mit bloßem Auge zu sehen sind – Behördenangaben zufolge deutlich mehr Migranten als in den Vorjahren. Der Sportartikel-Supermarkt Décathlon stoppte vor Kurzem in seinen nordfranzösischen Filialen den Verkauf von Schlauchbooten, Kanus und anderen Wassersportgeräten. Er will keine Ausrüstung für die riskanten Kanalquerungen liefern.

»Wir hatten Schwierigkeiten, einige unserer Partner davon zu überzeugen, die Dinge so anzugehen, wie es die Situation erfordert, das gilt besonders für die Franzosen«

Britischer Premier Johnson

Viele der Menschen, die in der Region auf die Weiterreise Richtung England warten, stammen aus Ländern Ostafrikas und des Mittleren Ostens. Sie fliehen vor Krieg oder Armut und hoffen auf einen Schwarzmarkt-Job in Britannien. In Frankreich hausen sie meist unter schwierigsten Bedingungen, teils in Büschen und Wäldern rund um Calais. Es ist erklärte Politik der Regierung in Paris, die allseits unerwünschten Migranten ständig in Bewegung zu halten, damit sich keine Slums bilden. Unbefugter Zugang zu den Fähren im Hafen oder zum Eingang des Eurotunnels, der westlich der Stadt Richtung Großbritannien führt, ist durch Zäune, Stacheldraht und Videokameras so gut wie unmöglich geworden.

Zwischen London und Paris entbrannte nur Stunden nach dem Drama Streit darum, welche Seite Mitschuld daran trage. »Wir hatten Schwierigkeiten, einige unserer Partner davon zu überzeugen, die Dinge so anzugehen, wie es die Situation erfordert, das gilt besonders für die Franzosen«, sagte Premier Johnson. Er drang auf noch mehr Abschreckung und eine schärfere Überwachung der Küste durch Frankreich. Ein bilaterales Abkommen aus dem Jahr 2004 trägt Frankreich den Schutz der britischen Grenze auf: Es muss die Flüchtlinge an der Überfahrt hindern. In London hegt man schon länger den Verdacht, Paris gehe dabei zu lasch vor. Tatsächlich schaffen es die meisten Migranten irgendwann nach Großbritannien – andere sterben.

1552 mutmaßliche Schleuser festgenommen

Das britisch-französische Verhältnis ist wegen des Streits um Fischfangrechte im Ärmelkanal ohnehin schon sehr angespannt. Auf Johnsons neue Kritik reagierte Macron nun besonders scharf: In der Nacht zu Donnerstag wies er den Premier am Telefon zurecht, er erwarte von den Briten, »dass sie es unterlassen, eine dramatische Situation für politische Zwecke zu instrumentalisieren«. Die Flüchtlingskrise am Ärmelkanal müsse »mit Würde, Respekt und im Geiste wirksamer Kooperation« angegangen werden. Frankreichs Staatschef verwies darauf, seit Anfang 2021 seien in der Region um Calais 1552 mutmaßliche Schleuser festgenommen und 44 Banden zerschlagen worden, die Migranten illegal befördern. Außerdem verlangte Macron die »sofortige Stärkung« der EU-Grenzschutzpolizei Frontex sowie eine Krisensitzung der Innenminister der Länder, die er von der Tragödie betroffen sieht. Dazu zählt er auch Deutschland. Am Mittwoch nahm die französische Polizei vier Personen fest, die in die Schleusung der verunglückten Migranten verwickelt sein sollen.

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Macron und seine Regierung bekommen nicht nur Druck von Großbritannien, sondern auch innenpolitisch: Einwanderungsfragen stehen im Mittelpunkt des beginnenden Präsidentschaftswahlkampfs. An diesem Donnerstagmorgen tritt in Paris ein Krisenkabinett zusammen, um über die Krise in Calais zu beraten.

Organisationen der Flüchtlingshilfe wie France terre d’asile oder Utopia 56 kritisierten, das Problem dürfe von den Regierungen nicht auf die Schleuserkriminalität verengt werden. »Die Schleppernetzwerke sind verbrecherisch, aber Frankreich und Europa sind es auch, weil sie die Menschen dazu bringen, solche Risiken auf sich zu nehmen«, sagte Yann Manzi, Gründer von Utopia 56. Großbritannien werfen die Flüchtlingshelfer vor, legale Wege zum Asylantrag zu versperren.

Am späten Mittwochabend hielten etwa 50 Menschen in Calais eine Mahnwache für die verunglückten Migranten ab. Die Suche nach weiteren möglichen Opfern wurde in der Nacht eingestellt. Sie soll am Donnerstag wieder aufgenommen werden.

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