"Charlie Hebdo"-Prozess "Wir haben Kriegsmaschinen gesehen"

Im Prozess um die Terroranschläge auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" und einen koscheren Supermarkt werden nun die Angeklagten befragt. Das Verfahren arbeitet aber auch die Taten für die Opfer auf.
Aus Paris berichtet Tanja Kuchenbecker
Eine Zeugin vor Gericht: Der "Charlie Hebdo"-Prozess beschäftigt die Französinnen und Franzosen

Eine Zeugin vor Gericht: Der "Charlie Hebdo"-Prozess beschäftigt die Französinnen und Franzosen

Foto: BENOIT PEYRUCQ / AFP

Das gläserne Gebäude des neuen Pariser Justizpalastes im Norden der Stadt wird weiträumig von Polizisten bewacht, Metallzäune wurden aufgebaut. Im Gerichtssaal ist Corona-bedingt nur jeder zweite Platz besetzt. Die Taten, um die es diese Woche geht: die Terroranschläge auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo", den koscheren Supermarkt "Hyper Cacher" und den Polizistenmord in Montrouge. Bei den Anschlägen starben im Januar 2015 insgesamt 17 Menschen.

Mit dem Verhör der Angeklagten hat der historische Prozess diese Woche einen entscheidenden Moment erreicht. Hinter Glas, von Polizisten bewacht, ist zuerst Willy Prévost an der Reihe. Der 34-jährige kräftige 1,95 Meter große Mann hat eine Glatze, er trägt eine graue Sportjacke und spricht nur zaghaft, als ihn Gerichtspräsident Régis de Jorna befragt.

Prévost wuchs zusammen mit Amédy Coulibaly in dem Pariser Vorort Grigny auf und war jahrelang dessen Handlanger. Er soll ein Auto und Waffen für ihn gekauft haben. Coulibaly erschoss in den Tagen nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" eine Polizistin im Süden von Paris und tötete vier Geiseln im "Hyper Cacher" im Osten der Hauptstadt, bevor er selbst bei der Erstürmung des Gebäudes erschossen wurde.

"Ich habe das Material besorgt, aber ich wusste nichts über die Anschläge in Montrouge und bei Hyper Cacher", sagt Prévost; er habe bei der Beschaffung des Autos und der Tatwaffe eher an eine andere illegale Tat gedacht, etwa einen Überfall. Er betont, nie Moslem geworden zu sein - und sagt, als er von den Attentaten im Fernsehen erfahren habe, sei er "schockiert" gewesen. Über die Radikalisierung von Coulibaly habe er außerdem nichts gewusst.

Und warum ließ er sich von Coulibaly benutzen? "Ich hatte Angst vor ihm", sagt er heute. Prévost erzählt von einer Geldschuld in Verbindung mit einem Drogenhandel, mit der Coulibaly ihn unter Druck gesetzt und weswegen er ihn auch zusammengeschlagen habe. Prévost muss mit 20 Jahren Gefängnis wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung rechnen.

Angeklagt sind 14 Menschen, die bei der Vorbereitung geholfen haben sollen. Drei Angeklagte wurden noch nicht gefasst. Die eigentlichen drei Täter wurden erschossen. Außer Coulibaly auch die Täter der Anschläge bei "Charlie Hebdo", die Brüder Chérif und Saïd Kouachi. Bei der Befragung im Gerichtssaal geht es vor allem um die Frage, ob die Angeklagten über die terroristischen Pläne Bescheid wussten.

Dabei dreht sich alles um die Persönlichkeit der Angeklagten und ihre religiöse Einstellung – denn diese könnte sie zur Mithilfe motiviert haben. Mehrmals führte Isabelle Coutant-Peyre, Anwältin des Hauptangeklagten Ali Riza Polat, der mutmaßlichen rechten Hand von Coulibaly, den Mangel an "Gewissheiten" in der Prozessakte an.

Seit 2. September läuft der Prozess. Das Urteil soll voraussichtlich am 10. November fallen. Zu Beginn wurden 200 Zivilkläger und Experten aufgerufen. Die Brutalität der Anschläge wurde in den Beschreibungen der Opfer und ihrer Angehörigen immer wieder deutlich. Ein Film über die Schießerei bei "Charlie Hebdo" wurde gezeigt und das Gemetzel von einem Ermittler erklärt. Blutige Körper sind in diesem Film zu sehen, einige liegen auf dem Rücken, andere Bilder zeigen die Gesichter.

Der Horror der Tat schockierte die Zuschauer, einige Zivilkläger verließen den Saal. Caty Richard, Anwältin der Zivilkläger, betonte: "Die Bilder mussten vor Gericht gezeigt werden. Wir haben Kriegsmaschinen gesehen." Auch die Überlebenden kamen zu Wort, einige leiden seit dem Anschlag unter Behinderungen. Es ging zudem um die Pressefreiheit und die Karikaturen von "Charlie Hebdo", die zu den Attentaten führten.

Der Auftritt einer Zeugin sorgte für Unverständnis bei den Strafverteidigern und auch bei einigen Anwälten der Zivilkläger. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, seit 2014 im Amt, wurde auf Anfrage einiger Zivilkläger als Zeugin in letzter Minute hinzugefügt. Die meisten Anwälte der Angeklagten verließen aus Protest den Saal, hielten das für einen Showauftritt. Sie führten an, dann hätte auch der ehemalige Präsident François Hollande befragt werden können.

Hidalgo erzählte, wie sie den Tag der Attentate bei "Charlie Hebdo" erlebt hat, bei einer Neujahrszeremonie im Rathaus. Sie war schnell vor Ort und danach ständig in Kontakt mit den Verletzten und den Familien der Opfer. Ihr Auftritt zeigte: Es geht nicht nur um die Verurteilung von Terrorismus. Der Prozess soll die Taten auch für die Opfer aufarbeiten.

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